Zynische Banker US-Reporter schleicht sich bei Wall-Street-Geheimbund ein

Wie vergnügen sich Finanzgrößen? Der Bericht eines US-Reporters liefert peinliche Einblicke in ein Geheimtreffen der Wall-Street-Bruderschaft Kappa Beta Phi. Deren Mitglieder bedenken die unteren 99 Prozent der Gesellschaft mit Spott und Hohn.
Harmlose Fassade: Finanzzentrum an der New Yorker Wall Street

Harmlose Fassade: Finanzzentrum an der New Yorker Wall Street

Foto: Chris Hondros/ Getty Images

New York - Sie jubeln, sie grölen, sie werfen Cremetörtchen auf die Bühne. Sie kostümieren sich als Transvestiten oder mormonische Missionare, reißen Witze über Linke, Schwule oder überhaupt über den Rest der Gesellschaft. Auf dem Jahrestreffen der Bruderschaft Kappa Beta Phi präsentieren sich die Größen der Wall Street genau so, wie sie von der Außenwelt auf keinen Fall gesehen werden wollen.

Reporter Kevin Roose vom "New York Magazine" hat sich in die geschlossene Gesellschaft eingeschlichen und präsentiert der Öffentlichkeit nun pikante Details  in Text, Bild und Ton. Das Ereignis liegt zwar schon zwei Jahre zurück, im Januar 2012, als draußen die "Occupy-Wall-Street"-Bewegung tobte. Doch dass Roose, damals bei der "New York Times", es gerade jetzt mit seinem Buch "Young Money" veröffentlicht, passt in die Zeit.

Denn neuerdings beklagen immer mehr US-Milliardäre, dass die reichsten ein Prozent unter Neid und Missgunst zu leiden hätten. "Auf den ein Prozent wird aus politischen Gründen herumgehackt", sagte in der vorigen Woche etwa der Finanzinvestor Wilbur Ross dem Bloomberg-Fernsehen. Eben jener Wilbur Ross trat auf besagter Feier in Smoking und lila Samtmokassins als Zeremonienmeister mit dem Ehrentitel "Grand Swipe" (etwa "großer Wisch") auf.

Kappa Beta Phi erinnert mit albern wirkenden Ritualen und den griechischen Buchstaben an die von Eliteuniversitäten bekannten Studentenverbindungen, lehnt aber ausdrücklich moralische Verpflichtungen ab. Die Wall-Street-Bruderschaft hat sich verpflichtet, "den Geist von 1928/29 wachzuhalten", also der Zeit vor der Weltwirtschaftskrise, und nennt "Dum vivamus edimus et biberimus" ("Während wir leben, essen und trinken wir") als ihr Motto - im Gegensatz zur bekanntesten akademischen Bruderschaft Phi Beta Kappa, die in der "Liebe zum Lernen den Schlüssel zum Leben" sieht.

"Gottes Plan für mich ist ein siebenstelliger Bonus"

Kevin Roose nahm auf, wie Wilbur Ross sich in seiner Eröffnungsrede über das Phi-Beta-Kappa-Wappen mit einer Hand in einer Ärmelkrause als "stillschweigendes Bekenntnis zur Homosexualität" mokierte. Im begeisterten Publikum saßen prominente Kappa-Beta-Phi-Brüder wie Bob Benmosche, Chef des mit 85 Milliarden Dollar vom Staat geretteten Versicherungsriesen AIG   (der vor Monaten öffentlichen Unmut über Boni für AIG-Manager als "genauso falsch" wie Lynchmorde des rassistischen Ku-Klux-Klans bezeichnete).

Zu den verkleideten "wertlosen Neophyten", die neu in die Bruderschaft aufgenommen wurden, zählte der Hedgefondsmanager und Obama-Großspender Marc Lasry. Später sangen sie als Mormonen eine Parodie von "I believe": "Ich glaube, dass Gott für uns alle einen Plan hat. Ich glaube, dass zu meinem Plan ein siebenstelliger Bonus gehört." Andere Teilnehmer besangen die Finanzkrise wie ein Heldenepos aus längst vergangener Zeit.

Das Ende der Feier bekam der Reporter nicht mit, weil ihn sein Nachbar Michael Novogratz enttarnte, Gesellschafter der Private-Equity-Firma Fortress und ein kräftiger, glatzköpfiger Armeeveteran sowie Wrestling-Fan. Das Telefon mit den delikaten Aufnahmen durfte Roose offenbar behalten.

Hier können Sie die Reportage im Original nachlesen .

ak/mmo
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