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»Zweitwohnsitz für Ihr Geld«

Milliarden sind auf der Flucht. Wie 1988, als Bonn mit der Quellensteuer drohte, bringen die reichen Deutschen ihr Vermögen wieder in Sicherheit. Die drohende Zinsbesteuerung, aber auch die Angst vor einem Lastenausgleich treibt sie ins Ausland. Die Banken in Luxemburg sind auf diese Kundschaft bestens eingestellt.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Das kleine Cafe am Boulevard Konrad Adenauer 2 in Luxemburg ist gut besucht. Eine Kellnerin bringt kostenlos Getränke, als Zeitungslektüre liegen Wall Street Journal und Financial Times aus.

Biederer deutscher Mittelstand ist hier versammelt, Männer in grauem Kammgarn, Frauen im knitterfreien Kostüm. Die Aktenköfferchen sind zwischen die Beine geklemmt, die Handtaschen an den Körper gepreßt - viele haben gebündelte 1000-Mark-Scheine dabei.

Das Cafe mit 40 Plätzen liegt in der riesigen Eingangshalle der Deutschen Bank Luxembourg, und die Gäste warten alle auf einen Termin. Das dauert manchmal, denn die Kundenbetreuer schaffen nur mit Mühe den Andrang. »Es ist der Wahnsinn«, stöhnt Anlageberaterin Renate Greinert.

Massenweise haben die Deutschen sechsstellige Beträge von ihren Konten abgehoben, um das Geld auf eine der 187 Banken in Luxemburg zu bringen, sicher vor dem Zugriff des deutschen Fiskus. In riesigen Mengen schwappt derzeit Bares nach Luxemburg. »Wir müssen uns neue Geldzählmaschinen anschaffen«, sagt ein Manager der Dresdner Bank.

Ulrich Kirk leitet seit vielen Jahren den Luxemburger Ableger der Bayerischen Landesbank, aber einen solchen Ansturm wie in den vergangenen Monaten hat er noch nie erlebt. Einmal, am Tag nach Christi Himmelfahrt, erzählt er, »standen so viele Leute in unserer Eingangshalle, daß die sich gegenseitig auf die Füße traten«. Der Zulauf deutscher Privatkunden, meint er, sei in diesem Jahr »noch größer als 1988«.

Damals war es die geplante Quellensteuer, die das Kapital ins sichere Ausland trieb, heute sind es die jüngsten Bonner Pläne zur Zinsbesteuerung und die Angst vor neuen Abgaben zur Finanzierung der deutschen Einheit.

Erträge aus Vermögen sind wie andere Einkünfte einkommensteuerpflichtig. Doch die Deutschen kümmert das wenig, viele geben ihre Zinseinnahmen nicht oder nur unvollständig dem Finanzamt an.

Der damalige Finanzminister Gerhard Stoltenberg wollte wenigstens an einen kleinen Teil der hinterzogenen Beträge kommen: Die Kreditinstitute wurden verpflichtet, zehn Prozent der Zinsen einzubehalten und direkt an den Fiskus zu überweisen.

Der Plan geriet zum Fiasko. Scharenweise lösten die Deutschen ihre Depots auf und legten ein Konto in Luxemburg an; dort sind Ausländer von jeder Steuer befreit.

1988, in dem Jahr, bevor die Quellensteuer in Kraft treten sollte, brachten die Deutschen über 70 Milliarden Mark auf ausländische Wertpapiermärkte. Wie viele Milliarden an Bargeld sie darüber hinaus ins sichere Ausland schafften, weiß niemand. Vor allem wegen dieser massiven Kapitalflucht wurde die Quellensteuer nach sechs Monaten abgeschafft; Stoltenbergs Nachfolger Theo Waigel versprach, eine solche Abgabe nie wieder zu erheben.

Es kam anders. Im vergangenen Jahr zwang das Bundesverfassungsgericht den Finanzminister, dafür zu sorgen, daß jeder - und nicht nur die Ehrlichen - einen Teil seiner Zinsen dem Finanzamt überläßt.

Waigel entschied sich für die Einführung einer neuen Quellensteuer, er nannte sie nur anders: Zinsabschlagsteuer. Vom nächsten Jahr an sollen die Banken 25 Prozent der Zinserträge ihrer Kundschaft dem Staat überweisen - vielleicht auch, so der neueste Plan, 30 oder 35 Prozent (siehe Seite 98).

Die Masse des Volkes ist von diesen Plänen nicht betroffen: Zinseinnahmen von 6000 Mark für Ledige oder 12 000 Mark für Verheiratete sollen steuerfrei sein - 80 Prozent der Bevölkerung bräuchten dem Finanzamt nichts abzuliefern.

Doch das wohlhabende obere Fünftel der Deutschen reagierte verärgert. Wieder setzte - wie 1988 - eine Steuerflucht ein. Und mit jedem neuen Vorschlag über die Aufweichung des Bankgeheimnisses oder zur Finanzierung der deutschen Einheit schwillt der Milliardenstrom an. Die Diskussion über einen Lastenausgleich hat für einen besonders heftigen Schub gesorgt.

Kürzlich sei, erzählt ein Banker, ein Hamburger Teppichhändler mit 450 000 Mark erschienen - in 100- und 50-Mark-Scheinen: »Wir sollten schnell zählen, in einer Stunde fliege seine Maschine ab.« Der Mann mußte einen späteren Flug buchen.

Die verunsicherten Vermögensbesitzer landen geradezu zwangsläufig in Luxemburg. »Unser Land«, erläutert Lucien Thiel, Direktor des nationalen Bankenverbands ABBL, »hat den Nimbus, daß hier das Geld am besten aufgehoben ist.«

Das hat sich unter den Besserverdienenden Deutschlands längst herumgesprochen, und so folgten die Banken bereitwillig der Empfehlung des luxemburgischen Bankenverbands, nicht mehr mit Hinweisen auf Steuerbefreiung und das strenge Bankgeheimnis zu werben.

Jeder weiß auch ohne plumpe Anspielung, was gemeint ist, wenn die Deutsche Bank ihre Luxemburger Tochter als »das europäische Zuhause für Ihre private Geldanlage« empfiehlt oder die Bayerische Landesbank ihre Niederlassung am Boulevard Royal als den »Zweitwohnsitz für Ihr Geld«.

In persönlichen Gesprächen raten fast alle Anlageberater, zwei Wertpapierkonten zu unterhalten: ein »öffentliches« und ein »privates«. Das eine Konto sollte dem Finanzamt bekannt sein - das andere ist jenes, »das man besonders gern hat«, wie Eberhard Herde das diskrete Depot umschreibt.

Der Bayer Herde leitet das Privatkundengeschäft in der Luxemburger Niederlassung der finnischen Kansallis Bank. Manche Deutsche ziehen, um ganz sicher zu gehen, in dem Großherzogtum eine ausländische Bank vor. »Wir fordern keinen zur Steuerhinterziehung auf«, beteuert Herde. Aber: »Wir sind nicht der verlängerte Arm des Finanzamts.«

Auch gibt einer wie Herde keine Tips zur Steuerumgehung, höchstens ein paar Ratschläge. So sollen seine Kunden, die zumeist 250 000 bis eine Million Mark mitbringen, nicht in die Tiefgarage seines Instituts am Place de l'Etoile fahren, sondern »300 Meter weiter parken und zu Fuß in die Bank kommen«.

Hartnäckig hält sich in Luxemburg das Gerücht, Späher des deutschen Fiskus würden Kfz-Kennzeichen der vor Banken geparkten Autos notieren und dem Zoll mitteilen; die Beamten an der Grenzstation Mesenich würden dann gezielt nach Einzahlungsbelegen suchen und eine Fotokopie für die Steuerbehörden ziehen. »Ich wundere mich nicht«, sagt Herde, »wenn bestimmte Autos an der Grenze herausgepickt werden.«

Die Angst vor den Zöllnern ist wohl unbegründet. Aber Angst treibt den wohlhabenden Deutschen nach Luxemburg: die Angst, daß ihm in Deutschland das Finanzamt die Ersparnisse fürs Alter wegversteuert, daß das Bankgeheimnis ausgehöhlt werden und das Finanzamt die schwarze Kasse entdecken könnte.

Die Banker wissen ein Mittel gegen diese Angst. Wenn er nur sein Geld den Luxemburger Instituten anvertraue, wenn er nur ein bißchen aufpasse, so beruhigen sie den Steuerflüchtling, dann brauche er sich nicht mehr zu fürchten.

So soll er ja keine Belege mit über die Grenze nehmen, sich nichts per Post schicken lassen, empfiehlt - und zwar »dringend« - der Anlageberater der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG). Der Kunde soll Bargeld mitbringen oder sich seine Wertpapiere als »effektive Stücke« aushändigen lassen, eine Überweisung von einer deutschen Bank zum Luxemburger Institut sei »nicht ratsam«.

Viel Verständnis schlägt dem Kunden entgegen, der sein Geld vor dem Fiskus retten will. »Ein öffentliches Konto, legal in der ersten Sparte, und ein Teil schwarz, ja?« fragt unaufgefordert der SBG-Berater. Auch deutsche Landesbanken - öffentlich-rechtliche Institute - sind wenig zimperlich. Die Landesbank Rheinland-Pfalz empfiehlt, auch das »öffentliche Konto« in Luxemburg einzurichten, vor allem wenn das Finanzamt weiß, daß der Kunde über Vermögen verfügt - daneben das »persönliche Konto«, das sich diskret auffüllen läßt. Peu a peu könnten dann Beträge von dem einen auf das andere Konto wandern: »Man kann dem Finanzamt glaubhaft machen, daß man jedes Jahr einen Teil des Vermögens verbraucht.«

Beihilfe zur Steuerhinterziehung? Wenn es der Kunde denn wünscht - und wenn er ein pralles Konto hat -, dann nehmen deutsche Banken in Luxemburg dem Sparer auch noch die Mühe ab, sich selbst auf den Weg zu machen: Abgesandte der Institute fahren durch die Bundesrepublik, um von guten Kunden Einzahlungen entgegenzunehmen oder Geld auszuzahlen. Der Mann von der Bank besucht auch Bauernhöfe in Schleswig-Holstein.

Für die Luxemburger Banker ist es persönliche Sache des Anlegers, ob er seine Einkünfte ehrlich angibt oder nicht. »Wir können von unseren Kunden ja keine Steuererklärung verlangen«, sagt Kirk.

Es genüge, wenn der Staat Gehälter und Unternehmensgewinne besteuere und nicht auch noch die Ersparnisse, meint der luxemburgische Bankenverbandsdirektor Thiel: »Hat der Staat das Recht, zweimal zu kassieren?«

Sicher ist nicht jeder, der sich ein Depot in Luxemburg zugelegt hat, ein Steuerhinterzieher. Mancher Deutsche bringt auch deshalb sein Geld außer Landes, weil Luxemburger Banken vieles bieten, was deutsche Kreditinstitute nicht können oder nicht dürfen.

Die Konditionen in Luxemburg sind durchweg besser als in Deutschland. Girokonten etwa werfen derzeit rund 7 Prozent Zinsen ab, in Deutschland gibt es auf einem Girokonto nichts oder vielleicht mal 0,5 Prozent. Festgeld verzinst sich höher, denn Luxemburger Banken müssen nicht wie deutsche Institute einen Teil ihrer Einlagen zinslos bei der Zentralbank hinterlegen.

In Luxemburg können, günstiger und weniger umständlich als in Deutschland, Anleger Konten in fremden Währungen unterhalten, in Dollar, Pfund, Franken oder Peseten. Die meisten Deutschen haben ein Fremdwährungskonto in Luxemburg - sie legen ihr Erspartes in Deutschmark an. Der Export ihrer Banknoten ist daher keine Kapitalflucht, er ist eine Steuerflucht. Der deutsche Mittelständler hat durchaus Vertrauen in seine Währung - er mag nur seine Zinseinnahmen nicht mit dem Fiskus teilen.

Die Luxemburger haben sich bislang erfolgreich dem Druck anderer EG-Staaten widersetzt, entweder das Bankgeheimnis ein wenig zu lockern oder selbst eine Quellensteuer zu erheben. Wichtig sei, so argumentieren die Banken, daß Luxemburg als europäischer Finanzplatz erhalten bleibe und daß das Geld nicht in exotische Steuerparadiese fließe. Die Einlagen der Steuerhinterzieher hätten wenig Bedeutung für das Geschäft.

»Ach, die Privatkundschaft«, nölt einer von der Commerzbank, »die bringt 60 Prozent der Arbeit, 80 Prozent des Ärgers und 15 Prozent der Erträge.« Tatsächlich haben die Deutschen - sie stellen mit 40 Banken das größte Kontingent in Luxemburg - als erste das Geschäft mit privaten Kunden aufgebaut; später folgten andere, so die schweizerischen Banken, die mittlerweile den Großteil ihrer Vermögensverwaltungen nach Luxemburg verlagert haben.

So unergiebig, wie die Banken das gern darstellen, können die Einlagen der deutschen Mittelständler nicht sein. Viele Reiche haben ihr Geld schon nach Luxemburg geschafft - nun werben die Banken um die Spargelder der kleineren Anleger. Auch daran ist gut zu verdienen.

Die Schweizerische Bankgesellschaft hat die Mindesteinlage von 130 000 Ecu, umgerechnet etwa 260 000 Mark, auf 100 000 Ecu gesenkt; und wie die NordLB begnügen sich inzwischen fast alle deutschen Banken mit 100 000 Mark Mindesteinlage. Auch kleinere Beträge sind willkommen: Schon für 50 000 Mark richtet die Deutsche Bank ein Investmentfonds-Depot in Luxemburg ein.

Für die Kreditinstitute wird es zunehmend schwieriger, weiterhin größere Vermögen nach Luxemburg zu holen. Die Reichen haben ihre diskreten Konten zumeist schon, und es ist allemal leichter, zehn Kunden mit 100 000 Mark zu gewinnen als einen mit einer halben Million.

Das Geschäft mit den kleineren Anlegern ist nicht zuletzt auch deshalb attraktiv geworden, weil die Banken einen Weg entdeckt haben, auch bescheidenere Vermögen ohne großen Personalaufwand zu verwalten: Wer nicht mit ein paar hunderttausend Mark kommt, dem empfehlen die Anlageberater, sein Erspartes in einen der zahlreichen Fonds nach Luxemburger Recht zu stecken. Die sind für die Kunden lukrativ und machen den Banken wenig Arbeit.

Die Banken rechnen fest damit, daß der Zulauf der Steuerhinterzieher unvermindert anhält: So hat sich die Deutsche Bank weit außerhalb der City einen prächtigen Bau hingestellt, höchst bequem von der Autobahnabfahrt zu erreichen. Mehr Platz für den anhaltenden Andrang der Privatkundschaft brauchen auch die anderen. Bauen wollen unter anderen die Dresdner Bank und die Amro Bank, die Bayerische Vereinsbank und die Bayerische Hypothekenbank.

Und ganz in der Nähe der Deutschen Bank wird die Bayerische Landesbank 11 000 Quadratmeter Bürofläche hochziehen lassen - die vielen Privatkunden sollen sich künftig nicht mehr in der Eingangshalle auf die Füße treten.

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