Henrik Müller

Zuwanderung Das zweite deutsche Wirtschaftswunder

Ohne die Zuwanderer der vergangenen Jahre hätte sich die deutsche Wirtschaft nicht so gut entwickelt. Hunderttausende Flüchtlinge könnten nun dafür sorgen, dass sich dieses zweite Wirtschaftswunder fortsetzt.
Flüchtlinge in Berlin: Timing könnte kaum günstiger sein

Flüchtlinge in Berlin: Timing könnte kaum günstiger sein

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Am Ende eines turbulenten Jahres ist es Zeit für eine vorläufige Bilanz. Wie werden wir dereinst auf 2015 zurückblicken - als das Jahr, das den Niedergang Deutschlands einläutete, oder in dem eine neue dynamische Phase begann?

Das prägende Ereignis dieses Jahres, die größte Zuwanderungswelle seit Generationen, hat bei den Bundesbürgern einen heftigen Pendelschlag der Gefühle ausgelöst: zwischen willkommenskultureller Euphorie und Überfremdungsangst, zwischen Wir-schaffen-das-Rhetorik und Grenzen-dicht-Forderungen, zwischen den Helfenden vor dem Münchner Hauptbahnhof und den Brandanschlägen auf Asylbewerberunterkünfte. Entsprechend gespalten ist das Meinungsbild: Knapp die Hälfte der Bundesbürger glaubt, der Zuzug überfordere Deutschland. Dass die Integration der Flüchtlinge überwiegend gelingen werde, glaubt derzeit nur noch eine Minderheit der Befragten, wie das Dezember-Politbarometer des ZDF zeigt.

Wir schaffen das? Die Zweifel sind groß.

Versuchen wir einen Perspektivwechsel. Was wäre, wenn nicht so viele Menschen ins Land kämen? Ganz klar: Wir würden intensiv darüber nachdenken, wie - und von wo - wir weitere Zuwanderer anlocken könnten. Denn Deutschland braucht Immigranten, viel mehr als in den vergangenen Jahrzehnten. Und sie werden aus immer weiter entfernten Ländern und Kulturen kommen müssen.

Neuankömmlinge gerade zur richtigen Zeit

So schrecklich die Gründe für die Flucht sein mögen: Aus deutscher Sicht könnte das Timing kaum günstiger sein. Die Neuankömmlinge kommen gerade zur richtigen Zeit: Die Wirtschaft läuft, die Beschäftigung steigt, und die Zuwanderung aus dem übrigen Europa flaut allmählich ab.

Ein paar Zahlen: Eine Studie des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland unter realistischen Annahmen bis zum Jahr 2050 einen Zuwanderungsüberschuss von mehr als 500.000 Personen jährlich braucht. Nur dann lässt sich das Potenzial an Arbeitskräften halbwegs stabil halten. Kommen weniger Menschen ins Land, gehen Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung unausweichlich voran.

Was wir derzeit erleben - der Zuzug von vielen Hunderttausend Nichteuropäern -, das ist die neue Normalität. Im Durchschnitt der Jahre 1950 bis 2000 wanderten im Schnitt 200.000 Menschen mehr ein als aus. In den Nullerjahren ging dieser Zuwanderungssaldo zurück, zeitweise wurde Deutschland zum Emigrationsland. Erst seit 2010 kommen wieder mehr als gehen. Es sind überwiegend Europäer, darunter viele hoch qualifizierte EU-Bürger, die sich ohne Probleme in den Arbeitsmarkt integrierten.

Um es klar zu sagen: Ohne den Zuzug der vergangenen Jahre hätten sich weder die Wirtschaft noch die Staatsfinanzen so positiv entwickelt; Deutschland würde längst in der demografischen Falle feststecken.

Noch 2010 hatten Demografen vorgerechnet, der Höhepunkt der Bevölkerungsentwicklung sei erreicht; bis 2025 würden dem Arbeitsmarkt mehr als dreieinhalb Millionen Menschen verloren gehen - ein zunächst allmählicher, dann beschleunigter Niedergang. Glücklicherweise ist es nicht so gekommen: Die Zuwanderungswelle, die nun in ihr siebtes Jahr geht, bildet das demografische Fundament für das zweite deutsche Wirtschaftswunder.

Immigrantenzahlen werden sinken

Doch die Immigration aus dem übrigen Europa dürfte ihren Höhepunkt inzwischen überschritten haben: zum einen weil sich die wirtschaftliche Lage in Ländern wie Spanien zu entspannen beginnt, zu anderen weil auch in Süd- und insbesondere in Osteuropa die heimische Bevölkerung nicht mehr wächst. Künftig ist deshalb mit sinkenden Immigrantenzahlen aus der Nachbarschaft zu rechnen.

Damit sind wir bei den Flüchtlingen von heute. Sie werden einige Zeit benötigen, bis sie soweit integriert sind, dass sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen. Einige werden Deutschland auch wieder gen Heimat verlassen, falls sich die Lage dort stabilisiert. So kalkuliert der Sachverständigenrat zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung mit einer ganz allmählichen Zunahme der Erwerbstätigkeit der heutigen Flüchtlinge. In den kommenden beiden Jahren werden demnach kaum mehr als 100.000 der Neuankömmlinge aktiv sein; erst 2020 dürften Zahlen von 400.000 bis 500.000 erreicht sein.

Aus deutscher Sicht ist dies eine vorteilhafte Fügung: Just zu dem Zeitpunkt, da die europäische Zuwanderung abnimmt, kommen neue Immigrantengruppen auf den Arbeitsmarkt. Sie verschieben die demografische Wende, samt ihrer unangenehmen ökonomischen Folgen, immer weiter in die Zukunft.

Gegenfrage: Was wäre die Alternative?

Die Herausforderung besteht darin, die Immigranten, die aus humanitären Gründen ins Land gekommen sind und hierbleiben möchten, passend zu qualifizieren. Eine zugegebenermaßen große Aufgabe für Wirtschaft und Staat - die sich allerdings relativiert, wenn man bedenkt, dass noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war, überhaupt so viele Menschen dazu zu motivieren, ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland zu wählen.

Es bleibt dabei: Um die Zuwanderungsdynamik zu erhalten, müssen wir Menschen von anderswo einladen, hierzulande heimisch zu werden und sich hier produktiv zu entfalten. Künftige Zuwanderer werden überwiegend aus Ländern mit hohen Geburtenraten kommen müssen, also nicht aus Europa, sondern aus Asien und Afrika. Die Integration dürfte schwieriger werden als in der Vergangenheit.

Schaffen wir das? Wollen wir das?

Gegenfrage: Was wäre die Alternative? Ohne Zuwanderung würden Deutschland nach IAB-Berechnungen in 20 Jahren rund zehn Millionen Arbeitskräfte fehlen. Hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich ein trübes Szenario: Alterung, Schrumpfung, Niedergang. Es gibt Nationen, die sich bewusst für diesen Weg entscheiden, Japan etwa. Die Deutschen sind davon weit entfernt.

So gesehen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass wir 2015 im Rückblick als Wendejahr in eine bessere Zukunft sehen werden.

Die wichtigsten Ereignisse der kommenden Woche

Montag

Tokio - Graue Realität - Während japanische Konzerne wegen der demografischen Problemen daheim Rekordsummen im Ausland investieren, veröffentlichen die Statistiker neue Zahlen zur Industrieproduktion.

Dienstag

Rom - Italienische Stimmung - Neue Zahlen zum Geschäftsklima und Verbrauchervertrauen im dauerkriselnden Italien.

New York - Amerikanische Konjunktur I - Nach zuletzt enttäuschenden Wachstumszahlen geben Werte zum Verbrauchervertrauen neuen Aufschluss über den Zustand der US-Wirtschaft.

Mittwoch

Frankfurt - Big Easy - Wird die EZB noch mehr tun, um die Wirtschaft und die Inflation anzukurbeln? Neue Zahlen zur Entwicklung der Geldmenge (M3) geben Hinweise auf die Wirksamkeit der bisherigen Maßnahmen.

Donnerstag

Chicago - Amerikanische Konjunktur II - Um die Anschaffungsstimmung in der Wirtschaft zu erkunden, werden die Einkaufsmanager befragt. Neue Zahlen für die USA im Dezember.

Freitag

Riad - Frieden? - Voraussichtlicher Beginn der Verhandlungen zwischen syrischer Opposition und Regierung.

Kiew/Brüssel - Freiheit? - Das Handelsabkommen zwischen der EU und der Ukraine tritt in Kraft.

Den Haag - Hartelijke groet - Die Niederlande übernehmen die EU-Ratspräsidentschaft fürs erste Halbjahr 2016.

Zum Autor
Foto:

Institut für Journalistik, TU Dortmund

Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für den SPIEGEL gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.