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TIERE Affen im Visier

Auch Menschenaffen können unter Depressionen, Phobien oder Angstzuständen leiden. Deshalb fordern Ärzte, Zootiere notfalls auch psychiatrisch zu behandeln.
Von Diane Renz
aus DER SPIEGEL 23/2005

Als Harry Prosen ihn kennen lernte, war Brian ein Nervenbündel. Ohne Unterlass lief er im Kreis und klatschte in die Hände. Fast nach jedem Essen erbrach sich der Bonobo. Näherte sich ein Artgenosse, schrie Brian panisch, biss sich oder das andere Tier blutig.

Der Milwaukee County Zoo im US-Staat Wisconsin hatte den achtjährigen Zwergschimpansen von einem Forschungslabor übernommen, wo er in einem winzigen Käfig zusammen mit seinem dominanten Vater gehaust hatte. Vergebens versuchten Pfleger und Tierärzte, Brian zu beruhigen. Dann suchten sie schließlich bei Prosen um Rat, dem Chef der örtlichen Psychiatrie.

Der fühlte sich sehr an seine menschlichen Patienten erinnert. Deshalb verschrieb er dem Affen nicht nur Beruhigungsmittel und Antidepressiva, sondern auch eine Verhaltenstherapie. Damit begann ein neues Leben für Brian: Das Tier gewann langsam Vertrauen, indem es in kleinen Schritten an Spielzeug und an Artgenossen gewöhnt wurde. Zusätzlich verordnete der Arzt - auch hier nach dem Vorbild der Menschen-Psychiatrie - einen streng strukturierten Tagesablauf. Stets brachten die Pfleger Brian zur gleichen Zeit und an dieselbe Stelle sein Fressen; dabei lobten sie ihn immer mit den exakt gleichen Worten.

Brian war Prosens erster nichtmenschlicher Patient. Mittlerweile hat der 74-jährige Psychiater mehr als 50 Große Menschenaffen behandelt. Vor allem wenn es um Schimpansen oder Bonobos geht, ist sein Rat weltweit gefragt. Er selbst erhofft sich auch Erkenntnisse über psychisch kranke Menschen: »Wenn wir wissen, wann unsere nächsten Verwandten seelische Probleme haben, dann verstehen wir auch besser, warum wir psychisch krank werden.«

Aber nicht nur in Wisconsin, auch in Deutschland nehmen Psychiater Affen ins Visier. Im Wissenschaftsmagazin »Science« fordern Bochumer Mediziner, sie gegebenenfalls psychiatrisch zu behandeln. »In Forschungslabors, Zirkussen und manchen Zoos leiden Menschenaffen häufig an ähnlichen Symptomen wie psychisch kranke Menschen. Daher haben sie das gleiche Anrecht auf eine Therapie«, sagt Martin Brüne vom Westfälischen Zentrum für Psychiatrie in Bochum. Typische seelische Störungen seien Depressionen, Phobien oder sogenannte Stereotypien.

So wippen manche der Tiere stundenlang ihren Körper hin und her, ein Verhalten, das sich bis hin zur Selbstverstümmelung steigern kann: Die Affen reißen sich dann Haare heraus oder kratzen und beißen sich. Andere isoliert lebende Tiere essen ihren Kot oder schmieren ihn gegen die Scheibe. Manche leiden auch an einer Art Bulimie: Sie würgen ihre Nahrung hoch und schlucken sie anschließend wieder herunter. »Eine gefährliche Störung«, sagt die Primatenforscherin Signe Preuschoft. »Verätzungen in der Speiseröhre und Parodontose können entstehen.«

Die Deutsche leitet im österreichischen Tierpark Gänserndorf seit drei Jahren ein Resozialisierungsprojekt für mehr als 40 ehemalige Laborschimpansen. Nach und nach bereitet die Primatologin die traumatisierten Affen auf ein Leben in der Gruppe vor. Die Therapeutin ist mit ihren bisherigen Ergebnissen zufrieden: »Die meisten Affen haben inzwischen gelernt, was es heißt, ein Schimpanse zu sein.«

Gemeinsam mit dem Bochumer Psychiater Brüne möchte die Primatologin nun Richtlinien erarbeiten für die Therapie verhaltensauffälliger Menschenaffen. »Die Folgen sozialer Isolation kennen wir seit Jahren; doch wann und wie wir die Tiere behandeln sollen, wissen wir immer noch nicht genau«, sagt Preuschoft. Auch fehle jegliche Klassifikation für die seelischen Krankheiten der Menschenaffen: »Der auf Symptome wie Selbstmordgedanken gestützte Diagnoseschlüssel für Menschen lässt sich nicht einfach übertragen.«

Doch nicht alle Primatologen teilen ihre Auffassung, dass Affen menschenähnliche Empfindungen durchleben. Eberhard Fuchs, Leiter der Abteilung Klinische Neurobiologie am Deutschen Primatenzentrum Göttingen, warnt vor Anthropomorphismus - allzu leicht neige der Mensch dazu, Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. »Wenn ein Affe für uns traurig aussieht, muss das noch lange nicht heißen, dass er auch traurig ist.«

In der Tat ist ungewiss, ob es die Verhaltensstörungen, die in Gefangenschaft so häufig auftreten, in der Wildnis überhaupt gibt. »Normalerweise leiden Menschenaffen trotz ihrer hohen Empfindsamkeit selten an seelischen Problemen«, meint Jane Goodall, die seit mehr als 40 Jahren freilebende Schimpansen in Tansania beobachtet.

Zumindest einmal immerhin hat auch sie erlebt, dass einer ihrer Schützlinge in einen depressionsähnlichen Zustand verfiel: Nachdem seine Mutter gestorben war, wurde der achtjährige Schimpanse Flint zunehmend lethargisch und verweigerte die Nahrung. Drei Wochen trauerte der Affe, dann verendete er - an exakt der Stelle, an der die Leiche seiner Mutter gelegen hatte. DIANE RENZ

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