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30. Mai 2009, 10:59 Uhr

Zuschlag bei Opel

Magna droht wochenlanges Hickhack mit GM

Von und

General Motors lässt Opel von der Leine: Magna soll die Europatochter des Konzerns retten - doch der Durchbruch in der Nacht bedeutet längst nicht das Ende der Verhandlungen, warnt GM-Manager Forster. Die Detailgespräche können wegen des rabiaten Stils der US-Seite erneut zur Belastungsprobe werden.

Berlin/Hamburg - Nach sechs Stunden harter Verhandlungen verkündete Finanzminister Peer Steinbrück die frohe Botschaft: Es sei "eine Lösung gefunden, um Opel aufrechtzuhalten", sagte der SPD-Politiker am frühen Samstagmorgen. Die Bundesregierung unterstützt jetzt offiziell das Konzept des österreichisch-kanadischen Zulieferers Magna zur Abtrennung des deutschen Autobauers von seiner quasi insolventen US-Konzernmutter General Motors (GM).

Es ist ein Durchbruch, aber noch keine finale Rettung für die Opelaner in Deutschland, Spanien, Polen, Großbritannien und Belgien. Jetzt gibt es zwar den Beschluss - und das ist nach den Turbulenzen der vergangenen Tage schon viel. Dessen Umsetzung dürfte jedoch weiter Zeit und Nerven kosten.

Wie groß die Skepsis selbst in der Regierung ist, zeigen die Äußerungen von Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Er trage die Entscheidung der Bundesregierung mit. Er sei allerdings weiter für eine geordnete Insolvenz von Opel gewesen. Der CSU-Politiker wörtlich: "Es ist eine schwere Risikoabwägung gewesen und eine, die mich zu einem anderen Schluss gebracht hat, aber in der Gesamtschau können wir sie gemeinsam tragen." Euphorie klingt anders.

GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster, der an der nächtlichen Runde im Kanzleramt teilnahm, gab die Route vor: Zum Entscheid für Magna sagte er: "Das heißt aber noch nicht, dass wir unterschriftsreife Verträge haben." Diese würden jetzt ausgearbeitet. "Wir haben den ersten Schritt getan in eine neue Zukunft, aber die Zukunft ist noch nicht da, wir müssen noch harte Arbeit leisten."

Dabei dürfte er die vergangenen Tage im Sinn gehabt haben, denn dem Kompromiss ging ein wahrer Verhandlungsmarathon voraus. Erst am Freitagnachmittag, kurz vor Ablauf der von der Regierung gesetzten Frist, sendeten die Emissäre von Magna und GM erste positive Signale. "Es gibt eine dünne Chance, dass es zu einer Lösung kommt", berichtete ein Insider aus dem Berliner Adlon Hotel, wo sich die Delegationen seit dem frühen Morgen um Details zankten.

Zeitweise sah es zuvor sogar nach einem Scheitern aus. Mit Fiat hatte sich ein potentieller Investor bereits vorzeitig aus dem Rennen verabschiedet. Und auch der Zuschlag für Magna stand auf der Kippe. Besonders die nervenaufreibende Verhandlungstaktik der GM-Truppe hatte die Magna-Vertreter zur Verzweiflung getrieben. Nach jedem mühsam erarbeiteten Kompromiss warf die US-Seite eine neue Frage auf, die schon längst geklärt schien. Es seien extrem ungewöhnliche Gespräche, berichteten Eingeweihte, "wir waren nicht sicher, ob die Amerikaner Opel überhaupt verkaufen wollen".

Die Unnachgiebigkeit der Amerikaner hatte konkrete Gründe: "GM-Chef Fritz Henderson betont immer wieder, dass er sich auf jeden Fall einen Produktionsverbund zwischen GM und Opel wünscht", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive in Bergisch Gladbach. Autoexperte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler ergänzt: "Die Verhandlungsführung, das offensichtliche Desinteresse an einer schnellen Lösung - die Entwicklungen der vergangenen zwei Tage sprachen eher dafür, dass die Amerikaner Opel gar nicht unbedingt abgeben wollen."

Immerhin: Jetzt gibt es zumindest eine Vereinbarung, die GM eine Beteiligung weiter garantiert. Experten bleiben dennoch skeptisch. "Ich gebe dem Merger eine Erfolgsquote von 20 bis 30 Prozent", sagt Wolfgang Meinig von der Bamberger Forschungsstelle für Automobilwirtschaft (FAW). "Das Thema Opel wird uns in den kommenden Wochen sicher nicht weniger intensiv beschäftigen. Die Zukunft des deutschen Autobauers bleibt extrem wackelig."

So bleibe das Problem bestehen, dass gleich mehrere Interessengruppen Opel unter sich aufteilten, was ein weiteres Gezerre um den Autobauer nach sich ziehen dürfte: Nach dem aktuellen Übernahmekonzept sollen GM und die russische Sberbank je 35 Prozent der Anteile halten. 20 Prozent will sich Magna sichern und mit zehn Prozent sollen sich die Opel-Mitarbeiter beteiligen. "Magnas Anteil ist viel zu klein, und die Sberbank soll Gerüchten zufolge finanziell alles andere als stabil aufgestellt sein", warnt Meinig.

Ob die Amerikaner in den kommenden Wochen von ihrer kompromisslosen Haltung abrücken, bleibt fraglich. Es drohen schon bald neue Finten, die das mühsam geschnürte Paket wieder in Frage stellen könnten.

Es wäre allerdings ungerecht, die harte Linie der GM-Unterhändler als bloße Geldschneiderei hinzustellen: Denn aus US-Sicht gibt es eigentlich keinen zwingenden Grund, Opel zu verkaufen: General Motors steht in den USA kurz vor einem Insolvenzverfahren, das die Regierung Obama schnell abschließen will. Geplant ist eine Abspaltung der notleidenden Konzernteile nach Art einer Bad Bank. Dem Vorschlag zufolge würden die "guten" Vermögenswerte in die neue Gesellschaft übergehen, während die "schlechten" ausgelagert und liquidiert würden.

Die entscheidende Bedingung dafür aber ist, dass die Gläubiger einer Übertragung der Vermögenswerte von der alten in die neue GM-Gesellschaft unter Insolvenzrecht zustimmen müssen, wie aus einer Mitteilung von GM an die US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht. Dabei dürfte auch Opel eine Rolle spielen, denn nach den derzeitigen Vorstellungen würden die Rüsselsheimer quasi zum Nulltarif an den neuen Eigentümer gehen.

Auch gilt Opel keineswegs als Ballast, den abzuwerfen nennenswerte Vorteile bringen würde. Die Rüsselsheimer schreiben zwar Verluste, doch nicht nur die Patente sind wertvoll. Auch auf den Zugang zum europäischen Markt kann GM-Chef Henderson nicht verzichten. Ein Verkauf wäre gegenüber den Gläubigern also nur durchsetzbar, wenn er etwas einbringen würde. Das könnte einer der Gründe dafür gewesen sein, dass die gewieften GM-Unterhändler alle Register zogen.

Über die Verhandlungstricks, die die US-Seite dabei anwendete, konnten auch die Bundesregierung und Magna in den Gesprächen noch etwas lernen. Die Bamberger Forschungsstelle für Automobilwirtschaft hat unlängst in einer Delphi-Studie (mehr auf SPIEGEL WISSEN...) Kniffe zusammengetragen, mit denen vor allem die großen US-Autobauer ihren Verhandlungspartnern in der Zuliefererbranche Zugeständnisse abtrotzen. Sie lesen sich wie eine Blaupause für den gescheiterten "Supergipfel" vom Donnerstag oder für das Hickhack mit Magna im Hotel Adlon.

Immer wieder kommt es demnach vor, dass Autobauer drittklassige Abgesandte zu Verhandlungen mit Zulieferern schicken, um einen Abschluss der Gespräche zu verzögern und den Verhandlungspartner zu demütigen. Beim Spitzentreffen im Kanzleramt hatte die US-Regierung genau diese Taktik angewandt: Sie schickte einen Vertreter ohne Prokura, der die Konsultationen regelmäßig unterbrechen musste, um sich mit seinen Vorgesetzten in Washington abzustimmen.

Auch das Verhaltensmuster, die Gesprächsagenda kurzfristig zu ändern, ist laut der FAW-Analyse wohlbekannt. Der Autobauer bringt plötzlich völlig neue Themen in die Diskussion ein, die im Vorfeld nicht ausreichend von der Gegenseite vorbereitet werden konnten. GM tat dies am Donnerstag, indem der Konzern plötzlich 350 Millionen Euro mehr forderte als zuvor besprochen. Auch die Magna-Insider sprachen von "extrem ungewöhnlichen Gesprächen". Das Ziel ist, den Lieferanten durch Überrumpelung in die Enge zu treiben und ihn in seiner Reaktion tendenziell unprofessionell wirken zu lassen.

Gegen diese Taktik konnte sich die Bundesregierung während der Verhandlungen über die Brückenfinanzierung letztendlich nur mit der Drohung zur Wehr setzen, Opel in die Insolvenz gehen zu lassen. Das habe in der Nacht zum Donnerstag für Bewegung auf amerikanischer Seite gesorgt, betonten Regierungsvertreter anschließend.

Für Magna wird das in den kommenden Verhandlungen mit GM jedoch nicht gelten. Es wird also noch eine Menge Mühe und Nerven kosten, alle Details der Übernahme zu Ende zu verhandeln.

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