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»Altern beginnt in der Wiege«

Der Hirnforscher Gerd Kempermann und der Entwicklungspsychologe Ulman Lindenberger über nachwachsende Nervenzellen, schrumpfende Gehirne und die Weisheit des Alters
aus DER SPIEGEL 12/2007

SPIEGEL: Herr Lindenberger, Sie erforschen den Alltag, die Gefühle und das Befinden alter Menschen. Wie alt ist der älteste Mitarbeiter Ihrer Arbeitsgruppe?

Lindenberger: Na ja, also, wenn ich recht überlege, bin ich das selbst ...

SPIEGEL: ... und Sie sind noch deutlich unter 50. Interessieren sich die Alten nicht für sich selbst?

Lindenberger: Doch, doch; es melden sich ja viele ältere Menschen hier in Berlin als Probanden für unsere Studien.

SPIEGEL: Herr Kempermann, haben Sie als Hirnforscher eine Erklärung: Taugen die Köpfe alter Menschen nicht zum Forschen?

Kempermann: Doch, sicher kann auch ein altes Gehirn Wissenschaft treiben. Aber unser Forschungsgebiet ist ja noch so jung. Ich bin jetzt 41. Wahrscheinlich werde ich über die Jahre mit meinem Thema altern.

Lindenberger: Im Übrigen beginnen die ersten Probleme mit dem Alter bereits um die vierzig.

SPIEGEL: So? Erzählen Sie.

Lindenberger: Gern. Je älter wir werden, desto schwerer fällt es uns, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Wir können das bei un-

seren Probanden in sogenannten Doppelaufgaben nachweisen. Zum Beispiel sollen sie sich Wörter in der richtigen Reihenfolge merken, während sie auf einem engen Pfad gehen. Und da zeigt sich, dass die Gedächtnisleistung bei Menschen ab 40 leidet, wenn sie gleichzeitig Wörter lernen und einen Fuß vor den anderen setzen müssen, statt dabei auf einem Stuhl zu sitzen. Die 20- bis 30-Jährigen hingegen haben damit viel weniger Probleme.

Kempermann: Allerdings merke ich solche Leistungseinbußen gar nicht. Das Altern geht ja lange Zeit zum Glück eher unmerklich vonstatten.

Lindenberger: Älterwerden bezeichnet zunächst nur das Vergehen von Zeit. Im Grunde beginnt Altern schon in der Wiege: Der Mensch wächst, er reift, er lernt, und er altert. Diese Prozesse bestimmen das Älterwerden und laufen das ganze Leben lang. Nur ihre Gewichtung verändert sich. Auf keinen Fall stimmt die Gleichung, dass Altern nur Abbau und Verlust bedeutet. Auch ein Hochbetagter kann Neues lernen und daran reifen.

Kempermann: In unseren Experimenten mit Mäusen lässt sich sogar zeigen, dass sich in einigen Hirnregionen das ganze Leben lang neue Nervenzellen bilden, wenn die Tiere lernen; wir nennen das Neurogenese. Noch vor 15 Jahren wäre das eine geradezu ketzerische Idee gewesen. Heute aber wissen wir: Uralte Mäuse, die sich regelmäßig in einem Labyrinth neu orientieren müssen, können noch Neuronen im sogenannten Hippocampus bilden. Und nicht nur das: Diese Mäuse lösen neue verzwickte Aufgaben leichter als ihre gleichaltrigen Geschwister, in deren Gehirnen keine neuen Neuronen entstanden sind.

Lindenberger: Und wir vermuten nun, dass das Entstehen neuer Nervenverbindungen auch beim Menschen durch geistiges und körperliches Training begünstigt wird.

SPIEGEL: Wie wollen Sie das herausfinden?

Lindenberger: Wir haben mit Kollegen aus Magdeburg ein Experiment zur Orientierung im Raum begonnen: jüngere und ältere Erwachsene auf einem Laufband, vor sich die Wege eines verwinkelten Zoos. Die Probanden sollen ihn erkunden, von den Pinguinen zu den Elefanten finden, von den Löwen zu den Gorillas, von den Ziegen zu den Papageien. Sie erlaufen sich dieses Labyrinth regelrecht, dreimal in der Woche, vier bis fünf Monate lang; und wir messen jeweils vor und nach dem Training die Größe und Struktur bestimmter Hirnregionen. Und natürlich hoffen wir, im Hippocampus Veränderungen zu finden.

SPIEGEL: Sie sagen, bis ins hohe Alter wachsen Hirnzellen nach. Aber schrumpft das Gehirn nicht im Verlauf des Alterns?

Kempermann: Oh ja, absolut! Gehirne schrumpfen.

Lindenberger: An der Universität von Detroit haben Kollegen die Gehirne von 20- bis 70-Jährigen vermessen. In den meisten Hirnregionen haben sie schon ab dem 20. Lebensjahr eine Schrumpfung gefunden.

Kempermann: Das sagt aber nicht viel über die Leistungsfähigkeit. So eine Schrumpfung kann auch bloß eine Konzentration bedeuten wie bei einer eingekochten Sauce.

Lindenberger: Die Zahl der Nervenzellen nimmt beim Menschen mit dem Alter ja nicht so stark ab wie man früher vermutet hat. Wie ist es bei euren Mäusen?

Kempermann: Die Neuronen werden nicht erheblich weniger. Aber weitaus wichtiger ist ohnehin die Vernetzung der Zellen. Nehmen Sie die Parkinson-Krankheit: Da müssen 80 Prozent der Nervenzellen in der sogenannten Substantia nigra verloren gehen, bevor überhaupt die ersten Symptome sichtbar werden. Man kann also nicht sagen: Nur weil das Gehirn kleiner geworden ist, funktioniert es schlechter.

Lindenberger: Das Gehirn schrumpft auch nicht in allen Regionen gleich stark. Beim Menschen schrumpfen vor allem der Hippocampus und Teile des Frontalhirns.

SPIEGEL: Gerade diese zwei Regionen beeinflussen aber maßgeblich die Persönlichkeit eines Menschen. Werden wir also im Alter andere Menschen?

Lindenberger: Manchmal. Generell bleibt die Persönlichkeit allerdings, trotz mancher kognitiver Defizite, eher stabil, ebenso wie die Fähigkeit, logisch zu denken. Bei manchen Menschen nimmt im Alter die Rigidität zu, was dann landläufig Starrsinn genannt wird. Sie halten eher an eingeübten Denk- und Handlungsschemata fest. Doch das ist vielleicht auch eine Kompensationsstrategie: In dem Maße, wie einer körperlich beeinträchtigt ist, klammert er sich an Erprobtes. Außerdem gibt es auch jene, die bis ins höchste Alter nach neuen Erfahrungen suchen, die sich beständig in Frage stellen und Neues wissen wollen. Die Unterschiede zwischen Menschen sind im Alter besonders groß.

SPIEGEL: Nicht nur Starrsinn gilt als Eigenheit der Alten. Oft stellt sich im Angesicht der eigenen Endlichkeit auch eine große Gelassenheit ein.

Lindenberger: Ja. Manche können loslassen, beschäftigen sich mit der Zukunft ihrer Enkel, stehen anderen in schwierigen Lebenslagen als Ratgeber zur Seite. Sie erleben die schönen Seiten des Alters, weil sie eine Herausforderung bewältigen, die Psychologen als letzte Entwicklungsaufgabe eines Menschen sehen: das Interesse für nachfolgende Generationen. Von ihren Mitmenschen werden diese alten Männer und Frauen oft als weise empfunden.

SPIEGEL: Ein Forscher wie Sie kann etwas mit dem Begriff »Weisheit« anfangen?

Lindenberger: Warum nicht? Weisheit bedeutet Einsicht in grundlegende Probleme des Lebens. Lebenserfahrung hilft dabei, doch Nachdenklichkeit, Empathie und ein wacher Geist müssen dazukommen. Älterwerden allein macht nicht weise.

Kempermann: Natürlich kann man jetzt fragen, ob man die Erfahrung aus erster Hand braucht. Vielleicht reicht es ja, alle Bände von Dostojewski zu lesen? Als Hirnforscher glaube ich aber, dass Erleben am eigenen Leib intensivere Spuren hinterlässt als ein Buch. Vor allem hat das Gehirn eines weisen Menschen gelernt, auch bei

unzureichenden Informationen und in unklaren Situationen zu urteilen.

SPIEGEL: Neben »Starrsinn« und »Weisheit« gibt es eine dritte Stereotype, die oft mit dem Alter verbunden wird: »Verbitterung«.

Lindenberger: Das zeigt sich vor allem im Lebensrückblick des Einzelnen: Erinnert sich da einer vor allem an vertane Chancen? Ist da vor allem Hader?

SPIEGEL: Viele Hochbetagte haben traumatische Erinnerungen an den Krieg. Ist die weitverbreitete Altersdepression womöglich keine Eigenheit des Alters an sich, sondern eher eine Spätfolge des Krieges?

Lindenberger: Damit sprechen Sie ein Grundproblem unserer Forschung an: Die von uns untersuchten älteren Menschen haben in einer Gesellschaft gelebt, die mit der unseren nicht vergleichbar ist. Also müssen wir uns fragen: Verhält sich ein 70-Jähriger so, wie er sich verhält, weil er als 20-Jähriger andere prägende Erfahrungen gemacht hat als ein 20-Jähriger heute? Oder liegt es daran, dass sein Körper biologisch altert? Um dies halbwegs in den Griff zu bekommen, erfassen wir zu Beginn jeder Versuchsreihe biografische Informationen.

SPIEGEL: Wir leben in einer Zeit des Jugendwahns. Altern wir heute wirklich langsamer als früher?

Lindenberger: Kein Zweifel: Ältere Menschen erbringen heute im Durchschnitt bessere Leistungen. Gleichzeitig erreichen immer mehr Menschen ein sehr hohes Alter, und viele von ihnen werden geistig und körperlich zunehmend hinfällig. Nur schiebt sich diese Phase großer Einschränkungen immer weiter nach hinten. Die heute 85-Jährigen erfahren das Altern eben ähnlich wie früher die 70-Jährigen.

Kempermann: Und noch ist nicht klar, wohin die Entwicklung führt. Die Forscher um Jim Vaupel in Rostock haben gezeigt, dass es keine zuverlässige Prognose darüber gibt, wann wir Menschen das mögliche Höchstlebensalter erreicht haben. Laut ihren Daten steigt die Lebenserwartung seit mehr als einem Jahrhundert Jahr für Jahr um etwa drei Monate.

SPIEGEL: Es ist also denkbar, dass die Lebenserwartung irgendwann bei 120 oder sogar 150 Jahren liegen wird?

Lindenberger: Das ist nicht auszuschließen. Als meine Tochter vor zwölf Monaten geboren wurde, schrieb uns die Versicherung: »Wir gratulieren zur Geburt Ihrer Tochter. Ihre Lebenserwartung beträgt 110 Jahre.«

SPIEGEL: Erschreckt Sie das?

Lindenberger: Das hängt davon ab, ob das Mehr an Lebensjahren auch ein Mehr an kranken Jahren bedeuten wird. Natürlich wünsche ich meiner Tochter nicht 20 Jahre Siechtum. Bis ins dritte Lebensalter, gegenwärtig also bis zum 85. Lebensjahr, werden wir wohl dank Medizin und Technik ziemlich gute Kompensationsstrategien entwickeln. Aber danach, im vierten Lebensalter, wird es schwierig werden für uns und unsere Kinder.

SPIEGEL: Dann wird, wie es der verstorbene Altersforscher Paul Baltes formulierte, der Körper zur Hypothek für den Geist.

Lindenberger: Ja. Unser Körper und unsere Sinne fordern zunehmend mehr Aufmerksamkeit und fordern den Geist, der selbst nicht mehr so rege ist, damit stark heraus. Man kann den Körper allerdings entlasten, so dass der Geist sich wieder anderen Aufgaben zuwenden kann.

SPIEGEL: Sie klingen hoffnungsfroh.

Lindenberger: Ja, und unsere Experimente geben uns Anlass dazu. Wir haben betagte Männer und Frauen auf einem Laufband auch durch ein virtuelles Museum geschickt, diesmal mussten sie zum Bistro finden. Und da landeten sie schneller, wenn sie sich beim Laufen an einem Geländer festhalten konnten. Sie mussten sich weniger darauf konzentrieren, ihr Gleichgewicht zu halten.

SPIEGEL: Sie weisen damit den Nutzen des Krückstocks nach ...

Lindenberger: ... aber das Prinzip gilt auf viel generellere Weise. Weltweit arbeiten Labors an intelligenten Hilfsmitteln, die das Altern erleichtern. Technik wird ein Freund des Alters werden, und die Hilfsmittel werden modern und schick sein wie Navigationssysteme im Auto. Schon allein mit Hinweisreizen lässt sich der Alltag erheblich vereinfachen.

SPIEGEL: Sie meinen Geräte, die piepen, wenn es Zeit ist, die Pillen zu schlucken?

Lindenberger: Genau. Solche Geräte wird man ohnehin bei sich tragen wie heute ein Mobiltelefon, und sie werden den Alltag ihrer Besitzer erlernen: Ein Bildtelefon mit GPS etwa, das sich bestimmte Abläufe merkt: dienstags zum Friseur, sonntags ans Grab der verstorbenen Frau, am Wochenende ein Anruf bei der Tochter. All das speichert das Gerät über einen langen Zeitraum. Und wenn es dann nötig wird, kann es den Besitzer zum Friseur führen oder daran erinnern, die Tochter anzurufen.

Kempermann: Allerdings dürfen diese Geräte einen nicht komplett entlasten. Zu viel Unterstützung kann schnell das Ende der Selbständigkeit bedeuten. Wer sich zu früh ausschließlich auf sein Navigationsgerät verlässt, unterfordert sein Gehirn.

Lindenberger: Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass wir manche Mängel im Alter auch durch unser Verhalten ausgleichen können. Selektion, Optimierung, Kompensation: So heißen die drei Strategien, mit denen sich viele Defizite im Alter wettmachen lassen. Der Pianist Arthur Rubinstein hat das beispielhaft vorgelebt: Er übte weniger Stücke, die aber konzentrierter, und weil die Finger nicht mehr so beweglich waren, bremste er vor schnellen Passagen ab - und durch diesen Kontrast wirkten die dann schneller.

SPIEGEL: Solche Strategien lassen sich nicht nur bei Alten beobachten. Schon Kinder trainieren am liebsten das, was sie gut zu können glauben.

Lindenberger: Das mag sein. Doch als junger Mensch betreibt man oft eine Selektion aus der Fülle heraus. Ältere Menschen geraten eher durch Verluste dazu, eine Wahl treffen zu müssen. So wie in der Geschichte, die der Alternsforscher Orville Brim über seinen Vater erzählte: Er liebte seinen Park. Immer schnitt er den Rasen und bepflanzte die Beete; dann wurde er älter und schaffte diese Arbeit nicht mehr. Er legte einen kleinen Rosengarten an. Am Lebensende, mit 103, kümmerte er sich nur noch um eine einzige Blume, die an seinem Fenster stand. Er hat es verstanden, seine Begeisterung seinen nachlassenden Kräften anzupassen.

SPIEGEL: Und Sie glauben, diese eine Topfblume hat ihm dieselbe Lebensfreude geschenkt wie einst ein ganzer Garten?

Lindenberger: Ich vermute es. Es ist eine der großen Fragen der Altersforschung, wie Ältere es vermögen, sich neue Ziele zu setzen, die ihnen trotz schwindender Kräfte Lebenszufriedenheit verschaffen. Das gelingt sicher nicht per Knopfdruck.

SPIEGEL: Hat die Hirnforschung hier etwas zu bieten? Kann sie helfen, auch jenseits der 90 noch Lebensfreude zu finden?

Lindenberger: Unser Wissen und unser Verhalten ändern sich ja beständig im Lauf des Lebens, und das Gehirn stellt sich immer wieder darauf ein ...

Kempermann: ... ja, und das ist die Grundlage unserer lebenslangen Lern- und Leistungsfähigkeit. Das Gehirn ist kein festverdrahteter Computer. Allerdings hilft es, ihm früh Flexibilität abzuverlangen. Wer sich erst mit 70 Jahren gedanklich fordert, hat eher ein eingefahrenes Gehirn. Wenn einer dagegen immer geistig aktiv war, übernehmen bei ihm Hirnregionen auch im Alter eher neue Funktionen. Zwar wird das Gehirn keine Wunder vollbringen, wenn etwa ein Schlaganfall das Sprachzentrum beschädigt. Doch durch angemessenes Training kann es diese Lücke wenigstens zum Teil wieder füllen.

Lindenberger: Und jede Lernkurve ist ja etwas Wunderschönes: Wann immer ich Neues anfange, werde ich besser. Deshalb sollte man einen Musikfreund auch ermutigen, selbst mit 70 noch Klavier zu lernen.

SPIEGEL: Und? Profitiert der 70-jährige Klavierschüler auch in anderen Bereichen?

Lindenberger: Das ist eine der wichtigsten Fragen: Werden nur Fertigkeiten oder auch Fähigkeiten trainiert? Transferleistungen sind erstaunlich selten. Wenn überhaupt, findet man sie eher bei denen, die ihre Fitness und nicht direkt ihren Kopf trainiert haben: Couch-Potatoes, die mit dem Laufen beginnen, steigern kognitive Fähigkeiten, die sonst im Alter nachlassen. Wirksam scheinen auch Kontakte zu anderen Menschen zu sein. In der Berliner Altersstudie sind es diejenigen, die sozial aktiv sind, die geistig länger fit bleiben.

SPIEGEL: Letztlich sagen Sie also: Tu was, halt dich fit, geh unter Leute! Sind das nicht recht banale Ratschläge?

Kempermann: Manchmal bedeutet es bereits Fortschritt, gute Gründe für seine Ratschläge zu kennen.

Lindenberger: Im Übrigen sind viele banale Ratschläge auch schlicht falsch. Viele Hirnjoggingprogramme auf dem Markt wecken überzogene Hoffnungen. Das Ausmaß, in dem an ihren Erfolg geglaubt wird, spiegelt eher einen fundamentalen Wunsch wider: Wir wollen das Alter kontrollieren. Wir möchten diesen Prozess, den wir als bedrohlich empfinden, steuern. Noch wissen wir nicht, wie ein erfolgversprechendes Anti-Aging-Programm genau aussehen müsste. Es gibt einen Spielraum, das Altern zu beeinflussen, und den wollen wir verstehen und erweitern. Sicher ist allerdings: Versprechungen wie »regelmäßiges Hirnjogging verhin-

dert Alzheimer« sind hanebüchen. Es wäre

fatal zu glauben, unser Schicksal sei durchweg durch unser Verhalten veränderbar.

Kempermann: Auf keinen Fall darf es nur darum gehen, auf Teufel komm raus jugendlich zu werden. Aus 70-Jährigen dürfen keine falschen 40-Jährigen werden.

Lindenberger: Wahrscheinlich ist die Kombination aus geistiger und körperlicher Anstrengung, am besten in einer Gruppe, besonders wirksam. Doch generell rate ich jedem, sich das zu suchen, was er selbst als passend empfindet. Jemand, der immer schon gern ethymologische Wörterbücher gewälzt hat, sollte jetzt nicht anfangen zu joggen. Eher sollte er Chinesisch lernen.

SPIEGEL: Er könnte vielleicht auch bis ins hohe Alter arbeiten, was meinen Sie?

Lindenberger: Die Idee hat Charme. Wenn wir die Arbeit umverteilen, die wir in unseren Berufsjahren leisten, könnten wir unseren Lebenslauf moderner ausrichten: Ein 40-Jähriger setzt nach einer ersten Phase des Erfolgs ein paar Jahre aus und widmet sich der Familie, dann arbeitet er ein paar Jahre, gefolgt von einer Zeit der Weiterbildung, auf die wiederum einige Arbeitsjahre folgen. Viel spricht dafür, dieser Vision nachzustreben ...

Kempermann: ... zumal Arbeit Herausforderungen und soziale Kontakte bietet. Wie leistungsfähig viele im Alter noch sind, zeigt die ehrenamtliche Schattenwirtschaft, in der sich Alte heute tummeln. Also wäre es für alle, die gern arbeiten, sicher wünschenswert, das Rentenalter so flexibel wie möglich nach oben hin zu öffnen.

SPIEGEL: Als unser Rentensystem entstand, lag das Rentenalter 15 Jahre über der durchschnittlichen Lebenserwartung. Hätte dann das Rentenalter nicht mit der Lebenserwartung steigen müssen?

Lindenberger: In erster Linie ist die Rentendebatte eine Verteilungsfrage: Arbeite ich länger, verkürzt sich die Zahl der Jahre, in denen ich Rente beziehe. So viel zur politischen Logik. Viele Psychologen meinen, dass man das Rentenalter vom Einzelfall abhängig machen müsste. Je älter Menschen werden, desto schwieriger wird es, ihre Leistungsfähigkeit einzuschätzen. Jemand, dem es mit 70 noch prima geht, wird vielleicht im darauffolgenden Jahr dement. Seinem 80jährigen Nachbarn gelingt aber vielleicht ein bahnbrechender mathematischer Beweis.

SPIEGEL: Wie also sollte man entscheiden, ob ein Einzelner noch weiter arbeiten soll?

Lindenberger: Na ja, man könnte sich eine individuelle Prüfung vorstellen. Beim Führerschein gibt es das in einigen Ländern schon, da müssen die Leute ab einem gewissen Alter alle zwei Jahre ihre Prüfung machen. Vielleicht hat eine feste Altersgrenze für alle aber auch Vorteile, die wir allzu leicht übersehen: Immerhin erspart sie einem, öffentlich in den Spiegel der eigenen Hinfälligkeit blicken zu müssen.

SPIEGEL: Herr Kempermann, Herr Lindenberger, wir danken für dieses Gespräch.

* Peter Gruss (Hg.): »Die Zukunft des Alterns«. Beck, München; 288 Seiten; 16,90 Euro. * Mit den Redakteuren Johann Grolle und Katja Thimm.

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