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FRIDERICHS Zweite Wirklichkeit

Der Chef der Dresdner Bank geht nun doch endgültig: Seine Kollegen wollten nicht länger warten. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Äußerlich war vorletzten Samstag, auf dem Ball des Sports, alles wie immer: Begleitet von seiner Ehefrau und zwei Bodyguards, schritt Hans Friderichs lächelnd durch die Mainzer Rheingoldhalle.

Aufmerksamen Beobachtern freilich, die mit den Ritualen derlei öffentlicher Promenaden vertraut sind, fiel das Verhalten des Publikums auf. Während das Gros der Gäste sich in früheren Jahren dem Chef der Dresdner Bank entgegenreckte, schien diesmal ein geheimes Kommando diskrete Distanz anzuordnen: Wo Friderichs vorbeikam, trat der Gast einen halben Schritt zurück.

Volkes Sinne hatten den Abgang des Chefs der zweitgrößten westdeutschen Bank offenbar erahnt. Drei Tage später rief Hans Friderichs bei seinen engsten Freunden an und teilte ihnen mit, was am nächsten Tag in den Nachrichten laufen werde: Die Karriere des ehemaligen FDP-Wirtschaftsministers und Bankiers, der sich in ein paar Monaten vor Gericht wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit und der Steuerhinterziehung verantworten muß, ist beendet. Nach Otto Graf Lambsdorff hat die Flick- und Parteispendenaffäre ihr zweites prominentes Opfer.

Anders als Lambsdorff, dessen Abgang aus dem öffentlichen Amt des Wirtschaftsministers bei der Anklageerhebung völlig klar war, hatte Friderichs lange Zeit die irrige Hoffnung gehabt, in seinem privatwirtschaftlichen Job besser geschützt zu sein. Stets gab er die Parole aus, daß er draußen in der Wirtschaft als unschuldig Verfolgter gelte und diese Märtyrerrolle für die Bank durchaus nicht von Nachteil sei.

So falsch war das nicht. Viele Manager, denen die Flick-Affäre ein Kavaliersdelikt zu sein scheint und die selbst im halbwegs guten Glauben über steuerliche Umwege an die Parteien gespendet hatten, bekundeten Friderichs ihr Verständnis.

Doch Friderichs übersah oder wollte nicht sehen, daß neben derlei Kundgebungen längst eine zweite Wirklichkeit entstanden war. Bankiers und Großkunden fragten sich und andere, allerdings nicht ihn selbst, wie lange Friderichs noch in dem sensiblen Bankgewerbe tätig sein wolle. In Amerika berichteten Zeitungen wie die »New York Times« oder das »Wall Street Journal« über die Vorwürfe gegen den Bankier.

Ein deutscher Spitzenbanker wurde von einem Kollegen in Hongkong mit der Frage begrüßt: »Na, sitzt er schon?« Der weltweiten Bankengemeinde war es ziemlich egal, ob auch noch dieser oder jener Fabrikant in der Bundesrepublik wegen der Parteispenden angeklagt wurde: Dort zählt lediglich die Nachricht, daß der Chef der zweitgrößten deutschen Bank bald auf der Anklagebank zu sehen sein würde. An Details mochte allenfalls, gewissermaßen zur Erheiterung, noch von Interesse sein, daß Friderichs während der Ermittlungen FDP-Kassenbücher durch den Reißwolf der Dresdner Bank hatte jagen lassen.

Daß Hans Friderichs kein Gespür dafür hatte, das Spiel verloren zu haben, mag sich aus seiner Biographie erklären: Der permanente Aufstieg schloß offenkundig den Abstieg aus.

Mit 33 Jahren war der promovierte Volkswirt, der Sohn eines Landarztes, in Bonn Geschäftsführer der FDP. Mit 41 Jahren, nach einem flinken Wechsel zwischen einer Koalition mit der CDU im Land Rheinland-Pfalz und der SPD in Bonn, wurde Friderichs jüngster Wirtschaftsminister der Bundesrepublik. Dank seines schnellen Verstandes gehörte er zu den dominierenden Figuren im Kabinett Helmut Schmidts. 1976 befürwortete Friderichs die steuerlichen Wünsche des Hauses Flick.

Zwei Jahre später, nicht zuletzt durch die Fürsprache seines Freundes Eberhard von Brauchitsch, folgte Friderichs dem ermordeten Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto nach. Zunächst in der Branche als teurer Lehrling verspottet, der vor allem bei der Sanierung der AEG einige Male ins Stolpern geriet, hatte Friderichs die Bank nach ein paar Jahren fest im Griff. Die Erfahrungen im politischen Nahkampf zahlten sich aus. Friderichs drängte drei Kollegen, zuletzt den messerscharfen Manfred Meier-Preschany, aus dem Vorstand und organisierte die Bank um.

Er war auf der Höhe seiner Macht, als das Bonner Landgericht Mitte letzten Jahres die Bestechlichkeits-Anklage im Fall Flick zuließ. 375 000 Mark, so der Vorwurf, soll Friderichs für seine Partei bei dem allzeit liquiden Eberhard von Brauchitsch als Gegenleistung für die Steuerbefreiung eingesammelt haben.

Friderichs überzeugte seinen Aufsichtsratsvorsitzenden Helmut Haeusgen, daß dies durchaus kein Grund sei, zurückzutreten. Es wurde vereinbart, daß der Angeklagte für die Dauer des Prozesses von seinem Job freigestellt werden sollte und er später, so erzählte es jedenfalls Friderichs selbst, durchaus zurückkehren könne.

Noch zu Beginn dieses Jahres bekräftigten Haeusgen, Friderichs und dessen Übergangs-Nachfolger Wolfgang Röller diese Übereinkunft. Dann aber brachen über Friderichs »vier harte Wochen« herein, wie ein Familienmitglied sagt.

Zunächst verschob das Bonner Landgericht den Prozeß gegen Friderichs, Lambsdorff und von Brauchitsch, da neben der Flick-Anklage nun auch noch die Beschuldigungen wegen der Steuerhinterziehungen im Parteispendenverfahren eintrudelten.

Die neue Verlängerung der Hängepartie veranlaßte die Frankfurter »Börsenzeitung«, die in der Branche allgemein als das Zentralorgan der Großbanken gilt, unter der Überschrift »Die Schatten werden länger« zu einigen unfreundlichen Bemerkungen. Dann kolportierte das Hamburger »manager magazin« den unbekümmerten Friderichs-Spruch: »Alle Vorstandsaktivitäten laufen weiter über mein Büro.«

Mit dieser Bemerkung brachte Friderichs schließlich seine Kollegen, die bis

dahin den Machtanspruch ihres »freigestellten« Chefs erduldet hatten, gegen sich auf. Vorstandsmitglied Karl-Ludwig Bresser wollte vom Aufsichtsrat Haeusgen wissen, ob man sich denn immer diese peinliche Frage nach der zukünftigen Führung der Bank stellen lassen müsse. Wolfgang Leeb, neben Röller stärkste Persönlichkeit im Vorstand der Bank, drängte auf eine Entscheidung.

Am 25. Januar schließlich war das Ende der Friderichs-Karriere endgültig besiegelt. Als die Bonner Staatsanwaltschaft nämlich ihre Nachtrags-Anklage wegen Steuerhinterziehung vorlegte, gab es eine Überraschung. Jene 1,7 Millionen Mark Steuer, die Friderichs hinterzogen haben soll, stehen nicht in Verbindung etwa mit alten Friderichs-Aktivitäten als FDP-Politiker: Sie stehen »im Zusammenhang mit Spendenzahlungen der Dresdner Bank AG«.

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