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BIOTERROR Angst vor der Blitz-Epidemie

Nach den Milzbrandattacken in den USA fürchten Seuchenexperten Angriffe mit noch weit gefährlicheren Killerkeimen. Die Terroranschläge sind offenbar das Werk von Profis. Unter Hochdruck entwickeln Forscher jetzt neue Impfstoffe und Frühwarnsysteme gegen Biowaffen.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Die 21 Männer sprachen nicht viel und handelten schnell. Sie kamen von außerhalb, trugen falsche Ausweise und unauffällige Kleidung. Als sie am 6. Juni im Tunnelsystem der New Yorker U-Bahn verschwanden, hatten sie genau wie Hunderttausende anderer New Yorker Taschen und Aktenkoffer dabei.

Aber ihr Gepäck war anders als das der anderen Fahrgäste: handelsübliche Glühbirnen. Dort hinein hatten sie ein fein gemahlenes Puder aus Bakterien gefüllt - je 175 Gramm von »Bacillus subtilis«.

Zur Hauptverkehrszeit bestiegen die Männer in Gruppen mehrere der meistbefahrenen U-Bahnen, holten die Glühbirnen hervor und warfen sie auf die Schienen. Als das Glas zersplitterte, stob aus jeder Birne eine Wolke von mehr als 87 Billionen Mikroorganismen. Die Luftwirbel um den fahrenden Zug herum ließen die Keime aufsteigen. Rasch verteilten sie sich auf dem Bahnsteig.

Und jedes Mal, wenn ein Zug einfuhr, pustete die Druckwelle, die ihm vorauseilte, Milliarden von Bakterien umher. Jeder ausfahrende Zug sog einen Nebel von Keimen in das Tunnelsystem. Innerhalb kurzer Zeit war nahezu das gesamte Netz der Subway kontaminiert. Über Luftschächte und Ausgänge drangen die Mikroben vor bis in die Oberwelt.

Noch merkte keiner, was geschehen war, aber das würde nicht lange dauern: Wer nur fünf Minuten auf einem Bahnsteig stand, der hatte rund 100 000 Sporen eingeatmet, das Zehnfache der nötigen infektiösen Dosis.

Niemand starb bei dem Anschlag im Juni des Jahres 1966. Die U-Bahn-Bakterien waren nur harmlose Simulanten für die Erreger des tödlichen Milzbrandes. Die Täter waren Biowaffen-Experten der US-Armee aus dem militärischen Forschungszentrum von Fort Detrick im Bundesstaat Maryland. Mit zuvor aufgestellten Luftmessgeräten und mobilen Messstationen an Bord der Züge verfolgten sie die rasche Ausbreitung der Testbakterien. Das Menschen-Experiment vor 35 Jahren sollte zeigen, wie leicht es wäre, eine Stadt wie New York mit Biowaffen zu verheeren.

Das Ergebnis, festgehalten in einem Forschungsbericht, der bis heute in Teilen geheim ist: Im Falle einer echten Bioattacke könnte »ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung im Zentrum von New York« an nur einem Tag infiziert werden. Hunderttausende könnten sterben, über eine Million Menschen würden den Bakterien ausgesetzt.

Die U-Bahn dürfte hinterher auf lange Zeit nicht mehr benutzbar sein: Anthrax-Sporen sind hartlebig und auch nach Jahrzehnten noch virulent. Es ist wahrscheinlich, dass die meisten Bewohner und Firmen die infektiöse Stadt rasch verlassen würden. New York wäre am Ende - oder Berlin, Tokio, London, Paris, Madrid, Frankfurt.

Entschlossene Bioterroristen brauchen in modernen Städten keine Agrarflugzeuge, um Milzbrandbakterien auszubreiten. Sie brauchen auch keine Raketen, um Biowaffen ins Ziel zu bringen. Ihnen reicht die vorhandene Infrastruktur ihres Gegners als Verteilungsmechanismus: Kleine Attacken kommen mit der Post, die großen mit der U-Bahn.

In den USA ist es bis Ende letzter Woche bei kleinen Attacken geblieben. 32 Menschen sind in Florida, New York und Washington positiv getestet worden: Auf ihrer Haut oder in ihren Nasen fanden sich Sporen des Milzbranderregers. Zusätzlich sind mindestens sechs Menschen an Hautanthrax erkrankt - Mitarbeiter bekannter TV-Moderatoren, Postangestellte, ein sieben Monate altes Baby.

Es blieb bei dem einen Todesfall, mit dem die Bioangriffe begonnen hatten: Robert Stevens, 63, Foto-Retuscheur beim Boulevard-Blatt »Sun« in Florida, starb an Lungenmilzbrand. »Das ist kein landesweiter Anthrax-Ausbruch«, erklärte Julie Gerberding, Chefin der Infektionskontrolle bei der Seuchenpolizei CDC. Doch es gelang ihr nicht, mit dieser Beteuerung die Angst der Amerikaner zu zerstreuen.

Zunächst tauchten die Anthrax-Briefe vor allem in Mediengebäuden wie bei der NBC und American Media auf. Dann kamen hochrangige Politiker dran: Auch der Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Tom Daschle, bekam einen Sporen-Brief. Die Schreiben an Daschle und die NBC enthielten weder Anrede noch Unterschrift, aber diesen Spruch: »Tod Amerika. Tod Israel. Allah ist groß«.

Mit dem Brief an Daschle hatte der Bioterror in Amerika eine neue Qualität erreicht, die noch kurz zuvor von den Ermittlern als unwahrscheinlich eingestuft worden war. Erstmals lagen Anthrax-Sporen offenbar in hochkonzentrierter Form vor - es waren »reine Sporen«, so Generalmajor John Parker, ein Militärmediziner der US-Armee.

Für die Ermittler zerstob damit die Hoffnung, dass sie es nur mit einem durchgeknallten Kellertüftler zu tun hatten.

Die Sporen, die vergangene Woche in Washington eintrafen, hatten »professionelle Qualität«, wie aus Kreisen des Justizministeriums verlautete - sie waren mit Raffinesse so zubereitet worden, dass sie zuverlässiger zu töten vermögen. Genau solches Pulver ist jenes gefürchtete Material, das im Ventilationssystem eines Hochhauses, eines Einkaufszentrums, in einem U-Bahn-System, einem Autotunnel tausendfach Leben vernichten könnte.

Entscheidend für die Gefährlichkeit ist vor allem die Größe seiner Partikel. In der Natur klumpen die Bakteriensporen zu so großen Gebilden zusammen, dass sie vielleicht sogar in den Wirbeln der New Yorker U-Bahn zu Boden gehen würden. Sie könnten nur schwerlich in die Lungenbläschen von Menschen vordringen.

Als biowaffentauglich gelten Anthrax-Partikel mit einer Größe von einem bis fünf Tausendstel eines Millimeters. Jene Milzbrandsporen, die an Senator Daschle gerichtet waren, maßen nach ersten Ergebnissen im Schnitt ein bis zwei Mikrometer - sie waren folglich ideale Killer-Teilchen: Der kleinste Luftzug könnte diese Todesboten über weite Abstände transportieren.

Um sie so herzustellen, bedarf es nach Einschätzung von Experten eines professionell ausgestatteten Labors und erfahrenen Personals. Staaten, keine Einzelpersonen, haben dazu typischerweise Zugang. Begabte Tüftler, so nehmen die Fachleute an, könnten allenfalls winzige Mengen dieses Kampfstoffs produzieren. Auch der außergewöhnliche Reinheitsgrad der Sporen von Washington deutet auf das Werk von Profis hin.

Das Studium der Bakterien verschaffte den Fahndern andererseits auch Erkenntnisse, die zumindest einige der schlimmsten Befürchtungen entkräfteten. Der Erregertyp sei »kein besonders virulenter Stamm«, sagt David Fleming, stellvertretender Direktor der Seuchenpolizei CDC. Somit hätte es noch schlimmer kommen können - etwa wenn die Täter hochgezüchtete Erreger aus russischen Beständen verwandt hätten (siehe Seite 234).

Die Milzbrandbakterien scheinen zudem nicht genmanipuliert worden zu sein, um Gegenmittel wie das Antibiotikum Cipro auszutricksen. Auch das Antibiotikum Doxycyclin und das altbewährte Penicillin erwiesen sich als wirksam.

Eine Weile lang taten US-Politiker und Ermittler so, als wären die Anthrax-Anschläge nur isolierte Taten gewöhnlicher Krimineller. »Die rationalere Hypothese«, so urteilte das »Wall Street Journal«, »ist die, dass dies organisierte Terrorakte waren - und dass Anthrax nicht in irgendeinem Kellerlabor produziert wurde.«

Während die an Senator Daschle geschickten Erreger in Form weißen Puders vorlagen, ging bei Brokaw eine sandige braune Substanz ein. Die Täter haben ihre tödlichen Bakterien offensichtlich aus Kalkül unterschiedlich behandelt und absichtsvoll Sporen verschiedener Gefährlichkeit hergestellt und verschickt. Wie in einer Waffenschau, so kam es den Ermittlern vor, demonstrieren sie einer verängstigten Öffentlichkeit ihren souveränen Umgang mit den tödlichen Keimen.

Die bisherigen Attacken folgten somit einer eskalierenden Dramaturgie des Terrors. Mit zunehmendem Profil der Ziele wurde auch das verwendete Biomaterial raffinierter. Die wahrscheinlich einfachste, weil gröbste Ladung Milzbrandmikroben ging zum publizistisch unbedeutenden Sensationsblatt »Sun«. Ein feines aufbereitetes Pulver erreichte dann Assistentinnen des Anchorman vom Fernsehsender NBC. Ein führender Politiker im Zentrum der Macht wurde schließlich zur Zielscheibe für die bislang sauberste und potenziell tödlichste Zubereitung.

Alle Hoffnung der Fahnder konzentriert sich nun auf verräterische Details. Experten des FBI analysieren die Briefe - die verwendete Tinte, die Umschläge und das Papier. Schriftenanalytiker untersuchen, ob der Autor amerikanischer Muttersprachler ist. Spezialermittler kümmern sich um die Handschrift.

Wenig dürfte indes die Suche nach Fingerabdrücken fruchten. Die Terroristen trugen Handschuhe, als sie ihre Biobriefbomben zusammenstellten. Es finden sich auf den Briefen auch keine Spuren von möglicherweise DNS-haltigem Speichel, mit denen zum Beispiel der Klebefalz zum Verschluss des Umschlags befeuchtet worden wäre. Die Briefmarke hilft auch nicht weiter: Die Täter benutzten Couverts, bei denen Briefmarken bereits aufgedruckt waren. Solche fertig frankierten Umschläge sind erst seit Juli im Umlauf. Aufschluss erhoffen sich die Ermittler auch vom Postweg der bekannten Briefe. Am 18. September ist das Schreiben an die NBC nach New York in der Postverteilstation bei Trenton, der Hauptstadt von New Jersey, abgefertigt worden - zusammen mit 246 000 Sendungen an jenem Tag. Dennoch hinterließ dieser eine Brief bleibende Spuren.

Eine Postangestellte ist am 27. September an Hautanthrax erkrankt. Die Fahnder sehen darin einen Glücksfall, denn diese Frau sammelte mit einem Kleinbus bei Privathäusern und in Büros Post auf. Sie fuhr immer die gleiche Route zu rund 250 Adressen. Entlang dieser Strecke könnten die Täter aktiv gewesen sein - oder gar wohnen.

An ihren Arbeitsplätzen fühlten sich jetzt viele Mitarbeiter des U. S. Postal Service so unsicher, als arbeiteten sie auf einem

Minenfeld. Viele erscheinen vermummt zur Arbeit, sie tragen Schutzmasken und Handschuhe. Rund 680 Millionen Briefe und Pakete werden vom Postal Service jeden Tag zugestellt, mehr als 200 Milliarden Sendungen im Jahr. Experten suchen nach Möglichkeiten zur Früherkennung bakterienverseuchter Post.

Doch die Wahrheit ist: Es ist unmöglich, in einem Meer von Briefen winzige Mengen von Bakteriensporen in Umschlägen aufzuspüren. Dem U. S. Postal Service bleibt nur, seine 800 000 Angestellten zur Wachsamkeit aufzurufen.

Damit gerät die Abwehr der Bioattacken im Postraum zu einem eher unbeholfenen Unterfangen: Als verdächtig gelten jetzt Briefe mit falscher Frankierung oder Schreibfehlern in den Adresszeilen, Zusätze wie »vertraulich« oder »persönlich«, Absender aus arabischen Ländern oder auch nur mit arabisch wirkenden Namen; überdies alle Sendungen mit tastbaren Wölbungen.

Womit werden die Täter ihre bisherige Kaskade des Schreckens noch steigern? Die entscheidende Frage lautet, ob sie noch über beträchtliche Mengen von Milzbrandsporen verfügen. Genau dies nehmen US-Experten an. Der Reinheitsgrad der Sporen, die an Senator Daschle gesandt wurden, spricht dafür, dass die Täter mit ihrem Pulver nicht geizen müssen. Hätten sie nur wenige Bakterien zur Verfügung, so argumentieren die FBI-Spezialisten, dann würden sie das knappe Material lieber strecken, um möglichst viele Terror-Briefe verschicken zu können.

Heiße Spuren auf die Verursacher haben die Heerscharen von Polizisten, Kriminalisten, Psychologen, Biowaffenexperten, Genforscher, Bakteriologen und Hightech-Fährtenleser bislang nicht erbringen können. So bleibt den Fahndern, neben der Terrorgruppe von Bin Laden, nur der Rückgriff auf die üblichen einheimischen Verdächtigen. Zu ihnen zählen militante Abtreibungsgegner, die in der Vergangenheit gezielt Attentate auf Mediziner und Krankenhäuser verübt haben sowie Neonazis. »Ich tippe auf rechtsradikale US-Terroristen«, sagt auch der deutsche Biowaffenexperte Oliver Thränert im SPIEGEL-Gespräch (Seite 242).

Milzbranderreger zu beschaffen, dürfte US-Terroristen in der Vergangenheit nicht sonderlich schwer gefallen sein, da Referenzkulturen der Milzbranderreger landesweit in veterinärmedizinischen Laboratorien gehalten werden. Einbrüche oder Sympathisanten an der richtigen Stelle könnten ihnen das Material in die Hände spielen. Die Verarbeitung des Rohstoffs zu veritablen Biowaffen ist allerdings eine Herausforderung, die ihnen nur wenige zutrauen.

Fest steht, dass sich amerikanische Rechtsextreme schon in der Vergangenheit intensiv um Biowaffen bemüht haben. Am 5. Mai 1995 bestellte Larry Harris, Mitglied der Rassistentruppe Aryan Nations, bei der American Type Culture Collection (ATCC), der größten mikrobiologischen Sammlung in den USA, den Pesterreger »Yersinia pestis«. Alles, was Harris brauchte, war gefälschtes Briefpapier, das den Eindruck erweckte, als gehörte er einem Labor an. Er bekam tatsächlich drei Röhrchen mit Pesterregern per Post, wurde allerdings eine Woche später verhaftet, nachdem die Polizei einen Tipp bekommen hatte. Im Handschuhfach seines Subaru stellten die Fahnder die Röhrchen sicher.

Der Fall Harris führte dazu, dass die USA 1996 den Zugang zu tödlichen Bakterien und Viren drastisch einschränkten. Bis dahin waren die Amerikaner in Sachen Mikroben freigiebig und naiv. Als irakische Forscher in den achtziger Jahren für Saddam Hussein ein Biowaffenprogramm hochzogen, steuerten auch die Keim-Sammler von der ATCC Starter-Kulturen bei. Sieben Varianten von Anthrax entschwebten 1986 und 1988 gegen eine Schutzgebühr von wenigen hundert Dollar nach Bagdad, wo sie von Forschern zu Massenvernichtungswaffen weitergezüchtet wurden.

Seither hat der Irak mindestens 8500 Liter Flüssigkeit mit Anthrax-Bakterien produziert. Vieles davon, so nehmen die Uno-Waffeninspekteure an, die irakische Biowaffen zerstören sollten, existiert noch heute.

Auch viele andere Staaten haben eigene Biowaffenprogramme betrieben - teilweise mit verheerenden Folgen Folgen. Großbritannien etwa hatte schon 1942 mit dem tückischen Milzbranderreger auf der kleinen Gruinard-Insel vor der schottischen Küste experimentiert. Alle Schafe, damals die einzigen Inselbewohner, starben bei dem Freilandversuch. Die Insel selbst war ein halbes Jahrhundert lang so verseucht, dass kein Mensch sie ohne Schutzanzug betreten durfte.

Besonders aber die frühere Sowjetunion tat sich bei der B-Waffen-Forschung hervor. Zahlreiche, höchst erfahrene russische Experten sind heute arbeitslos. Der Verbleib vieler frustrierter Koryphäen der Kampfstoffherstellung ist nicht bekannt. Vermutlich arbeiten einige für Rüstungsprogramme arabischer Staaten - etwa im Irak.

Immerhin gibt es ernst zu nehmende Hinweise, wonach sich Mohammed Atta, der offenkundige Anführer der Hijacker, mehrere Male in Tschechien mit dem irakischen Diplomaten Ahmed Khalil Ibrahim Samir al-Ani getroffen hat. Dieser könnte dem Terroristen, so mutmaßen die Ermittler, kleine Proben von Anthrax überreicht haben.

In Delray Beach, dem Wohnort von einigen der Flugzeugentführer, entsinnt sich der Apotheker Gregg Chatterton gut an Mohammed Atta. Etwa zwei Wochen vor den Terrorattacken kreuzte er in der Apotheke mit seinem Kumpanen Marwan al-Shehhi auf und verlangte Mittel zur Behandlung von Rötungen an seinen Händen.

Für Chatterton sahen die Hände aus, als wären sie übermäßig mit Reinigungsmitteln in Kontakt gekommen. Heute fragt sich Chatterton, ob Atta gerötete Hände hatte, weil er mit Milzbrandsporen hantiert und versucht hatte, sich mit Haushaltsreinigern selbst zu dekontaminieren. Auch das FBI benutzt zur Desinfektion eine Mischung aus Haushaltsreiniger und Waschmittel.

Mitverschwörer Attas, die ihm bei der Vorbereitung der Flugzeugattentate geholfen haben, sind wahrscheinlich noch in den USA. Auch sie könnten die Urheber der verseuchten Terrorbriefe sein. Die rund 700 Verdächtigen, die in den USA jetzt in Zusammenhang mit den Angriffen vom 11. September in Gewahrsam genommen wurden, werden deshalb auf Antikörper gegen Anthrax untersucht.

Aus diesem Grund überprüfen FBI-Agenten und Fahnder der Arzneimittelbehörde FDA jetzt auch alle Großbestellungen von dem Antibiotikum Cipro. Verdächtig ist jeder, der vor Beginn der Anschlagsserie Cipro-Vorräte für 30 bis 60 Tage gekauft hat. Die Idee: Wer daheim mit den Bakterien werkelt, der wird früher oder später Cipro brauchen und sich rechtzeitig damit eindecken.

Viele Ermittler halten eine Verbindung zu al-Qaida dennoch eher für unwahrscheinlich - schon deshalb, weil es bisher nur einen Toten gab. »Ich glaube nicht, dass die Terroristen, die wir jetzt verfolgen, sich mit solchen Kleinigkeiten abgeben«, sagt Robert Ressler, ein früherer Profiler des FBI. Die Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon seien jahrelang vorbereitet worden und darauf angelegt, möglichst viele Menschenleben auszulöschen.

Vergangene Woche arbeiteten die Labore in den USA, die Anthrax-Erreger nachweisen können, im Drei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr an Tausenden Nasenabstrichen und Blutproben. Selbst die Seuchenjäger der CDC in Atlanta hatten dabei ihre Kapazitätsgrenzen überschritten. Einer großen Biowaffenattacke auf eine Stadt wären die Mediziner in Universitäten, Regierungslaboratorien, Armee-Instituten nicht gewachsen. »Es gibt Momente, da kann ich kaum schlafen«, sagt Mohammed Akhter, der Chef der American Public Health Association, »denn ich kenne die Schwächen im System.«

Massenimpfungen gegen Milzbrand wären derzeit weder sinnvoll noch machbar. In den USA, Großbritannien und Russland sind Impfstoffe gegen Anthrax zugelassen, doch sie bleiben nur Risikogruppen und dem Militär vorbehalten.

Denn der bisherige Impfstoff ist risikobehaftet. Entwickelt in den fünfziger Jahren, wird er in den USA jetzt nur von einem Hersteller fabriziert - und der steht im Verdacht, bei der Impfstoffproduktion zu schlampen. Seit rund zwei Jahren hat die Firma keine Produktionszulassung der US-Gesundheitsbehörde FDA mehr. Begründung: Der Zustand der Fabrik verstoße gegen die Sterilitätsanforderungen; die Qualität des Impfstoffes schwanke von Ampulle zu Ampulle.

Der Milzbrandimpfstoff gilt zudem als veraltet. Sechsmal innerhalb von 18 Monaten muss er gespritzt werden, um wirksam zu sein. Starke Nebenwirkungen brachten das Mittel ins Gerede, immer wieder wurde es mit dem »Golf-Kriegs-Syndrom« in Verbindung gebracht - jene rätselhafte Leiden, die bei Veteranen der Operation »Desert Storm« aufgetreten sind.

Mindestens zwei neue Impfstoffe sollen in den nächsten Monaten in die klinischen Prüfungen gehen. »Wir arbeiten Tag und Nacht«, berichtet der Forscher John Robbins von den National Institutes of Health. Die neuen Vakzine seien reiner als das bisherige Mittel und enthielten einen geheimen Zusatzstoff, der das Immunsystem schneller gegen Anthrax mobilisiert.

Experten halten eine flächendeckende Impfung von Zivilisten gegen Biowaffenattacken ohnehin für viel zu aufwendig. »Das ist weder logistisch machbar noch bezahlbar«, sagt Wolfgang Beyer, Milzbrandexperte am Institut für Tiermedizin der Universität Hohenheim, der selbst an einem neuen Impfstoff gegen Milzbrand arbeitet.

Für den Schutz der Bevölkerung gilt nicht Impfung, sondern Früherkennung als die beste Verteidigung. Möglichst vor Beginn erster Krankheitszeichen müssen Infizierte mit Antibiotika behandelt werden. Nur dann haben sie optimale Überlebenschancen.

Bereits nach dem Golfkrieg legte die US-Regierung ein Programm zur Abwehr biologischer Attacken auf. Neben Impfstoffen und Gegengiften hoffen die Militärs vor allem darauf, Kampfstoffe künftig direkt vor Ort schnell identifizieren zu können. Seit 1996 ist für die US-Armee ein Labor auf Rädern namens BIDS ("Biological Integrated Detection System") im Einsatz.

BIDS ist so komplex, dass es auf einem Kleintransporter mit Einachsanhänger montiert werden muss. Ständig saugt das Warngerät Luft an. Ändern sich Größe und Konzentration von Partikeln in der Luft, wird Alarm ausgelöst: Bestimmte Erregertypen vermag das Gerät direkt vor Ort nachzuweisen. Damit ist es angeblich sogar dem deutschen Spürpanzer »Fuchs« überlegen (Seite 238).

Zudem sind in Amerika Lasergeräte in der Entwicklung, die künftig auf bis zu 50 Kilometer Entfernung zwischen natürlichen und künstlich erzeugten Aerosolwolken unterscheiden sollen. Biologische oder chemische Kampstoffe, so hoffen die Forscher, könnten diese Warnsysteme anhand ihrer unterschiedlichen Fluoreszenz oder Lichtabsorption identifizieren.

Auch Biodetektoren für den Hausgebrauch werden schon entwickelt. Im Juli empfahl das Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen in einer Studie für das Bundesverteidigungsministerium, tragbare Testgeräte auf Basis eines elektrischen Biochips zu entwickeln. Dieser soll in der Lage sein, eine große Zahl verschiedener Kampfstoffe gleichzeitig zu erkennen.

Australische Forscher entwickeln sogar einen Biowaffen-Detektor von der Größe einer Armbanduhr. Das Gerät basiert auf Antikörpern, an die in der Luft herumschwirrende Erreger andocken können. Geschieht dies, soll auf dem Chip eine biochemische Reaktion ausgelöst werden, die dann über einen raffinierten Mechanismus elektrisch gemessen wird.

Technisch einfachere Frühwarnsysteme sind mittlerweile in der U-Bahn von Tokio installiert worden. Für über eine Milliarde Dollar wollen die USA jetzt auch riesige Antibiotika-Vorräte anlegen, um 12 Millionen Menschen notfalls 60 Tage lang behandeln zu können. Tom Ridge, Bushs neuer Chef für Heimatschutz, will noch ganz andere Vorräte ergänzen: Der Pockenimpfstoff soll auf bis zu 300 Millionen Dosen aufgestockt werden. Ridge denkt auch darüber nach, Neugeborene wieder gegen die Seuche zu impfen - nachdem die Impfungen vor über 20 Jahren ausgesetzt wurden, weil die Pocken als ausgerottet galten.

Der letzte bekannte Fall trat 1977 in Somalia auf. Pockenviren lagern offiziell nur noch bei den CDC in Atlanta und in einem Forschungszentrum bei Nowosibirsk. Ungewiss ist, ob es darüber hinaus weitere illegale Vorräte gibt. Das gebeutelte sibirische Zentrum wurde immer wieder verdächtigt, gegen Dollar auch die Pockenerreger zu verkaufen. Die UdSSR hatte Pockenviren zudem in Biowaffen benutzt - wovon einige in Staaten gelangt sein könnten, die Terroristen unterstützen.

Unter allen möglichen Varianten eines Bioangriffs gilt einer mit Pockenviren als wahrhaft apokalyptisches Szenario. Anders als Milzbrand sind die Pocken hochgradig ansteckend. Nur wenige Menschen haben noch einen ausreichenden Impfschutz, da ihre Impfungen seit über 20 Jahren nicht mehr aufgefrischt worden sind.

Selbstmordattentäter, die sich selbst mit Pocken infizieren und dann durch Flughäfen, Stadien, Kinos und Restaurants ziehen, könnten eine Blitz-Epidemie mit unkalkulierbaren Folgen auslösen.

Am Zentrum für Impfstoffentwicklung der Saint Louis University versuchen Forscher derzeit, die Restbestände von Pockenimpfstoff zu verdünnen, ohne die Immunisierung zu gefährden. Probanden erhalten ein Fünftel oder ein Zehntel der ursprünglichen Dosis. »Wenn wir den Impfstoff verdünnen können«, sagt die leitende Forscherin Sharon Frey, »dann können wir mit den vorhandenen Beständen die fünf- oder zehnfache Menge an Menschen schützen.«

Katastrophenpläne für eine Pockenepidemie sehen vor, das betroffene Gebiet unter Quarantäne zu stellen. Dann soll jeder Mensch innerhalb von Tagen geimpft werden.

Den New Yorkern ist dieses Kunststück vor langer Zeit schon einmal gelungen. 1947 traten acht Fälle von Pocken in der Millionenstadt auf. Damals vermochten es die Behörden, in nur einer Woche sechs Millionen Menschen - einen Großteil der Einwohner - gegen die tödliche Seuche zu impfen. Weil die Vakzine sehr rasch Schutz gegen Ansteckung verleihen, waren die Blattern rasch unter Kontrolle.

Wenn die Pocken morgen zurückkehrten nach New York, dann wäre der Sieg über die Seuche nicht mehr so leicht zu erringen. Etwa zwei Wochen lang (so lange dauert die Inkubationszeit) bliebe die Seuche in der Metropole unentdeckt. Bis die New Yorker wüssten, was sich abspielt, hätte sich das aggressive Virus längst per Flugzeug, Auto und Eisenbahn in alle Welt ausgebreitet. PHILIP BETHGE, MARCO EVERS

* Feuerwehrmänner untersuchen einen Postkasten, in dem eineverdächtige Briefsendung entdeckt wurde.* »Gruinard Island« vor der schottischen Küste.

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