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ITALIEN Zuviel gewußt

Der in New York lebende Millionenspekulant und Bankrotteur Michele Sindona, gegen den Prozesse in Italien und den USA laufen, verschwand spurlos. Entführung durch die Mafia -- oder Flucht?
aus DER SPIEGEL 34/1979

Die Killer kamen kurz vor Mitternacht. Als der Mailänder Rechtsanwalt Giorgio Ambrosoli am 11. Juli um 23.55 Uhr seinen blauen Alfa Romeo vor der Wohnung parkte und ausstieg, verstellten ihm drei Männer den Weg. Einer fragte: »Signor Ambroso-Ii?« Der Anwalt bejahte, dann streckten ihn vier Pistolenkugeln nieder.

Ambrosoli war Konkursverwalter der 1974 zusammengebrochenen, einst von dem Finanzier und Vatikan-Berater Michele Sindona beherrschten Banca PrivataItaliana (BPI). Nach mühsamen Recherchen hatte der Advokat dem Mailänder Gericht im März einen 2500 Seiten langen Bericht über die dubiosen Geschäfte des Geldinstituts und seines Inhabers vorgelegt.

Als Auftraggeber des Mordes an dem Rechtsanwalt vermuteten die Italiener daher gleich den Ex-Banker Michele Sindona, 59, der seit dem Bankrott seines italienischen Imperiums in New York lebte. Kein anderer hatte ein so einleuchtendes Motiv wie Sindona.

Doch zur Aufklärung des Falls Ambrosoli kann Sindona vorerst nichts beitragen, denn seit kurzem ist der Italiener verschwunden.

Am 2. August kam Sindona, der sich im mondänen New Yorker Apartmenthotel »Pierre« niedergelassen hatte, wider Erwarten nicht in sein Büro. Tags darauf rief ein Unbekannter dort an und erklärte: »Sindona ist unser Gefangener. Wir melden uns wieder.«

Knapp eine Woche später berichtete ein Sindona-Anwalt von einem Brief, in dem es hieß, die »proletarische Gerechtigkeit« werde Sindona den Prozeß machen. Und am vorletzten Freitag kündigte ein angeblicher Vertreter dieser »proletarischen Gerechtigkeit« telephonisch an, Sindona werde »morgen früh von einem Hinrichtungskommando erschossen«.

Doch am vergangenen Dienstag traf ein Brief Sindonas bei seiner Familie ein, in dem dieser schrieb, er werde täglich von seinen Entführern vernommen, im übrigen aber gut behandelt.

Das FBI und New Yorker Polizisten nehmen allerdings an, daß Sindona die Entführung nur vorgetäuscht hat, um unterzutauchen. Dazu hätte der Bankrotteur allen Grund. In New York hatte der Italiener nämlich vor Jahren eine weitere Bankpleite gelandet, wobei er seine Franklin National Bank zugrunde richtete. Dieser Konkurs und der Zusammenbruch der BPI sollen wohlhabende Mafiosi Millionen gekostet haben -- Grund genug für Sindona, in Deckung zu gehen.

Während seiner Glanzzeit in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre hatte sich der Geldmann mit der katholischen Kirche offenbar genausogut verstanden wie mit der Mafia.

Dem »Institut für religiöse Werke«, also der Vatikanbank, half Sindona bei schwierigen Geldtransaktionen. Vom Vatikan kaufte er auch die Liegenschafts- und Baugesellschaft Società Generale Immobiliare.

Im Jahre 1972 wurde der Wert des von Sindona kontrollierten internationalen Banken- und Firmenimperiums auf fast 25 Milliarden Mark geschätzt, wovon über eine Milliarde Mark ihm selbst gehörten.

Der Abstieg des Sizilianers begann Mitte 1974, als seine New Yorker Franklin National Bank bei Devisenspekulationen über 60 Millionen Dollar verlor. Folge: Unter den Sindona-Klienten keimte Mißtrauen, von seiner Mailänder Banca PrivataItaliana zogen immer mehr Kunden Geld ab.

Römische Staatsbanken starteten zwar eine Rettungsaktion für die BPI -doch vergebens. Im September 1974 schloß die BPI mit einem Minus von 257 Milliarden Lire (damals eine Milliarde Mark) ihre Schalter. Das Liquidationsverfahren begann, Sindona setzte sich vorsorglich nach New York ab.

Daheim spürte Konkursverwalter Ambrosoli eine (inzwischen geschlossene) mysteriöse Zürcher Bank namens Amincor auf. Dorthin hatte Sindona viele Lire-Milliarden geschleust. Über die Amincor, schrieb der römische »Espresso«, »liefen Sindonas zwielichtigste Finanzmanöver, im Zusammenhang mit der Mafia und dem Diamantenhandel«. Mit Devisengeschäften, so scheint es, half Sindona der Mafia, »schmutziges Geld« sauberzuwaschen.

Bei den Sindona-Recherchen der Justiz kam noch anderes zutage. Ein Ex-Mitarbeiter des Bankiers sowie ein Mailänder Anwalt, der die geschädigten Kleinaktionäre der BPI vertritt, versichern, Sindona habe 1974 der Regierungspartei Democrazia Cristiana (DC) zwei Milliarden Lire spendiert.

Er schaffte es mit den Milliarden immerhin, daß sein Studienfreund Mario Barone von den Regierenden der DC als Geschäftsführer des Banco di Roma eingesetzt wurde. Als Sindona kurz darauf in Geldnot kam, half Barone zum Dank aus.

Das kommunistische Parteiblatt »l'Unità« vermutet da wohl zu Recht: »Wenn Sindona vor Gericht mal auspackt, dann müssen viele hohe Herren bei uns zittern.«

Das Gestrüpp von Politik, Banken-Business und Mafia-Delikten zu roden dürfte jedoch weder einem US-Gericht -- dort sollte am 10. September erstmals verhandelt werden noch der italienischen Justiz gelingen. Die meisten der in den Fall Sindona verwickelten Banker oder Politiker drücken sich vor klaren Aussagen. Verständlich, denn: »Wer zuviel weiß und zuviel ausplaudert«, kommentiert ein Mailänder Anwalt, »dem könnte es schließlich wie Ambrosoli ergehen.«

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