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An den Pforten des Sinns

Seit Urzeiten versuchen Menschen, ihr Träumen zu verstehen. Schon antike Denker fanden Wege zwischen Wahn und Weissagung. Dennoch bleibt der Traum ein Symbol für die Unergründlichkeit des Humanen.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Was war in den klugen Magister gefahren? Warum beschäftigte sich Immanuel Kant, Privatdozent an der Königsberger Universität, plötzlich mit dem Jenseits? Freunde des 42-jährigen Philosophen tuschelten erregt; er selbst versuchte das Büchlein herunterzuspielen. Aber da war es: »Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik«, anonym erschienen 1766.

Beruhigend für alle Ideologen der Vernunft war immerhin der erste Satz: »Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten.« In dieser spöttischen Tonlage hätten Kants Kollegen den Fall, um den es ging, wohl rasch abgehakt: Emanuel von Swedenborg aus Stockholm, als Naturforscher durchaus geachtet, war unlängst von christlicher Erleuchtung überfallen worden. Wälzer um Wälzer verkündete der neue Theosoph nun sein visionäres Wissen; selbst den Tageslauf im Jenseits hatten himmlische Heerscharen ihm bis ins Kleinste offenbart.

Gewöhnlich machten Profi-Philosophen mit so einem »Schwärmer« kurzen Prozess. Kant jedoch kam ins Grübeln. Woher wollte man sicher sein, dass der fromme Schwede halluzinierte? Schlimmer noch: Auch die Kathederdenker selbst mussten, wenn ihr göttlich garantiertes Weltgebäude zusammenhalten sollte, eine Art Geisterlehre entwerfen, in der man nur »gleichsam träumend« (Kant) umhertappen konnte.

»Die Verstandeswaage ist doch nicht ganz unparteiisch«, seufzte Kant. Lange Jahre bevor er damit anfing, die »Grenzen der menschlichen Vernunft« kritisch festzulegen, machte seine Wanderung am Abgrund des Irrationalen ihm klar, wie instabil diese Grenzen waren.

Seit Anbeginn der Menschheit haben Träume das Schwanken zwischen Erleuchtung und Geheimnis, Hoffnung und Zweifel markiert. Von Australiens Ureinwohnern, die die Herkunft der Erdenwesen in eine fern-vergangene »Traumzeit« verlegen, bis zum Hammerdenker Friedrich Nietzsche, der verstandesskeptisch den »Geist und die Kraft des Traumes« in jeder Empfindung spürte, ist das Reich jenseits der Wachwelt stets ein Faszinosum gewesen.

Deutete, was im Traum geschah, womöglich die Zukunft? Sandten Überirdische hier Zeichen, die man nur keck entschlüsseln musste, um der chaotischen Welt ein wenig besser Herr zu werden? Oder neckten böse Geister den Schlummernden mit Trugbildern? Von der Antwort konnte einiges abhängen: Jagd- oder Liebesglück, Städtegründungen und Reisen, ja sogar Kriegslisten.

Die frühesten bekannten Rezepte zur Traumdeutung stehen auf einer ägyptischen Papyrus-Rolle, die mehr als 18 Jahrhunderte vor Christus entstand; sie dürfte weit ältere Vorläufer gehabt haben. Im Alten Testament finden sich sprichwörtliche Beispiele wie Jakobs Traum von der Himmelsleiter, auf der die Engel des Herrn hinab- und hinaufsteigen, oder der Traum des Pharao von den sieben mageren und den sieben fetten Kühen - die der deutungsbegabte Josef als Jahre von Wachstum und Dürre interpretiert. Doch das sind schon späte, spärliche Belege für einen Grundzug aller Zivilisationen: den fließenden Übergang von Kult und Offenbarung, Weissagung und Zeichendeuterei - professionelle Priester-Erklärer inbegriffen.

Die freilich brauchte es manchmal gar nicht mehr. In Homers »Ilias«, deren Ursprünge bis weit ins zweite Jahrtausend vor Christus zurückreichen, hat Griechenlands Streiter Achill vor dem entscheidenden Kampf mit dem Trojanerhelden Hektor einen quälenden Traum: Am Kopfende seines Lagers erscheint sein bester Freund, der von Hektor mit göttlicher Hilfe umgebrachte Patroklos. »Auf, begrabe mich schnell, dass des Hades Tor ich durchwandle!«, fleht die gruselige Schattengestalt. Dann prophezeit der tote Recke im Klartext: »Und dir selbst ist geordnet, o göttergleicher Achilleus, / Unter der Mauer zu sterben der wohlentsprossenen Troer.«

Während hier das böse Verhängnis spricht, gewinnt in der »Odyssee« die treue Penelope im Schlaf die tröstliche Gewissheit, dass ihr Sohn den Feinden entkommen wird; selbst die ersehnte Rückkehr ihres Mannes Odysseus und den Tod der ungeliebten Freier signalisiert ihr ein Traum, worin ein Adler eine Schar Gänse tötet.

Aber ist der Eingebung zu trauen? »Fremdling, es gibt doch dunkle und unerklärbare Träume«, fragt Penelope ausgerechnet Odysseus selbst, der inkognito an ihrer Seite steht. »Denn es sind, wie man sagt, zwei Pforten der nichtigen Träume: / Eine von Elfenbein, die andre von Horne gebauet. / Welche nun aus der Pforte von Elfenbeine herausgehn, / Diese täuschen den Geist durch lügenhafte Verkündung; / Andere, die aus der Pforte von glattem Horne hervorgehn, / Deuten Wirklichkeit an, wenn sie den Menschen erscheinen.«

Da ist er wieder, der Zweifel: Blödsinn oder Tiefsinn, Wahn oder Wahrheit? Gelehrte blieben uneins, ob im Traum Dämonen wirkten oder sich einfach nur so Banales melde wie ein allzu verzwiebeltes Essen. Letztlich stand sogar auf dem Spiel, wo sichere Erkenntnis überhaupt anfing und aufhörte. Ein elementares Problem, das fern von Europa der Patriarch des chinesischen Daoismus schon um 300 v. Chr. in einer zeitlos schönen Geschichte erfasste:

Einst träumte Zhuang Zhou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Zhuang Zhou. Plötzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und wahrhaftig Zhuang Zhou. Nun weiß ich nicht, ob Zhuang Zhou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Zhuang Zhou sei, obwohl doch zwischen Zhuang Zhou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.

Ein Ausweg aus dem Dilemma schien nicht in Sicht. Verständlich, dass bei den alten Hellenen der Sänger Pindar das haltlos-vergängliche Wesen Mensch »Skias onar« genannt hatte, »eines Schattens Traum«. So viel Unsicherheit machte die klügsten Köpfe scheu.

Auch Aristoteles, Gründervater der systematischen Philosophie, mochte in Sachen der Träume nur natürlichen Erklärungen trauen. Er sprach um 325 v. Chr. von »Einbildungen«, die als »Überreste des in der Wirklichkeit Empfundenen« während der Nachtruhe des Körpers unverdeckt hervorquöllen; dabei spielten Ernährung, Blutdruck und andere körperlich-seelische Faktoren mit. »Man kann tatsächlich zweifeln, ob in dieser Hinsicht die moderne Wissenschaft weit über ihn hinausgekommen ist«, schrieb der Ideenhistoriker Eric Robertson Dodds 1951 bewundernd.

Allerdings billigten in der Antike fast nur Ärzte diese nüchterne Ansicht - und wenige aufgeklärte Köpfe. Einer von ihnen war der Politiker und Intellektuelle Cicero. Er nannte »Wahrsagerei aus Träumen« schlicht Humbug, denn: »Keine Vorstellung ist so verkehrt, so regellos, so widernatürlich, dass wir sie nicht träumen könnten.«

Die meisten Welterklärer störte das aber keineswegs. Stoische Philosophen etwa sammelten Wahrtraum-Geschichten als Belege für das alldurchwaltende Regiment göttlicher »Sympathie«; auch das Geschäft der Zukunftsdeuter ging in der römischen Kaiserzeit munter fort.

Da gab es den Tipp, ein Lorbeerzweig unterm Kopfkissen bringe Orakel-Träume in Schwung. Die konnten dann aber auch Missgeschick prophezeien: »Hülsenfrüchte sind samt und sonders von schlimmer Vorbedeutung«, warnte das dicke Handbuch des Artemidoros von Daldis aus der römischen Kaiserzeit, »ausgenommen Erbsen« - denn die klangen in der Kultursprache Griechisch ähnlich wie das Wort »Überredung« und galten so »besonders für Steuermänner und Anwälte« als gutes Omen. Tausende dieser Traumdetails vom Abschiedsgruß bis zur Zypresse fanden bei Artemidor ihre Erklärung; aus dem Arsenal konnten auch Erzähler sich bedienen.

Den Christen in Spätantike und Mittelalter mochte solch heidnisches Spezialwissen verdächtig exakt vorkommen, aber im Prinzip erzählte die Bibel dasselbe: Gott und seine Gegenspieler gaben den Menschen häufig Winke oder Versuchungen ein. Bloß wie ließ sich das beweisen oder widerlegen? Mehr als die Spekulationen der Theologie gab es nicht; am Schmetterlingsdilemma scheiterten bis weit in die Neuzeit auch gewiefte Erkenntnistheoretiker.

Umso eifriger nutzten Dichter ihre Chance. Wie nebenbei ließ etwa William Shakespeare den weisen Inselherrscher Prospero im späten Märchendrama »Der Sturm« (1611) über das flüchtige Menschenleben philosophieren: » We are such stuff / As dreams are made on ...« - »Wir sind gleich dem, / woraus die Träume sind, / und unser kleines Leben / vollendet sich im Schlaf.«

Wenige Jahrzehnte später baute Pedro Calderón ein ganzes Drama um Rätsel und Schrecken vermeintlicher Wirklichkeit: »Das Leben ein Traum« (1635) erzählt vom polnischen Prinzen Sigismund, der wegen übler Orakel seit der Kindheit in einem Turmverlies hat schmachten müssen. Eines Tages stellt man ihn auf die Probe und lässt ihn als Herrscher erwachen - doch nun wird er ein Alptraum für seine Umgebung.

Gerade die Barockzeit konnte beinahe obsessiv über solchen Bildern elementarer Verunsicherung brüten. »Sterben, schlafen«, hatte Shakespeare 1602 seinen Hamlet über den Selbstmord sinnen lassen: »Schlafen! Vielleicht auch träumen. Ja, da liegt's: / Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, / Wenn wir die irdische Verstrickung lösten, / Das zwingt uns stillzustehn.« Denn wer verbürgte, dass nach scheinbar erlösendem Selbstmord keine alptraumhafte Höllenstrafe wartete?

Noch zu weithin aufgeklärten Zeiten überwogen allemal Furcht und Skepsis. Das beste deutsche Nachschlagewerk der ausgehenden Barockzeit, Zedlers Universal-Lexicon, registrierte 1745 in einem 18 Seiten langen Artikel den Zustand »dunckeler und unordentlicher Gedancken« während des Schlafs, auch ihre »Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit«, von denen man »offt recht geplaget« sei.

Dennoch durften die Gelehrten auf die Kardinalfrage, ob es übernatürliche Ursachen gebe, nicht mit Nein antworten, schon aus amtlich verordneter Rechtgläubigkeit. Weiterhin verkündeten so die Aufklärer, Träume könnten von guten oder bösen Engeln gesandt sein - auch wenn sie hinterher die Gegenargumente von Aristoteles, Cicero und ihresgleichen aufzählten.

Erst um 1800, als Kants Vernunftkritik jede göttliche Garantie für das Weltgebäude in die Sphäre puren Glaubens verwiesen hatte, begannen Intellektuelle und Poeten plötzlich geradezu enthusiastisch, die Nachtseite des menschlichen Gemüts zu erkunden.

»Nun weiß ich, wenn der letzte Morgen seyn wird - wenn das Licht nicht mehr die Nacht und die Liebe scheucht - wenn der Schlummer ewig und nur Ein unerschöpflicher Traum seyn wird. Himmlische Müdigkeit fühl ich in mir«, schrieb damals der junge Bergingenieur, Philosoph und Dichter Friedrich von Hardenberg, der sich öffentlich Novalis nannte. Hymnisch feierte er die Todessehnsucht als Wunsch, mit der heiligen Weisheit der Natur eins zu werden. Ausgerechnet dieser brillante Intellektuelle notierte: »Das Denken ist nur ein Traum des Fühlens, ein erstorbenes Fühlen, ein blassgraues, schwaches Leben.«

Damit blieb er nicht allein. Wie Novalis die »freye Erholung der gebundenen Fantasie« während des Schlafs zu kühnen Utopien überhöhte ("Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt"), so ließ auch der Tragiker Heinrich von Kleist etliche seiner Dramengestalten eine traumhafte Gewissheit spüren, die zum banalen Alltag querstand. Angeregt hatte ihn dazu auch ein Buch des Arztes und Forschers Gotthilf Heinrich Schubert: »Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft« (1808).

Überzeugt davon, dass Welt und Geist nur zwei Seiten derselben Natur-Ganzheit darstellten, setzte Schubert sein Projekt 1814 mit einer »Symbolik des Traumes« fort. Und siehe da: Im nächtlichen »Bilderausdruck« meinte der mit Hypnose und Hellseherei vertraute Naturforscher »Hieroglyphen« ursprünglich-göttlichen Denkens, ja eine »Sprache der Liebe« zu entdecken.

Begierig nutzten romantische Erzähler Schuberts Fallgeschichten für märchenhaft-schaurige Prosa. Skeptiker indessen argwöhnten bald, dass die literarischen Geisterseher letztlich nur den Glauben an übersinnliche Mächte aufwärmten: Hatten nicht viele bald das Heil im kreuzbraven Katholizismus gesucht? Doch selbst der spöttische Heinrich Heine blieb hin- und hergerissen. Gewiss, das »Geistervolk« der Jesusgläubigen träume viel zu viel. »Und doch, welche süße Träume haben wir träumen können!«, seufzte er.

Das war 1831 - kurz nachdem der Komponist Hector Berlioz den Traum von der Geliebten zum Leitmotiv einer aufwühlenden »Symphonie fantastique« gemacht hatte, kurz bevor Franz Grillparzer mit seinem Märchenspiel »Der Traum ein Leben« das alte Calderón-Stichwort neu aufgriff. Immer noch pendelte man zwischen täuschend-flüchtigem Traum und harter, aber handfester Wirklichkeit.

Allerdings schlug das Pendel nun immer hektischer aus. Während Labor-Psychologen das menschliche Seelenkostüm mit Elektroden und Skalpell zu durchstöbern anfingen, siedelten spätromantische Dichter wie Edgar Allan Poe oder Gérard de Nerval Halluzinationen bis zum Wahnsinn schockierend nahtlos in der gewohnten Realität an.

War es Zufall, dass gerade in dieser Zeit eine erregend neue Deutung des Träumens entstand?

»An jedem Traume kann man lernen, wie sich das natürliche Verhältniß zwischen Vorstellung und Empfindung umkehren kann«, notierte Friedrich Nietzsche 1875; Verdauung, Kreislauf und Nervensystem rufen bei ihrer nächtlichen Tätigkeit im Geist, »Dichtungen auf dem Grund der Triebe und Gefühle« hervor. »Und wie die Träume, so die ganze vorstellende Welt der Ideen« - selbst bei schärfstem Bewusstsein.

Zugegeben: »Das wache Leben hat nicht diese Freiheit der Interpretation wie das träumende, es ist weniger dichterisch und zügellos«, diagnostizierte der Denker. »Muss ich aber ausführen, dass unsere Triebe im Wachen ebenfalls nichts Anderes thun, als die Nervenreize interpretiren und nach ihrem Bedürfnisse deren ,Ursachen' ansetzen?« So schloss Nietzsche: »Was sind denn unsere Erlebnisse? Viel mehr Das, was wir hineinlegen, als Das, was darin liegt!« Also seien »Erleben und Erdichten« höchstens graduell verschieden.

In einer Notiz von 1885 ging der Philosoph dann noch einen provokanten Schritt weiter: »Wir wollen gar nicht ,erkennen', sondern nicht im Glauben gestört werden, dass wir bereits wissen.«

Dreieinhalb Jahre später brach der Autor dieser fast schmerzhaft hellsichtigen Sätze irrsinnig zusammen. Stieren Blickes, im Wahn versunken, sollte Nietzsche noch über ein Jahrzehnt, bis zu seinem Tod im August 1900, dahindämmern. Es war, als habe er wenigstens physisch das Erscheinen jenes Buches miterleben sollen, das dem alten Thema die nächste Wendung geben und zu einem intellektuellen Fanal des anbrechenden Jahrhunderts werden sollte: Sigmunds Freuds »Traumdeutung«.

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