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Gewerkschaften Zwei Kisten Sekt

Intrigen in der Gewerkschaft NGG: Die zurückgetretene Vorsitzende fühlt sich unfair behandelt.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Ganz friedlich hatten die Vorstände der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) in Darmstadt mit ihrer Vorsitzenden getagt. Die Welt, glaubte Thomas Gauger auf dem Heimweg, war in bester Ordnung.

Am nächsten Tag erreichte den nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden ein überraschender Anruf. »Ich bin vom Stuhl gerutscht«, sagt Gauger.

Die Gewerkschaftsvorsitzende Jutta Kaminsky, teilte die Zentrale mit, war nach der Sitzung des NGG-Hauptvorstandes am 25. September von allen Ämtern zurückgetreten. Sie ließ die konsternierten Kollegen stehen und wurde fortan nicht mehr gesehen.

Seitdem geht es bei der Gewerkschaft drunter und drüber. »Es ist eine sehr brisante Situation entstanden«, sagt der Hamburger Reiner Wittorf.

Vor drei Jahren stolperte der langjährige NGG-Chef Günter Döding über die co-op-Affäre. Seitdem hat die einst kleine, aber feine Gewerkschaft Pech mit dem Führungspersonal. Döding-Nachfolger Erich Hermann ging nach einem Jahr in Rente. Dessen Nachfolger Heinz-Günter Niebrügge vergraulte ein halbes Dutzend kompetenter Fachleute und schied im Sommer dieses Jahres aus gesundheitlichen Gründen aus.

Drei Monate später wirft die kommissarische Vorsitzende Kaminsky, 45, völlig unerwartet den Job hin - sechs Wochen vor dem geplanten Gewerkschaftstag, auf dem sich die erste Frau an der NGG-Spitze die Zustimmung der Basis holen sollte. Eilig wurde der bisherige Hauptkassierer Franz-Josef Möllenberg als Ersatzmann für den Vorsitz nominiert. Auch eine Frau konnte der Vorstand auf die Schnelle besorgen: Frauke Dittmann soll die Finanzen übernehmen. Doch ausgestanden ist das Debakel damit nicht.

Aus »persönlichen, familiären Gründen«, erklärt die Zentrale bedauernd, sei Kaminsky zurückgetreten. Die unerfreulichen Vorgänge, die sie selbst in einem Brief an die Kollegen zur Begründung anführt, verschweigen die Herren vom Vorstand lieber.

Kaminsky fühlt sich von der Gewerkschaft verraten. Ihr sei klargeworden, schreibt sie, daß sich das vielbeschworene »Miteinander nur auf einige wenige Kolleginnen und Kollegen bezieht«.

Warum sonst, fragt sie, sei diskutiert worden, wie sich die Chefin vor dem regulären Gewerkschaftskongreß 1994 auf einen repräsentativen Posten beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) abschieben ließe? Warum sonst hätten Betriebsräte der NGG mit anderen DGB-Gewerkschaftern gewettet, daß sie nicht gewählt würde? Zwei Kisten Sekt, so Kaminsky, sei der Einsatz gewesen, den die eigenen Leute gegen sie gesetzt hätten.

»Die Art und Weise, wie man hinter meinem Rücken über mich hergezogen ist«, schreibt die frustrierte Ex-Vorsitzende, »zeigte mir ganz eindeutig, wohin die Reise gehen soll.« Die Delegierten sollten davon überzeugt werden, daß sie für das Spitzenamt nicht tauge.

Die Kollegen in Zentrale und Landesverbänden fühlen sich unschuldig. »Wir können uns keinen Reim darauf machen, Anti-Stimmung hat es nicht gegeben«, behauptet ein Funktionär.

Die breite Mehrheit, beteuern die Landesfürsten, sei Kaminsky sicher gewesen. Der Hauptvorstand hätte hinter ihr gestanden. »Offensichtlich«, vermutet der bayerische Landesvorsitzende Erwin Berger, »hat die gute Frau die Nerven verloren.« Allein der Leipziger NGG-Chef Manfred Werske scheint zu wissen, was Kaminsky meint. Öffentlich prangerte er die »Intrigenspiele« an. NGG-Funktionäre, sagte Werske in einem Zeitungsinterview, hätten sich darauf verständigt, die Vorstandsfrau zu demontieren. Die Zentrale rief den ehrlichen Sachsen prompt zur Ordnung.

Von den Widerständen gegen die Kandidatin wird nach dem bedrückenden Abgang nur noch ungern geredet. Die Kritiker störten sich an ihrem schnellen Aufstieg von der einfachen Funktionärin zum Vorstandsmitglied; daß künftig eine Frau der Gewerkschaft vorstehen sollte, war etlichen ein Greuel.

Mit dem Rücktritt, schrieb Kaminsky trotzig, »ist der Weg frei für einen Neuanfang«. Doch gerade den, befürchten besonnene Funktionäre, hat sich die Gewerkschaft eher erschwert. »Kaminsky«, sagt ein Vorständler, »war so etwas wie ein Neuanfang.«

Mit »der Jutta« an der Spitze sollte die NGG aus der Agonie herausfinden, eine stabile Führung bekommen und neue Ideen entwickeln. »Wir hatten noch nie ein so gutes Gefühl über die Zukunft«, sagt ein Funktionär, »wie in den letzten Monaten.«

Jutta Kaminsky hat davon anscheinend zuwenig zu spüren bekommen. Wie sehr die Kritik an ihr nagte, haben die Kollegen nicht bemerkt.

Nun will die Ex-Chefin von ihrer Gewerkschaft nichts mehr wissen. Die Mitarbeiter, die nach dem Abgang reuig bei ihr anriefen, ließ Kaminsky abblitzen. Sie ging nicht mehr ans Telefon.

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