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Luftfahrt Alles Spucke

Laxe Sicherheit, schlechte Wartung und mangelnde Ausbildung erhöhen die Risiken in Chinas Luftverkehr.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Dieses Jahr wird das Wort ,Strenge' unser ganzes Handeln bestimmen«, mahnte Chen Guangyi, Direktor der Chinesischen Zivilluftfahrtbehörde CAAC, noch im Frühling.

Als Reaktion auf vier Flugzeugabstürze und zehn Entführungen im vergangenen Jahr kündigte der Parteifunktionär an: »Mit Strenge wollen wir schwere Unfälle verhindern, Entführungen ausschließen und gefährliche Situationen reduzieren.« Gerade drei Monate währte der gute Vorsatz, dann traf es die Genossen in der Luftfahrt härter als je zuvor. Am vorigen Montag morgens um 8.15 Uhr stürzte »mit einem Horror-Bumm«, so ein Augenzeuge, eine Tupolew-154 sowjetischer Bauart der Fluggesellschaft China-Northwest auf die Reisfelder nahe der Millionenstadt Xian.

Keiner der 160 Insassen überlebte den schwersten Unfall in der chinesischen Zivilluftfahrt, bei dem der in Rußland gemietete Verkehrsjet acht Minuten nach dem Start in drei große Teile zerrissen wurde.

Kurz nach 17 Uhr mußte auch noch ein Airbus der Hongkonger Fluggesellschaft Dragonair mit abgerissener Landeklappe in der britischen Kronkolonie notlanden. Acht Passagiere an Bord des Jet, der aus Nanking eintraf, wurden verletzt. Die Airline, die ob ihres überalterten Fluggeräts allseits gefürchtet ist, gehört zu 46 Prozent der mächtigen Pekinger Staatshandelsfirma CITIC.

Um 18.58 Uhr dieses schwarzen Montags entführte ein Arbeitsloser schließlich noch eine Boeing 737 mit 131 Passagieren an Bord nach Taiwan. Der Mann, der mit einem Messer und einer Taschenlampe auf dem Flug von der Stadt Fuzhou ins prosperierende Kanton den Jet umdirigierte, ist bereits der 15te Luftpirat, der sich seit April vorigen Jahres aus dem sozialistischen China ins kapitalistische Taiwan abgesetzt hat.

»Derzeit gibt es außer Rußland kein Land auf der Welt, in dem Fliegen gefährlicher ist als in der Volksrepublik China«, urteilt ein ausländischer Luftfahrtmanager in Peking. 560 Menschen starben bei Flugzeug- und Hubschrauberabstürzen in den vergangenen zwei Jahren.

Doch die Zustände im chinesischen Luftraum bedrohen längst nicht nur einheimische Passagierjets. »Ich kenne keine ausländische Fluglinie«, berichtet der Fachmann, »die nicht mehrere Beinahezusammenstöße pro Jahr nach Hause meldet.«

Als Grund für die Wirrnis in Chinas Luftfahrt haben Experten vor allem die Expansion im Flugverkehr des wirtschaftlichen Schnellentwicklers ausgemacht. In den vergangenen Jahren wuchs das Passagieraufkommen um jeweils mehr als 20 Prozent. Auf Pekings Flughafen Shoudu landeten im April 50 Prozent mehr Passagierjets als im Jahr zuvor.

Zwar haben sich viele der 33 regionalen chinesischen Fluggesellschaften, die der CAAC unterstehen, in den letzten Jahren neues Fluggerät beschafft. Doch das sozialistisch geschulte Management hält trotz Kooperation mit ausländischen Partnern bei Ausbildung, Wartung und Flugsicherheit mit dem Boom nicht mehr mit. Längst ist der Luftverkehr ein exaktes Spiegelbild des wirtschaftlichen Wildwuchses im Land.

Auf einer Konferenz des internationalen Pilotenverbandes in Hongkong beklagten sich unlängst Flugkapitäne über den katastrophalen Zustand der chinesischen Luftflotte. Wegen fehlender Wartung seien neue Passagierjets schon binnen anderthalb Jahren nur noch Schrott.

Oft würden Flugzeuge, obwohl von »oben bis unten vollgespuckt«, über Wochen nicht gereinigt, hieß es. Sitze werden doppelt belegt, Stewardessen und Piloten ohne Englischkenntnisse fliegen mit einem Übersetzer im Cockpit.

Ein Flugkapitän berichtete, wie seine Maschine beim Abflug aus der ostchinesischen Stadt Nanking auf der Rollbahn »einen Radfahrer um Zentimeter verfehlte«. Ein anderer erhielt die Weisung, beim Anflug einem Leitstrahl zu folgen, der schon seit drei Monaten außer Betrieb war.

»Laxe Sicherheitskontrollen, grobe Disziplinlosigkeit und bewußte Nachlässigkeit«, klagte selbst CAAC-Manager Chen, »haben uns in eine schwierige Situation gebracht.« Aufgeschreckt durch die Absturz- und Entführungsserie im vergangenen Jahr, hatte Vizepremier Zhu Rongji zahlreiche Spitzenmanager der CAAC gefeuert. Doch »das Chaos, in das sich die chinesische Luftfahrt manövriert hat, fängt erst an«, stöhnt ein westlicher Flugtechniker.

Er kann vergleichen: »Das Niveau, auf dem in China an Jets gebastelt wird, ist noch niedriger als in vielen Staaten Afrikas.«

Der Absturz bei Xian bestätigt dieses Urteil. Der Unglücksjet war mit knapp 3000 Flugstunden nach internationalem Standard noch neu. Er kam aber gerade von einer Reparatur zurück. Y

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