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Tiermedizin Angst im Auge

Einige hundert Kühe sterben in England jede Woche am Rinderwahnsinn. Nun breitet sich eine neue Viehseuche aus: Rinder-Aids.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Seit jeher ist es des Bauern Art, die Lage des Nährstandes zu bejammern. Darin übt er sich von Jugend an, immer nach dem Motto: Lerne klagen, ohne zu leiden.

Es war daher nicht verwunderlich, daß Bauer Blything wochenlang auf taube Ohren stieß, wenn er wehklagend über den Zustand seiner aus Deutschland importierten Milchkühe sprach: Grüner Rotz laufe dem Hornvieh aus den schwärenbedeckten Nasenlöchern; des weiteren seien die Tiere nervös und so wacklig auf den Beinen, daß sie wie Zombies im Stall hin und her schwankten.

»In den Augen dieser Kreaturen steht die Angst geschrieben«, sagte der Landmann aus der englischen Grafschaft Cheshire letzte Woche britischen Zeitungen, die weitläufig über das rätselhafte Siechtum auf der Green Lane Farm berichteten.

Damit hatte Tim Blything endlich Gehör und das europäische Pressewesen ein neues Angstthema gefunden. Tenor der Schlagzeilen: »Aids-Alarm bei Rindern«.

Die Berichte über die Aids-Kühe platzten mitten hinein in die Anfang des Monats erneut aufgeflammte Diskussion über den sogenannten Rinder-Wahnsinn, die gleichfalls für Panikstimmung sorgt: »Es droht eine gefährliche Seuchengefahr«, orakelte in Bonn der FDP-Gesundheitspolitiker Dieter Thomae. Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer forderte einen Importstopp für Rindfleisch aus Großbritannien, wo der Viehwahn in bestimmten Gegenden gehäuft ("endemisch") auftritt.

Geschürt wurden die diffusen Ängste vor Risikokeimen in Beef und Buletten durch den Umstand, daß die beiden Viehkrankheiten eines gemeinsam haben: Über keine von ihnen wissen die Experten so richtig Bescheid.

Wenig griffig - und damit für den Laien leicht verwechselbar - sind auch die wissenschaftlichen Kürzelnamen, die Virologen und Veterinärmediziner diesen zwei »bovinen«, also das Rind betreffenden Malaisen gegeben haben: *___BSE bezeichnet die bovine spongiforme Enzephalopathie, ____bei der ein bislang unbekannter Erreger das Gehirn ____derart verwüstet, daß die erkrankten Tiere, wie vom ____Wahnsinn erfaßt, herumtoben und unter veitstanzartigen ____Zuckungen verenden. *___BIV steht für das bovine Immunodefizienz-Virus, das ____ähnlich seinem entfernten Verwandten, dem HIV-Virus, ____das Immunsystem des befallenen Organismus schwächt - ____daher die landläufige Redensart von Rinder-Aids. Jedoch ____verringert das BIV-Virus die Immunabwehr in der Regel ____nur derart geringfügig, daß die meisten der ____BIV-positiven Tiere nicht an Infektionen erkranken.

Bekannt ist der BIV-Erreger schon seit 1972. Damals entdeckte der amerikanische Virologe Matthew Gonda das Virus, das er für einen möglichen Krebserreger hielt. »Als ich 1983 die ersten Fotos des Aids-Virus sah«, erinnert sich Gonda, »erkannte ich sofort die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Erregern.«

Seitdem haben US-Veterinärmediziner zahlreiche Reihenuntersuchungen an Viehherden vorgenommen. Die Bluttests ergaben, daß mindestens vier, möglicherweise sogar acht Prozent aller US-Rinder BIV-positiv sind.

»Ich würde mich nicht wundern«, so Bernd Haas von der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere in Tübingen, »wenn bei der europäischen, also auch der deutschen Rinderpopulation eine ähnlich hohe Durchseuchung vorläge« - doch keine Angst, BIV ist nicht HIV und der Mensch, zumindest physiologisch, kein Rindvieh: Trotz zahlreicher Versuche gelang es den Forschern in keinem Fall, das BIV-Virus auf menschliches Gewebe zu übertragen.

Es sei daher ausgeschlossen, folgert Professor Reinhard Kurth, Chef des Paul-Ehrlich-Instituts im hessischen Langen, »daß sich ein Mensch mit BIV infizieren kann«.

Größere Sorge hingegen bereitet den Forschern die BSE-Seuche, die vor allem in Großbritannien grassiert. Einige hundert Tiere gehen dort jede Woche brüllend zugrunde - mit schwammartig ("spongiform") veränderten Gehirnen, die denen von Patienten gleichen, die am Creutzfeldt-Jakob-Syndrom (CJS) erkrankt sind.

Aufgrund der Ähnlichkeit von Organschädigung und Krankheitsverlauf bei BSE und CJS sei nicht auszuschließen, so meinen etliche Forscher, daß der BSE-Erreger möglicherweise auf den Menschen überspringen könne.

Als Indiz für ihre Vermutung führen sie das Schicksal zweier britischer Landwirte an, die beide im letzten Jahr an CJS erkrankt sind. Doch wie sich die beiden auf dem Umweg über Rinder angesteckt haben könnten, ist den Experten ebenso ein Rätsel wie der Fall der 16jährigen Britin Vicky Rimmer, der in den letzten Wochen weithin Aufsehen erregte: Ihre Tochter habe, behauptet die Mutter des an CJS erkrankten Mädchens, besonders viel Fleisch gegessen.

Seit Jahren und mit enormem Aufwand versuchen die Forscher, die tatsächliche Ansteckungsgefahr für den Menschen zu ermitteln - vergebens, denn ein Erreger ließ sich bislang weder immunologisch noch auf gentechnischem Wege identifizieren.

Unklar ist überdies, ob der unbekannte Mikrokiller überhaupt ein Virus ist oder vielleicht ein »Prion«, wie der Amerikaner Stanley Prusiner sein theoretisches Konstrukt eines »infektiösen Proteins« ohne Erbgut nennt. In ihrer Erklärungsnot bringen die Experten auch Membranteilchen, sogenannte Subviren, oder sogar anorganische Kristalle als mögliche Auslöser des Hirndesasters ins Gespräch.

Erfolglos wie die Erregerfahndung der Forscher gestaltete sich auch Seehofers Versuch, den Import von Rindfleisch aus Großbritannien zu verbieten.

So bleibt es bei dem 1990 in der EG ausgekungelten Kuhhandel, nach dem sogar Rindfleisch aus verseuchten Beständen eingeführt werden darf, sofern es von besonders BSEinfektiösen Bestandteilen wie Knochen, Lymphgewebe und Nervensträngen gesäubert ist - purer Nonsens, weil technisch nur unvollkommen möglich. Im Gegenzug dürfen die Deutschen ihre leistungsstarken Milchkühe weiterhin ohne Beschränkung nach Großbritannien exportieren.

Nur eines Kunden werden sie fürderhin entraten müssen: Nachdem zwei seiner neuen Kühe aus deutscher Zucht BIV-positiv getestet wurden, will Bauer Blything in Zukunft ausschließlich einheimische Euterträger auf seine Weiden stellen. Y

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