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SEUCHEN Ansteckung durch Spenderblut?

Der Rinderwahn fordert unter den Briten immer mehr Todesopfer. Experten sorgen sich, denn womöglich sind auch Schafe, Hühner und Schweine infektiös. Langsam und rätselhaft breitet sich BSE nun schon unter den Rindern Kontinentaleuropas aus - und jetzt sogar unter den Menschen.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Matthew Parker ist nur 19 Jahre alt geworden. Er starb nach monatelangem Verfall so elend wie die meisten der jetzt schon mindestens 85 BSE-Opfer in Großbritannien: taub, stumm, blind, orientierungslos, ohne Kontrolle über Gliedmaßen, Darm und Blase.

Parker ist bereits drei Jahre tot. Für BSE-Forscher aber ist sein Schicksal hochaktuell, denn er wohnte in dem Ort Armthorpe in South Yorkshire. Genau hier ist im September wieder ein Mensch an der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) gestorben. Sarah Roberts war 28 Jahre alt und hatte die gleiche Schule besucht wie Parker, sie hatte sogar in der gleichen Straße gewohnt. Ein Zufall?

Schlimmer noch hat es das Dorf Queniborough erwischt, das 130 Kilometer von Armthorpe entfernt liegt. 2300 Menschen leben hier, 5 von ihnen sind an vCJK gestorben, der menschlichen Variante des Rinderwahns. Der vorerst Letzte starb erst im September: Christopher Reeve, 24.

Wieso gibt es diese »Cluster«, wie die Forscher solche Anhäufungen von Erkrankungen nennen? Was haben die BSE-Opfer gemein? Warum und wie haben sie sich infiziert? Stehen sie nur am Anfang eines verheerenden Seuchenzuges?

Niemand weiß eine Antwort. 15 Jahre, nachdem BSE als Rinderkrankheit entdeckt wurde, breitet sich unter Experten, Behörden und Verbrauchern eine bisher nicht da gewesene Ratlosigkeit aus. Was bislang als halbwegs gesichertes Wissen galt, wird durch die jüngsten Ereignisse in Frage gestellt. Ungewiss ist nun wieder fast alles - der Ursprung der Seuche ebenso wie die Übertragungswege, vor allem die geeigneten Gegenmaßnahmen.

Sicher scheint nur eines: Noch immer kann niemand für die Sicherheit von Fleisch garantieren, denn die Wissensbasis zu BSE ist nach wie vor schmal. Forscher schließen nicht mehr aus, dass der Erreger selbst in Körpern und Produkten lauert, die bislang als unverdächtig galten. BSE-Erreger, so das Resümee der jüngsten Erkenntnisse, könnten in Hühnern stecken, in Schafen, Lämmern, Schweinen, in Spenderblut - selbst in Gelatine.

Jeder Brite, so hat der Forscher Stephen Dealler berechnet, hat seit Mitte der achtziger Jahre im Schnitt 50 BSE-verseuchte Portionen Rindfleisch verzehrt. Mindestens 750 000 infizierte, äußerlich meist gesunde Tiere sind in die Nahrungskette gelangt. Die Folgen dieses beispiellosen Massenexperiments: In diesem Jahr stiegen die vCJK-Fall-Zahlen plötzlich an. Sie sind, Tote und Todkranke zusammengenommen, auf 29 geklettert (siehe Grafik).

Die mögliche Nummer 30 liegt todgeweiht im Krankenhaus von Aberdeen, mal zuckend, mal apathisch. Erst vor sieben Wochen wurde die Verdachtsdiagnose vCJK bei Donna McIntyre, 21, gestellt. »Donna hat immer gern Fleisch gegessen«, sagt ihr Vater Billy, ein Elektriker. »Sie liebte Burger und Fleischpasteten.«

Vorletzte Woche zeigte das britische Fernsehen die qualvolle Agonie der 14-jährigen Zoe Jeffries. Sie ist das bisher jüngste BSE-Opfer. Ihre Mutter Helen erzählte, dass Zoe schon als Zweijährige am liebsten Burger aß - dreimal die Woche. Drei Tage nach der Ausstrahlung war das Mädchen tot.

Dann wurde bekannt, dass die neue Form von Creutzfeldt-Jakob auch bei einem 74-Jährigen diagnostiziert wurde. Alte Menschen galten bislang als gefeit gegen die Hirnkrankheit. Von nun an ist nicht mehr auszuschließen, dass vCJK tatsächlich schon viele Alte befallen hat, sie aber in den Kliniken mit Alzheimer-Dementen verwechselt werden.

»Wir sehen jetzt den Beginn eines vCJK-Ausbruchs unter Menschen«, urteilt das britische Wissenschaftsblatt »New Scientist«. Mittlerweile gehen Forscher in ihrem Best-Case-Szenario von einigen hundert Toten aus. Es könnten aber »viel, viel mehr sein«, räumt Agrarminister Nick Brown ein. Er erwartet, schlimmstenfalls, 136 000 Opfer.

Oder werden es noch mehr? Die menschliche Abart des Rinderwahns hat die britischen Inseln verlassen. Zwei vCJK-Tote gibt es bereits in Frankreich, für mindestens zwei weitere Todesfälle besteht vCJK-Verdacht. Schulen in Paris haben vergangene Woche Rindfleisch vom Kantinenplan gestrichen.

Bei den Rindern erweist sich BSE als nach wie vor nicht kontrollierbar. 82 französische Kühe sind in diesem Jahr an BSE erkrankt. 1999 waren es nur 30. Die Maßnahmen der Behörden, BSE einzudämmen, greifen offensichtlich nicht. Und während Deutschland sich stur für BSEfrei deklariert, hegen Verbraucherschützer und Forscher daran wachsende Zweifel. Systematische Tests sollen ab nächstem Jahr erstmals Klarheit bringen.

Britische Veterinäre haben in diesem Jahr 1032 BSE-Kühe gezählt. Fast alle wurden vor 1996 geboren und haben sich aller Wahrscheinlichkeit nach über verseuchtes Futter angesteckt. Erst seit 1996 ist die Verwendung von Rinderprodukten im Futter verboten. In wenigen Jahren, so jubelten Forscher und Behörden, sei BSE im Rinderbestand ausgerottet.

Das scheint nicht zu gelingen. Mindestens acht Tiere haben BSE bekommen, obwohl sie nach 1996 auf die Welt gekommen sind. Ein gleiches Mysterium meldet die Schweiz. Dort sind zwei Kühe am Rinderwahn erkrankt, denen nie verseuchtes Futter vorgesetzt worden war. »Irgendwo in dem Maßnahmenpaket gibt es noch Löcher«, sagt Dagmar Heim vom Bundesamt für Veterinärwesen in Bern. »Aber wir wissen nicht, wo.«

Die Briten haben schon mögliche Infektionsquellen ausgemacht: Blut, Talg und Gelatine. Diese Tierprodukte dürfen als Einzige noch seit 1996 an Wiederkäuer verfüttert werden. Damals galt als sicher, dass davon keinerlei Risiko ausgehe. Das würde jetzt kaum ein Forscher mehr behaupten.

Kürzlich hat eine Studie bewiesen: Mit BSE-verseuchtem Schafsblut können zumindest andere Schafe infiziert werden. Bei Rindern steht der Beleg dafür noch aus. Im Verdacht steht auch wieder die Gelatine. Sie wird auch aus zerstoßenen Wirbelsäulen hergestellt. Das Rückenmark in den Wirbelsäulen gilt als Hochrisikomaterial. »Nach unseren Erfahrungen mit BSE sollten wir sehr viel vorsichtiger vorgehen«, sagt der Prionenforscher John Collinge vom Londoner Imperial College.

Vorsicht zeigten die Briten in der BSE-Krise häufig erst dann, wenn es zu spät war. Sieben der vCJK-Toten waren Blutspender. Ihr Blut, so gestand kürzlich die National Blood Authority, wurde, wie es üblich war, mit anderem Spenderblut verpanscht und in Umlauf gebracht.

Über ein Dutzend Empfänger verseuchten Blutes konnten Mediziner namentlich ausfindig machen. Sie entschieden, ihnen zu verheimlichen, was geschehen ist. Wer vom Risiko nichts weiß, so die Devise, der lebt glücklicher; und wer sich angesteckt hat, dem ist ohnehin nicht zu helfen. In den USA gilt schon länger ein Blutspendeverbot für jeden, der sich länger als wenige Monate in Großbritannien aufgehalten hat. Hans Kretzschmar, CJK-Forscher der Universität München, hält eine solche Regelung auch in Deutschland für geboten.

Doch was wäre, wenn sich auch andere Tiere als BSE-Überträger erwiesen? Hühner und Schweine haben wie die Rinder lange Zeit verseuchtes Futter bekommen. Sie werden davon nicht krank, aber neue britische Experimente an Mäusen deuten darauf hin, dass sie die Erreger gleichwohl übertragen könnten.

Vor allem Schafe gelten als hochverdächtiges BSE-Reservoir. Die britische Lebensmittelbehörde hat letzte Woche verlangt, Schafe routinemäßig auf BSE zu untersuchen. »Es gibt die theoretische Möglichkeit«, so ein Sprecher, »dass BSE in den britischen Schafherden präsent ist.«

Die Gefahr ist groß genug, manchem Experten den Appetit zu rauben. »Ich persönlich«, sagt der Münchner Kretzschmar, »würde kein Schaf aus England essen.« Erschrocken reagiert auch Albert Osterhaus von der Universität Rotterdam, Mitglied der EU-Expertenkommission zur Untersuchung BSEähnlicher Krankheiten. »In Schafen«, sagt er, »könnte das gefährliche BSE aussehen wie die für Menschen harmlose Schafskrankheit Scrapie.« Infizierte, aber noch nicht kranke Tiere könnten leicht bis ins Fleischregal gelangen und Menschen mit dem Rinderwahn anstecken.

Ob es diesen Infektionsweg gibt, räumt Liam Donaldson ein, der Chef der britischen Gesundheitsbehörde, sei jetzt »wahrscheinlich die wichtigste unbeantwortete Frage«. MARCO EVERS

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