Übertragung von Mensch zu Mensch Vier weitere Fälle von Affenpocken in London entdeckt

Bei sieben Personen ist in Großbritannien das Affenpockenvirus bislang aufgetreten – nicht alle haben eine Verbindung zueinander. Es könnte also noch unentdeckte Erkrankungen geben.
Affenpocken unter dem Mikroskop (Archivbild)

Affenpocken unter dem Mikroskop (Archivbild)

Foto: Andrea Männel / RKI / dpa

Nach mehreren Fällen von Affenpocken bei Menschen in Großbritannien sensibilisiert das Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland Ärztinnen und Ärzte für die Virusinfektion. In einem vom RKI veröffentlichten Beitrag  heißt es: Angesichts der Fälle im Vereinigten Königreich sollten Affenpocken auch dann bei unklaren pockenähnlichen Hautveränderungen als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden, wenn die Betroffenen nicht in bestimmte Gebiete gereist seien.

In Großbritannien hatte sich die Zahl der erfassten Fälle der seltenen Erkrankung auf sieben erhöht, teilte die Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA)  am Montag mit. Verbindungen zwischen den Betroffenen sind nur teilweise bekannt. Zwei Fälle seien innerhalb einer Familie aufgetreten. Bei den anderen Betroffenen ist größtenteils unklar, wo sie sich angesteckt haben. Bei vier jüngst gemeldeten Fällen handele es sich um Männer, die sexuellen Kontakt mit anderen Männern hatten. Sie sollen sich mutmaßlich in London angesteckt haben.

Die erste Infektion, die Anfang Mai in Großbritannien bekannt geworden war, soll hingegen auf eine Ansteckung in Nigeria zurückgehen. Daraufhin hatten britische Experten betont, dass die Affenpocken nicht leicht von Mensch zu Mensch übertragen würden und dass das Risiko für die Allgemeinbevölkerung sehr gering sei. Die jüngsten Fälle legen nun nahe, dass es doch zu einer Übertragung von Mensch zu Mensch gekommen ist. Dass der Kontakt der Fälle untereinander nicht nachvollzogen werden kann, deutet darauf hin, dass es unbekannte Infektionsketten in der Bevölkerung gibt.

Tröpfchenübertragung möglich

Die Viruserkrankung ruft nach Angaben der UKHSA meist nur milde Symptome hervor, kann aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen. Nach UKHSA-Angaben zählen zu den ersten Krankheitsanzeichen: Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen, geschwollene Lymphknoten, Schüttelfrost und Erschöpfung. Es könne sich ein juckender, schmerzender Ausschlag mit Bläschen oder Pusteln entwickeln, der sich, oft ausgehend vom Gesicht, auf andere Körperteile ausbreite. Der Ausschlag sehe je nach Phase unterschiedlich aus und könne Windpocken und Syphilis ähneln.

Ansteckend sind symptomatisch Erkrankte bei engem Kontakt, solange bis die Pocken vollständig ausgeheilt und die Krusten abgefallen sind – in der Regel nach zwei bis drei Wochen. Die Viren können durch den Kontakt mit Körperflüssigkeiten oder Krusten übertragen werden, auch die sexuelle Übertragung von Pockenviren sei möglich, heißt es im RKI-Bericht. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge  können Affenpocken auch durch kleine Tröpfchen übertragen werden. Die Inkubationszeit liegt demnach in der Regel zwischen sechs und 13 Tagen.

Fachleute vermuten, dass der Erreger der Affenpocken in Nagetieren zirkuliert, Affen gelten als sogenannte Fehlwirte. »Infektionen können durch Kontakt mit Sekreten infizierter Tiere übertragen werden«, heißt es im RKI-Bericht.

Viele haben keinen Impfschutz mehr

Die Pocken des Menschen gelten seit 1980 nach einer großen Impfkampagne weltweit als ausgerottet. Wie das RKI erläutert, haben weite Teile der Weltbevölkerung mittlerweile allerdings keinen Impfschutz mehr. In Nigeria würden nun seit 2017 vermehrt Affenpockeninfektionen beim Menschen diagnostiziert – und Fälle in Verbindung mit Reisen dorthin gebracht, vor allem im Vereinigten Königreich.

In einem Fachartikel von 2019 hielten drei RKI-Mitarbeiter fest: »Außerhalb von Afrika wurden Affenpocken bei Menschen lediglich dreimal identifiziert: im Jahr 2003 in den USA und im Jahr 2018 im Vereinigten Königreich und Israel«. Die meisten Menschen – mehr als 30 Fälle wurden erfasst – steckten sich demnach in mehreren US-Bundesstaaten an. In die USA sei das Virus mit dem Transport von 800 kleinen Säugetieren aus Ghana eingeschleppt worden. Die Betroffenen sollen sich nicht direkt bei diesen Tieren angesteckt haben, sondern durch Kontakt zu Präriehunden, die vor ihrem Weiterverkauf in der Nähe der ghanaischen Tiere gehalten worden waren.

Der Wissenschaftsjournalist und Analytiker Lars Fischer sieht in der Zahl der Fälle in Großbritannien und den Hinweisen auf eine anhaltende Übertragung zwischen Menschen außerhalb Afrikas Indizien dafür, dass das Virus sein Verhalten ändert. In einem Beitrag in der Zeitschrift »Spektrum der Wissenschaft«  schrieb er, dass besonders afrikanische Fachleute davor warnten, dass die Affenpocken von einer regional verbreiteten Zoonose zu einer global relevanten Infektionskrankheit werden könnten. Das Virus besetze womöglich die ökologische und immunologische Nische, die das Pockenvirus einst einnahm, schrieb demnach 2020 ein Team um Malachy Ifeanyi Okeke von der American University of Nigeria in einer Veröffentlichung . Dass der Ausbruch in Großbritannien zu einer Epidemie wird, hält Fischer dennoch aktuell für unwahrscheinlich.

kry/dpa