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Sexualität Abseitige Pfade

Mediziner erforschen die gesundheitlichen Risiken des Geschlechtsverkehrs. Fazit: ganz schön gefährlich.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Der Tod kommt meistens ungelegen. Selten aber kommt er so deplazierten Orts wie damals, als der Erzbischof von Paris seine Seele verhauchte.

Der Kirchenfürst starb bei einer regulière, wie der vornehme Franzose die Hure nennt - ein klassischer Fall von »mors in coitu«, Tod beim Geschlechtsverkehr, welcher außer dem Maximalübel des Exitus eine Vielzahl weiterer Gesundheitsfährnisse bereithält. So sind aus der medizinischen Literatur bekannt ___die »Penisfraktur«, die gewöhnlich aus forciertem Beischlaf in Reitstellung ("Positio inversa") resultiert; die »Orchitis«, eine Entzündung von Blutergüssen am Hoden, die bei stürmischem Anprall der Gonaden am Beckenboden der Partnerin auftreten können (Mediziner-Vulgo: »Glockentrauma"); ___die »Paraphimose«, auch »Spanischer Kragen« genannt, eine Beklemmung der zu engen Vorhaut hinter der Eichel, welche zur Abwendung einer Penisgangrän eine sofortige Notbeschneidung erfordert; ___die »Frenulumruptur«, der Riß des Bändchens, das Vorhaut und Eichel miteinander verbindet, Diagnosemerkmal ist der nadeldicke Blutstrahl, der im Herztakt aus der Wunde spritzt.

Darüber hinaus hat die weltweit forschende Medizinerschaft im letzten Jahr eine Reihe weiterer, bislang unbekannter Gefahren ausgemacht, die beim Koitalvollzug zu gewärtigen sind, unter anderem Kehlkopfkrampf, zeitweiliger Gedächtnisverlust, Migräne sowie Nasenbluten.

Bestürzender noch erscheint die Erkenntnis amerikanischer Augenärzte, nach der tätige Liebe den Menschen wirklich blind machen kann. Über dieses Phänomen des »plötzlichen Sehverlustes bei sexueller Aktivität« publizierte eine Forschergruppe um den Pittsburgher Universitätsmediziner Thomas Friberg unlängst in dem Fachblatt Archives of Ophtalmology nähere Einzelheiten.

Auf welch abseitigen Pfaden Mediziner sich mitunter bei der Erkundung von Sexual-Traumata bewegen, wurde deutlich, als die Fachzeitschriften zum Jahresschluß ihre Stichwort-Indexe mit den Forschungsgegenständen veröffentlichten. Beispielsweise berichteten ___Experten des Kaohsiung Medical College Hospital in Taiwan, daß es ihnen gelungen sei, das Durchschnittsalter von Patienten mit frakturierten Penissen auf 41,4 Jahre zu bestimmen; ___Mediziner des Thomason General Hospital an der Texas University über die erfolgreiche Wiedereinpflanzung eines infolge sado-masochistischer Triebgestaltung mit Stumpf und Stiel ausgerissenen Penis; ___Ärzte des 9. Volkshospitals in Schanghai über einen Operationspflichtigen, der infolge sodomitischer Lustgestaltung mit einem Widder einen doppelseitigen Hodenverlust erlitt - jetzt trägt er, chinesischer Chirurgenkunst sei Dank, zwei Pingpongbälle aus volksrepublikanischer Produktion im Skrotum.

Dafür, daß bei exzessivem Liebesspiel vornehmlich das männliche Exekutionsorgan gefährdet ist, gibt es gute physiologische Gründe. Im Gegensatz zum Genitalapparat der Frau, der auf die Strapazen der Geburt hin ausgelegt ist, operiert der Penis beim Verkehr stets an seiner Belastungsgrenze. Deshalb folgt betont emsigem Intimgebaren des öfteren die Einlieferung des Mannes ins Spital.

Übereifer war auch, wie die Pittsburgher Augenärzte herausfanden, des Übels Ursache bei den sehgestörten Patienten, die sich post coitum in die Klinik getastet hatten. Die Diagnose - Bluterguß auf der Netzhaut infolge stark erhöhten Blutdrucks - war rasch gestellt, weshalb sich das (zehn Augen zählende) Fachärzte-Team voll und ganz der Exploration des Tatgeschehens widmen konnte. ___Einem männlichen Blindgänger entlockten die Ärzte das Geständnis, »prolongiert und exzessiv mit einer soeben gemachten Bekanntschaft kopuliert zu haben«. Von einem weiteren Opfer, einem 53jährigen Mann, mußten sie über »dauerhaft ausgeführte autoerotische Aktivitäten extremer Art« berichten.

Auch von einer 24jährigen Amerikanerin erfuhr die Welt der Wissenschaft: Eine »handgehaltene Massage-Maschine«, geführt durch den Boyfriend, habe »sie zum Erregungsgipfel« gebracht, »worauf auf ihrem linken Auge ein Sehverlust eintrat«.

Es sei anzunehmen, so das Fazit der Experten, daß sexuell bedingte Blindheit weitaus häufiger auftrete, als gemeinhin angenommen. Da die Sehstörungen aber stets nach wenigen Tagen von selber verschwinden, entzögen sich die meisten Patienten der Forschung, indem sie gar nicht erst ins Krankenhaus kämen.

Vor allem den im Genital- und Darmbereich chirurgisch tätigen Fachärzten bereitet kaum etwas größere Freude, als darzulegen, welch »vielfältiger Art die in stimulatorischer Absicht eingeführten Objekte« sind, die ihnen im Zuge ihrer Heiltätigkeit begegnen.

In der Harnröhre stößt der Chirurg auf Kabeldraht, Pinzette, Haarnadeln oder Streichhölzer, im Rektum trifft er vorzugsweise auf Glühbirnen, Zahnbürsten, Gartenfrüchte und Flaschengut; zu entfernen waren aber auch, wie die Zeitschrift für Gastroenterologie offenbarte, ein »Regenschirm mit Hülle«, eine »Werkzeugtasche mit Inhalt« oder (in einem Fall aus dem bayerischen Agrarbereich) ein »gefrorenener Schweineschwanz«.

In diesem Zusammenhang widmete sich eine Gruppe amerikanischer Proktologen der Frage, ob sie ihre Klientel allein aufgrund »einbringungstypischer Veränderungen an der Linea dentata« zu erkennen vermochten - jener faltigen Schleimhautgrenze, die den Analkanal mit dem Enddarm verbindet. Ergebnis: »Nach einiger Übung war es uns in acht von zehn Fällen möglich, die Patienten namentlich richtig zu benennen, ohne vorher ihre Krankenakte oder ihr Gesicht gesehen zu haben.«

So richtig aber zur Höchstform laufen die Mediziner auf, wenn sie über ihr Lieblingsthema referieren, den sogenannten Penisbruch, der in der Regel durch gewaltsame Quetschung oder Stauchung des erigierten Gliedes entsteht. Mit einer Gegenständlichkeit, wie sie in der medizinischen Literatur rar ist, pflegen sie das Gebrest zu schildern.

»Begleitet von einem peitschenden Knall und einem stechenden Schmerz«, meldeten etwa die Annals of Emergency Medicine, »bersten die druckvoll mit Blut gefüllten Schwellkörper, wonach das Glied meist die Form eines bizarr verformten Wulstes« annehme und sogleich einem chirurgischen Nothelfer zugeführt werden müsse.

Sogar die hochmögenden Herzspezialisten beschäftigen sich hin und wieder mit dem Sexus, zum Beispiel in einer Studie, die im American Heart Journal erschien und die kardialen Differenzen zwischen MOT und MOB untersuchte.

Dabei bezeichnet MOT die bewährte Missionarsstellung ("Male on Top") und MOB die Reitstellung ("Male on Bottom"), die bislang als für den Mann besonders herzschonend galt. Doch nachdem die Wissenschaftler acht Probanden zwischen 24 und 40 Jahren ausgiebig per MOT (16mal) und MOB (19mal) verkehren ließen, fanden sie: »Die maximale Herzrate für MOT beim Orgasmus lag bei 114 Schlägen, die für MOB dagegen bei 117. Ein koronar signifikanter Vorteil der MOB-Position ist daher nicht feststellbar.«

Nach wie vor umstritten ist, wie häufig es im Bett zu Schlaganfällen und Herzattacken kommt. Sicher sind sich die Experten nur, daß koital bedingte Infarkte an Hirn und Herz wesentlich häufiger auftreten, als aus den Krankengeschichten hervorgeht; denn meist verschweigen die Opfer (oder die Hinterbliebenen) die Begleitumstände aus Scham.

So ergab eine retrospektive Studie des französischen Neurologie-Professors Gérard Rancurel, der 6000 Hirnschlag-Patienten nach ihrer Genesung mit gebotener Delikatesse befragen ließ, daß vier Prozent ihre Gehirnblutung während sexueller Aktivitäten erlitten hatten; vergleichbar hoch liegt, wie Experten schätzen, der Prozentsatz auch bei den Herzinfarkten.

Herztod diagnostizierten die Ärzte auch bei Monsieur Daniélou, dem Erzbischof von Paris, den man 1974 in der Rue du Long auf dem Kopfsteinpflaster liegend fand: Die Damen vom Gewerbe waren so taktvoll gewesen, den Gottesmann, der ein beliebter Gast gewesen war, vom Ort seines Hinschieds zu entfernen.

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