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COMPUTER Zuviel versprochen

Eine Gruppe starker Konkurrenten will dem Elektronik-Konzern IBM die Führung im Bereich der Personalcomputer streitig machen.
aus DER SPIEGEL 10/1989

MCA und EISA überholen den AT-Bus, aber ob OS/2 oder MS-DOS 4.O das Rennen machen, ist noch offen. Sicher ist nur, die Zukunft gehört den 32 bit.

Wie bitte ?

Nicht nur die Laien wundern sich. In der Welt der kleinen Computer ist die große Konfusion ausgebrochen. Diese Woche werden die Besucher der größten Computer-Messe der Welt, der »Cebit« in Hannover, ratloser denn je durch die Hallen irren. Ausgerechnet die Anhänger des Marktführers IBM, die immer auf Nummer Sicher gehen wollen, wissen nicht mehr recht, wo es langgeht.

Eine »Neuner-Bande« (Branchenspott) von Computer-Herstellern aus Amerika, Japan und Europa ist zum Kampf gegen den marktbeherrschenden US-Konzern IBM angetreten. Es geht darum, wer in Zukunft die Standards für Personalcomputer (PC) setzt und damit den Markt im Griff hat. Und es geht darum, wie frei die Computer-Käufer zwischen verschiedenen Herstellern wählen können.

Der Krieg findet im Kanal statt. Das Kürzel MCA steht für »Micro Channel Architecture«. So hat IBM die Ein- und Ausgabe-Einheit ihrer vor zwei Jahren eingeführten Computer-Serie Personal System (PS)/2 genannt. Über diesen Mikro-Kanal kommuniziert der Rechner mit der Außenwelt, zum Beispiel mit Druckern oder anderen Computern, aber auch mit internen Erweiterungseinheiten, sogenannten Steckkarten.

Diese Ansammlung von Chips und Steckern scheint auf den ersten Blick nur für Technik-Freaks aufregend. Doch der Mikro-Kanal steuert nicht bloß den Datenstrom: Mit MCA, so stellt sich langsam heraus, könnte IBM den ganzen PC-Markt lenken.

Der Konzern, der seit den fünfziger Jahren das Geschäft mit den großen Rechnern beherrscht, hatte bei den Mikrocomputern bisher kein so leichtes Spiel. Erst mit mehrjähriger Verspätung war IBM 1981 in den Mikro-Markt eingestiegen. Mit seinem PC räumte der Konzern dann erst mal kräftig ab: In der besten Zeit lag der Marktanteil fast bei 50 Prozent.

Der IBM-PC setzte den Standard für fast die ganze Branche. Das Betriebssystem, das intern die Grundfunktionen des Rechners regelt, setzte sich bei fast 90 Prozent aller verkauften Mikrocomputer durch. Doch dem Konzern nützte das auf Dauer wenig. Innerhalb weniger Jahre entstanden Hunderte neuer Firmen, besonders in Fernost, die den IBM-PC nachbauten. Denn das zu über 80 Prozent aus zugekauften Teilen zusammengestellte IBM-Original war nicht durch Patente geschützt.

Auch das Betriebssystem MS-DOS (Microsoft Disk Operating System) war die Entwicklung einer damals winzigen Programmier-Werkstatt. Microsoft vergab Lizenzen für das Programm auch an Konkurrenten von IBM. Die billigen Nachbauten, Clones genannt, ließen den Marktanteil von IBM auf etwa 20 Prozent schrumpfen. Der üppige Gewinnmargen gewohnte Riese verdiente an seinen PCs kaum noch Geld.

Das sollte mit dem PC-Nachfolger PS/2 anders werden. Siegesgewiß versprach die deutsche IBM-Tochtergesellschaft ihren Händlern im April 1987 das »Geschäft der Zukunft«. Microsoft hatte für die Serie ein neues Betriebssystem OS/2 (Operating System) entwickelt. »Ende 1989«, verkündete Microsoft-Chef William H. Gates, werde OS/2 »das Feld beherrschen«.

Doch damit hatte er zuviel versprochen. Erst Anfang vergangenen Jahres, neun Monate nach der Vorstellung der neuen IBM-Computer, war OS/2 überhaupt lieferbar. Nur für zwei Prozent der 1988 verkauften Rechner des IBM-Standards verlangten die Kunden das neue System. Erst 1992, so schätzt Microsoft nun, werden OS/2 und das alte MS-DOS gleichziehen.

Die Kunden sind verunsichert. Das neue System kann einiges mehr als sein Vorgänger: Es läßt zum Beispiel mehrere Anwendungsprogramme gleichzeitig laufen und funktioniert schneller und besser im Netzwerk mit anderen Computern. Doch dafür verbraucht OS/2 viermal soviel Platz im Computer-Speicher wie MS-DOS.

Inzwischen hat Microsoft zudem eine verbesserte Version seines MS-DOS angekündigt, die sich den Leistungen der Neuentwicklung annähert. Microsoft-Chef Gates ist mittlerweile wieder ganz begeistert von seinem Ur-Produkt: »Das ist das Beste, was wir haben.«

Die neue Version (MS-DOS 4.O) entfaltet allerdings nur dann ihre volle Kraft, wenn ein entsprechend starker Ein- und Ausgabe-Kanal im Gerät vorhanden ist, zum Beispiel vom Typ MCA. Ein absurder Effekt scheint möglich: Nicht das neue OS/2, auf das alle gebannt gestarrt haben, setzt sich durch, sondern das aufgemotzte MS-DOS. Aber nun kassiert IBM über Lizenzen für den Mikro-Kanal auch bei den DOS-Konkurrenten mit.

Mit den volltönenden Versprechungen für das neue Betriebssystem haben IBM und sein Partner Gates die Konkurrenz geschickt geblufft. Denn nicht über den Standard des Betriebssystems wird der Kampf um Marktanteile ausgetragen, sondern mittels des ominösen Kanals. Der MCA enthält mehrere eigene Entwicklungen von IBM, für die der Konzern Patentschutz beantragt hat. Für MCA-Nachbauten verlangt IBM von seinen Konkurrenten Lizenzgebühren. Die Höhe der Abgaben hält der Konzern ganz flexibel - und kann damit die Wettbewerber unauffällig lenken.

Andere Großunternehmen wie etwa die italienische Olivetti müssen überhaupt nicht mit Geld zahlen - es werden Lizenzen ausgetauscht. Die kleinen Preisverderber aus dem Fernen Osten aber, die IBM bisher so lästig waren, müssen bar zahlen.

Zunächst hatten die Konkurrenten über die Kanalisationsarbeiten von IBM nur gespottet. Doch inzwischen sehen sie das etwas anders. Immer mehr PCs werden in Netzwerken verbunden, die Datenflut schwillt an, die Programme werden immer komplexer, und alle Bits drängeln sich am engen Ein- und Ausgang alter Bauart, dem sogenannten AT-Bus. Der Mikro-Kanal dagegen - 32 bit breit - läßt die Daten wieder fließen: In einer Sekunde rauscht der Inhalt von 10 000 Schreibmaschinen-Seiten durch.

Um nicht von IBM abhängig zu werden, beschloß die Neuner-Bande, darunter Compaq und Olivetti, einen eigenen Kanal-Standard EISA (Extended Industry Standard Architecture). Der Gegen-Kanal befreit die Kundschaft von einer besonderen Tücke der IBM-Entwicklung. In die Stecker des IBM-Kanals MCA passen die alten Steckkarten nicht hinein. Bei EISA können die Computer-Besitzer ihre bisherigen Zusatzeinrichtungen weiternutzen. Freilich: Vor Ende dieses Jahres wird es keine Computer nach dem EISA-Standard geben. Zu lange haben sich die IBM-Konkurrenten über die Kanal-Frage zusammenraufen müssen. Unterdessen hat IBM fast vier Millionen PS/2 Rechner verkauft. Etwa die Hälfte davon ist mit dem Micro Channel ausgestattet. Der Marktanteil des Konzerns liegt bei etwa 20 Prozent, im Segment der teureren Maschinen ist er höher.

Zunehmend bewerben sich Konkurrenten um Lizenzen für den IBM-Kanal. Sogar einige Bandenmitglieder wie Olivetti und die US-Firma Tandy fahren zur Sicherheit zweikanalig: Noch vor den EISA-Rechnern bringen sie Maschinen mit dem IBM-Kanal heraus.

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