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Automobile Abkehr vom Irrtum

Die allerorten einbrechende Auto-Konjunktur trübte, die Twingo-Premiere hob die Stimmung bei der internationalen Automobilschau in Paris.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Schwarzgraue Wolken hingen über den Dächern von Paris, Regengüsse rauschten nieder auf die Hallen, wo letzte Woche Frankreichs traditionelle Autoschau eröffnet wurde. Die versammelten Manager der Autobranche wären wohl auch bei goldener Herbstsonne mit düsteren Mienen über ihre Glitzerstände geschritten. Ertragseinbrüche, Absatzverluste, schrumpfende Aufträge, Personalabbau - bonjour tristesse von Detroit bis Tokio.

Einer sprach aus, wie allen zumute war: »Automobile zu bauen«, knurrte Chrysler-Chef Lee Iacocca, »hat früher verdammt viel mehr Spaß gemacht als heutzutage.« Selbst jener knallharte Technokrat, der nächstes Jahr den ins Schlingern geratenen VW-Konzern übernehmen soll, äußerte sich in Moll: »Ich fühle mich wie am Start eines Marathonlaufs«, sprach Audi-Chef Ferdinand Piech, nur habe er den Eindruck, »daß die Strecke immer länger« werde.

»1993 wird ein harziges Jahr«, prognostizierte Mercedes-Benz-Chef Werner Niefer auf gut alemannisch. Fast klang es wie Galgenhumor, als H. Tobias Hagenmeyer, Chef der Ludwigsburger Getriebefirma Getrag, die Lage bei den Zuliefererbetrieben erläuterte, wo es am ehesten kneift: »Unsere Auftragslage ist bestens, was Opel und BMW anlangt, aber für 1993 kann man es mit der Angst kriegen - seit August geht's steil bergab.«

Ernste Töne hielt auch Renault-Chef Louis Schweitzer für angebracht, obwohl er mit der Premiere des als »Fun Car« apostrophierten Kleinmobils »Twingo« (SPIEGEL 39/1992) als einziger Großserienhersteller auf dieser Automesse eine Novität zu feiern hatte.

Voll Vertrauen in Twingos Marktchancen hat Schweitzer für die nur 3,43 Meter lange »echte Alternative zur täglichen Eintönigkeit« beschlossen, »eine dritte Nachtschicht einzurichten«. Aber sogar der fröhlich gestylte Twingo, anderen neuen Kleinwagen um wenigstens eine halbe Generation voraus, kann nach Ansicht des Chefs nur mit erstklassiger Fertigungsqualität Erfolg haben.

Wegen der »bevorstehenden schweren Zeiten« will der Renault-Chef »mit äußerster Entschlossenheit an der Priorität für die Qualität festhalten« - ein lobenswerter Vorsatz für ein neues Auto, das mit Hilfe raffiniert gekoppelter Abläufe in der neuen europäischen Rekord-Montagezeit von 14 Stunden gebaut werden soll; Opel wäre dann mit 20 Stunden Montagezeit je Auto im neuen Werk Eisenach nur noch Zweiter.

Rund 16 000 Mark soll das wandlungsfähige Mini-Auto (55 PS; 150 km/h) kosten, das bei bescheidenen Ansprüchen an seinen äußeren Verkehrsraum den inneren Raumkomfort eines Mittelklassewagens bietet und sich sogar zum Schlafen herrichten läßt. Die Rücksitze können in Längsrichtung bis zu 17 Zentimeter verstellt werden, so daß sich der Twingo-Fahrer je nach Lage für mehr Kofferraum oder mehr Kniefreiheit für die Fondgäste des viersitzigen Zweitürers entscheiden kann.

Kritiker wie Konkurrenten nahmen den Twingo (Renault-Slogan: »Ich will allen gefallen") mit Wohlwollen auf. »Gutes Design«, urteilte VW-Designchef Herbert Schäfer; aber letztlich sei es nur das »normale Konzept eines One-Box-Design, seit zehn Jahren der Wunsch aller Automobildesign-Studenten«. Der Wolfsburger Formgestalter wendet ein, daß die extrem schräge Frontscheibe keine funktionalen Vorteile biete und daß die Einzelsitze das Auto zum Viersitzer verdammen.

»Der kleine Kerl lacht ja«, konstatierte Mercedes-Chef Niefer über das verschmitzt anmutende Gesicht des neuen Auto-Zwergs. Auf seinem eigenen Stand präsentierte Niefer einen altbekannten Koloß, nunmehr als weitere Variante der S-Klasse mit einem neuen Antrieb, dem bislang nur in Amerika verfügbaren Turbo-Diesel (3,5 Liter; 150 PS; 185 km/h) für 83 220 Mark.

»Unser großes Fullsize-Auto«, erläuterte Manfred Fortnagel, Diesel-Entwickler bei Mercedes-Benz, »ermöglicht damit Verbrauchswerte wie ein bescheidener Mittelklassewagen.« Bei einem Drittelmix-Verbrauch von 9,7 Litern lassen sich laut Mercedes-Benz mit einer Tankfüllung (100 Liter) Reichweiten von über 1000 Kilometern erzielen. Gleichwohl sei der Motor »auf die strengste aller Partikelvorschriften« getrimmt worden, der Verdacht, das Abgas enthalte womöglich gesundheitsschädliche Partikel, sei aus der Sicht von Mercedes-Benz nicht mehr zu begründen. »Jüngste Untersuchungen«, so Fortnagel, lassen darauf schließen, daß Dieselruß in dieser Hinsicht »nicht anders zu bewerten ist als jeder andere Staub«.

Die Ingenieure der Sportwagenfirma Ferrari haben unterdessen mit der Annahme aufgeräumt, ein rechter Sportwagen müsse wie ein echtes Rennfahrzeug von einem »Mittelmotor« nahe der Hinterachse angetrieben werden. Unter dem Beifall der Fachwelt dokumentierte Ferrari in Paris die »Abkehr von einem Irrtum": Der neue Ferrari »456 GT 2+2« hat den Motor (442 PS) im Wagenbug, überträgt die Kraft per Transaxle-Getriebe auf die Hinterachse und gewährt so eine bessere Gewichtsverteilung und mehr Nutzraum.

Insbesondere der V-12-Motor, der das rund 325 000 Mark teure Vehikel auf über 300 km/h beschleunigen kann, erregte das Entzücken der Technophilen: »Technisch ein absoluter Traum, der schmalste Zylinderkopf der Welt« (so Opel-Motorenentwickler Fritz Indra). Der Traum, elegant verpackt in eine Pininfarina-Karosse, hat nach Ansicht des Ferrari-Managers Carlo Tazzioli aber auch Nachteile: »weniger Musik«, was bei Ferrari gleichermaßen für Sound und Fahrleistung steht.

Beim Sportwagenhersteller Porsche, der sich nach dem Feuern des Vorstandsvorsitzenden Arno Bohn schon gar keinen Vorstandsvorsitzenden mehr leistet, herrschte eine Atmosphäre wie auf einer Intensivstation.

Auf der Wendeltreppe des Porsche-Standes hockte die 87jährige Kommerzialrätin Louise Piech aus Salzburg, Mutter des Audi-Chefs und stärkste Kraft im ganzen Porsche-Clan. Stumm betrachtete die alte Dame die Szene durch ihre Brillengläser, als der neue Vorstandssprecher Wendelin Wiedeking in seiner Ansprache die Wechselkurse und andere äußere Übel zur Erklärung der Porsche-Krise bemühte.

Die alte Dame, so schien es, wußte es besser: Die Krise ist hausgemacht.

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