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COMPUTER »Angst vor ,Kleinen Brüdern'«

Interview mit dem Kultautor Neal Stephenson über seine düsteren Technikvisionen und die Bespitzelung im Netz
aus DER SPIEGEL 2/2003

Stephenson, 43, gilt seit dem Erscheinen seines Romans »Snow Crash« (1995) als einer der wichtigsten Vertreter der Cyberpunk-Literatur. Seine pessimistischen Zukunftsvisionen von Netzgemeinschaften, Nanotechnik und Kryptografie erlangten weltweit Kultstatus in der digitalen Elite; in den Medien wurde der ehemalige Physik- und Geografiestudent als »Quentin Tarantino of Postcyberpunk« und »Hacker Hemingway« gefeiert. Mit seinem Roman »Cryptonomicon« (2001) brach der in Seattle lebende Autor aus der Science-Fiction-Nische aus. Stephenson, dessen erstes Sachbuch »Die Diktatur des schönen Scheins« unlängst auf Deutsch erschienen ist, schreibt derzeit an dem historischen Roman »Quicksilver«, der in diesem Herbst in den USA erscheinen soll. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Stephenson, Sie haben immer wieder vom Zerfallen des Staats geschrieben. In »Snow Crash« etwa bestehen die USA aus privatisierten Bürger-Enklaven, die wie McDonald''s-Filialen regiert werden. Erwarten Sie das immer noch?

Stephenson: Diese Auffassung war damals in der Hightech-Branche weit verbreitet. Aber der 11. September hat sie komplett widerlegt. Seitdem betont jeder, wie wichtig eine starke Regierung ist. Deshalb habe ich mir eine Pause darin verordnet, die Zukunft vorhersagen zu wollen.

SPIEGEL: Das heißt: keine Science-Fiction mehr von Stephenson?

Stephenson: Mein neues Buch »Quicksilver« wird über große Strecken im 17. Jahrhundert spielen. Die Teile, die in der Zukunft spielen, werde ich noch mal völlig neu überdenken müssen.

SPIEGEL: Zumindest gelingt es Ihnen immer wieder, den Zeitgeist einzufangen. Es gibt das Gerücht, dass Ihre Romane manch einer Computerfirma als Vorlage für Businesspläne gedient haben.

Stephenson: Ich bezweifle, dass diese Firmen noch existieren, denn ich war nie ein guter Prophet. In »Snow Crash« habe ich das Internet noch als einen einzigen großen Geschäftstempel gesehen, sehr kommerziell und sehr einfältig. Glücklicherweise ist es anders gekommen: Das Netz ist viel dezentraler und bunter geworden.

SPIEGEL: Kritiker befürchten nach wie vor, derlei moderne Technik schaffe gläserne Konsumenten, die gezielt ausgespitzelt und dann umworben werden ...

Stephenson: ... so apokalyptisch sehe ich das nicht mehr. »Snow Crash« war eine zynische Vision, in der die Leute zu Couch Potatoes degenerieren. Heute zeichnet sich eher das Gegenteil ab: Die Leute laufen draußen herum und sind trotzdem permanent vernetzt. Die neuen mobil vernetzten Geräte lenken nicht von der realen Welt ab, sondern verbessern sie.

SPIEGEL: Woher diese Euphorie? In Ihrem neuen Buch warnen Sie noch, die Computerwelt produziere Digital-Analphabeten*.

Stephenson: Nun, viele Benutzeroberflächen etwa sind wirklich ein Ärgernis. Der Nutzer sieht nur die bunte Fassade der aufspringenden Fenster und Buttons und nicht, was die Maschine wirklich macht. Da steht »Datei speichern« auf der Menüleiste, und jeder denkt: Da kann ich nichts falsch machen ...

SPIEGEL: ... nun sprechen Sie aber aus eigener leidvoller Erfahrung?

Stephenson: Allerdings. Beim so genannten Speichern ist mir einmal - kein Experte wird mir je erklären können, warum - die Arbeit von Wochen abhanden gekommen. Seitdem schreibe ich nur noch mit diesem Füller hier.

SPIEGEL: Während Sie sich von Ihren apokalyptischen Visionen von damals verabschieden, werden heute in vielen Ländern die Netzbürgerrechte eingeschränkt.

Stephenson: Überwacht wird immer. Interessant ist nur, wer wen ausspioniert. Viele Vertreter der Hightech-Kultur haben immer noch Angst vor einer spitzelnden Zentralgewalt. Die eigentliche Bedrohung geht aber nicht von einem »Großen«, sondern von vielen »Kleinen Brüdern« aus: dem Nachbarn, dem Firmenchef, den Software-Firmen.

SPIEGEL: Einer der Helden in »Cryptonomicon« behauptet sogar: Es hätte den Holocaust nie gegeben, wenn die Nazis keinen Zugriff auf die Einwohnerdaten jüdischer Mitbewohner gehabt hätten. Glauben Sie das wirklich?

Stephenson: Ein Schriftsteller muss nicht mit allem sympathisieren, was er seine Figuren sagen lässt. Die Menschen betrachten die Welt mit unterschiedlichen Scheuklappen. Programmierer überschätzen eben gern die Wichtigkeit der Datenwelt.

SPIEGEL: Gilt das auch für Sie privat? Wie führen Sie zum Beispiel Ihre eigenen beiden Kinder an die Computerwelt heran?

Stephenson: Computer sind eigentlich nichts für Kinder. Am besten wäre es, wenn sie erst mit 18 an den Rechner dürften. Stattdessen daddeln die von Kindesbeinen an den Kisten rum und können nicht mal die kleinsten Programme selber schreiben.

SPIEGEL: Müssen sie das denn können?

Stephenson: Heutzutage lernen Kinder oft nur, wie man Microsoft Word benutzt. Das ist genauso überflüssig, wie in der Schule zu üben, eine Waschmaschine zu benutzen. Das wichtigste Ziel jeder Erziehung muss sein: Das Kind muss merken, wenn ihm jemand Unsinn erzählt. Das hätte uns vieles erspart - möglicherweise zum Beispiel den Börsencrash. INTERVIEW: HILMAR SCHMUNDT,

GERALD TRAUFETTER

* Neal Stephenson: »Die Diktatur des schönen Scheins«.Goldmann, München; 192 Seiten; 6,90 Euro.

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