Euro-Rettung Briten wettern gegen Bankraub auf Zypern
Demonstration gegen Sparerenteignung auf Zypern: Man spricht Englisch
Foto: YORGOS KARAHALIS/ REUTERSEs dauerte nicht lange, bis die britische Boulevardpresse Witterung aufnahm. Am frühen Samstagmorgen hatten Euro-Gruppe und IWF das Rettungspaket für Zypern beschlossen. Schnell war klar: Zehntausende britische Bürger auf der Mittelmeerinsel, darunter 3500 Soldaten und Diplomaten, sind ebenfalls von der nun verhängten Strafsteuer für Sparer betroffen. Und alles bloß, weil der Euro, diese verhasste Fremdwährung, wieder mal gerettet werden muss.
Schlagartig wurde aus einer Rettungsaktion, die nur die Euro-Zone betraf und damit aus britischer Sicht uninteressant war, eine innenpolitische Aufreger-Story. Die Zeitungen waren voll mit Geschichten britischer Rentner, die sich um ihre Ersparnisse betrogen sahen.
"Der große EU-Bankraub", titelte die "Daily Mail". Bis zu 60.000 Briten seien von diesem "schockierenden Angriff" betroffen. Darunter ist auch der frühere BBC-Korrespondent Chris Drake, 70, der sich in Limassol zur Ruhe gesetzt hat. "Den Leuten wurde gesagt, dass ihr Geld sicher sei und dass sie es nicht wegschaffen sollten", sagte Drake. "Und nun kündigen sie so was an."
Die britische Regierung beeilte sich zu versichern, dass sie die auf Zypern stationierten Soldaten und Diplomaten für ihre Verluste entschädigen werde. "Jeder, der unserem Land auf Zypern dient, wird vor dieser Steuer geschützt sein", kündigte der konservative Finanzminister George Osborne in der sonntäglichen BBC-Talkshow "Andrew Marr" an. Sein Ministerium werde dafür bis zu eine Million Pfund bereitstellen.
Angesichts der geschätzten britischen Einlagen in Höhe von zwei Milliarden Euro wird die Staatshilfe allerdings nicht lange reichen, zumal auch andere Gruppen Forderungen anmelden. Dennis Wheatley, ein pensionierter Postbeamter auf Zypern, sagte im "Daily Express", die Regierung solle auch alle britischen Rentner auf Zypern entschädigen.
Die Strafsteuer sei ein Signal an Sparer in Griechenland, Spanien und Italien
Osbornes Ankündigung ist umstritten: Denn indirekt beteiligt sich die britische Regierung nun an einer Euro-Rettungsaktion - bislang ein Tabu für Premier David Cameron. Dies sei "ein weiterer Grund, aus der EU auszutreten", kommentierte der "Daily Express". Die Nichtmitgliedschaft in der Euro-Zone schütze nicht davor, mit hineingezogen zu werden. Der zyprische "Bankraub" sei der Beweis, dass die Euro-Zone langsam implodiere.
Viele Blätter spekulierten düster über die nun bevorstehende Bankkunden-Panik in ganz Südeuropa. Die Strafsteuer sei ein Signal an Sparer in Griechenland, Spanien und Italien, ihre Ersparnisse in Sicherheit zu bringen, schrieb der konservative Stratege Tim Knox in der "Times": "Wenn es in Zypern passieren kann, kann es auch an jedem anderen Ort in der Euro-Zone passieren."
Von einer um sich greifenden Panik war am Montag zwar zunächst nichts zu erkennen. Doch die Strafsteuer war Wasser auf die Mühlen der professionellen EU-Kritiker auf der Insel. "Diese Zehn-Prozent-Steuer ist Diebstahl, schlicht und einfach", kommentierte Nigel Farage, Vorsitzender der United Kingdom Independence Party (UKIP). Er empfahl, die Zyprer darüber abstimmen zu lassen, ob sie in der Euro-Zone bleiben wollten.
Das Kalkül der Troika ist nicht aufgegangen
Der konservative Europaabgeordnete Daniel Hannan wetterte in der "Daily Mail" gegen "die Fanatiker, die alles tun, um den Euro zu retten". Es sei von Anfang an klar gewesen, dass früher oder später auch die Sparer bluten mussten. "Unsere Herren in Brüssel sind eher bereit, den Kontinent ins Elend zu stürzen als den Euro aufzulösen."
Mehrere britische Zeitungen stellten es so dar, als habe Deutschland die Enteignung der Kleinsparer gefordert. Dabei hatte die Bundesregierung vor allem auf einem Beitrag der reichen Ausländer bestanden, die auf Zypern Konten unterhalten. Die zyprische Regierung hingegen wollte diese Gruppe nicht übermäßig belasten, weil sie fürchtet, Zyperns internationalen Ruf als Steueroase zu gefährden. Die Regierung zog es vor, die Steuer auf die gesamte Bevölkerung auszudehnen. Nach den wütenden Protesten steuert sie nun offenbar um: Vermögen über 500.000 Euro sollen laut "Wall Street Journal" mit 15 statt nur 9,9 Prozent besteuert werden. So kann die Belastung der Vermögen unter 100.000 Euro auf drei Prozent sinken.
Nicht nur die britische Reaktion zeigt: Das Kalkül der Troika aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank ist nicht aufgegangen. Sie hatte offenbar gehofft, dass Zypern zu klein sei, um größere Unruhe in Europa zu entfachen. Doch haben Beobachter quer durch den Kontinent erkannt, dass hier ein Prinzip verletzt wurde. Die Euro-Gruppe habe mit dieser Steuerkonstruktion bewusst die EU-Einlagensicherung ausgehebelt, sagte die britische Europaabgeordnete Sharon Bowles. "Wäre sie eine Bank, würde sie wegen Kundentäuschung vor Gericht gestellt."