Zur Ausgabe
Artikel 87 / 123

PSYCHOLOGIE Anstiftung zum Optimismus

»Werde reich und glücklich«, werben die Apostel des »positiven Denkens«. Ein Psychologe warnt vor gefährlichen Nebenwirkungen.
aus DER SPIEGEL 19/1997

Joseph Murphy, Doktor der Religionswissenschaften, der Philosophie und beider Rechte, glaubte zu wissen, wie arme Schlucker schnell zu Millionären werden können. Auf Fleiß oder besondere Klugheit, lehrte er, komme es dabei nicht an.

Murphys Rezept zur Vermögensbildung: »Schlafen Sie ein mit dem Wort ''Reichtum'' auf Ihren Lippen, und Sie werden erstaunt sein über die Wirkung. Bald nämlich sollte dann Wohlstand von allen Seiten überreichlich auf Sie zuströmen.«

Reich wurde dank so verblüffender Ratschläge zumindest Dr. Murphy selbst. Als der Bestseller-Autor (nicht zu verwechseln mit dem schrulligen Erfinder von Murphys Law) 1981 in Kalifornien starb, war er längst zum millionenschweren Guru einer spirituellen Weltgemeinde geworden. »Positives Denken«, der feste Glaube an die Magie optimistischer Vorsätze, steht im Mittelpunkt der Heilslehre, die inzwischen auch in Europa überall Wurzeln geschlagen hat.

Positiv-Denker wie Murphy ("Tele-PSI"), Dale Carnegie ("Sorge dich nicht, lebe!") oder Norman Vincent Peale ("Zum Gewinnen geboren") genießen auf dem krisengeschüttelten Kontinent wachsende Popularität. Murphys Hauptwerk »Die Macht Ihres Unterbewußtseins« fand allein in Deutschland an die zwei Millionen Käufer. Ähnlicher Markterfolge rühmt sich der Murphy-Jünger Erhard F. Freitag ("Kraftzentrale Unterbewußtsein"), der in München ein therapeutisches »Institut für Hypnoseforschung« betreibt.

Geld, Glück und eine eiserne Gesundheit versprechen die Lebenshelfer ihren Lesern, die sich eine geradezu blindwütige Daseinszuversicht antrainieren sollen. »Denken Sie das Gute, und es wird sich verwirklichen«, predigt Ratgeber Murphy, das Unterbewußtsein werde die Wunschgedanken »wie Befehle« entgegennehmen und alsbald in die Tat umsetzen.

Alles Humbug, ein »Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen«, warnt der Psychotherapeut Günter Scheich aus Oelde in Westfalen: »Positives Denken macht krank«, behauptet er in einer soeben erschienenen Studie*, in der die Glücksre-

* Günter Scheich: »Positives Denken macht krank«. Eichborn Verlag, Frankfurt; 216 Seiten; 36 Mark.

zepte aus Übersee zum faulen Zauber erklärt werden.

Immer häufiger begegnet Scheich neuerdings in seiner Praxis schwer verstörten Patienten, die beim Versuch, ihre triste Lebenslage durch positive Gedanken aufzuhellen, erst recht den seelischen Halt verloren haben. Wie »positives Denken« in die Sackgasse führen kann, schildert Scheich am Beispiel einer chronisch übergewichtigen Arzthelferin, die bei Dale Carnegie ("Wie man Freunde gewinnt") praktische Lebenshilfe gesucht hatte. Die dort empfohlene defensive, bedingungslos freundliche Haltung zu den Mitmenschen löste im Umfeld der ohnehin oft gehänselten Dicken erst recht verstärkte Aggressionen aus.

Von den Kollegen gedemütigt, vom Freund geprügelt und wiederholt vergewaltigt, geriet die Carnegie-Jüngerin schließlich in psychotische Zustände - es dauerte Monate, bis sie die Seelenkrise, begleitet von Panikschüben und Angstanfällen, überwunden hatte.

Fälle wie dieser illustrieren laut Scheich den Kardinalfehler des »positiven Denkens«. Nie und nimmer, schätzt er, könne es gelingen, die hochkomplizierte menschliche Psyche mit Hilfe einiger simpler Verhaltensregeln à la Carnegie umzumodeln und binnen kurzem frustrierte Durchschnittsmenschen in dynamische Frohnaturen zu verwandeln.

Nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo Sekten und Erweckungsprediger allzeit regen Zulauf finden, habe sich der Glaube an die Macht des Wunschdenkens so ungebremst entfalten können, meint Scheich; was die Verkünder der ganz und gar diesseitigen Heilslehre zu Papier brachten, lese sich, trotz aller verquasten Esoterik, nicht selten wie ein Trainingshandbuch für Autoverkäufer.

Selbst Akademiker Joseph Murphy, der seine Schriften gern mit naturwissenschaftlichen Erkenntnisbrocken würzte, empfahl seine Methode stets auch als geschäftsfördernd. Stolz berichtete er von einem seiner Klienten, dem es dank positiver Gedankenkonzentration gelungen war, die Entwicklung von Aktienkursen vorherzusehen.

Nah am kapitalistischen Marktgeschehen operiert auch Murphys deutscher Apostel Freitag, der sich nach einer kaufmännischen Ausbildung zum Heilpraktiker umschulen ließ. Für Freitag ist Mittellosigkeit vor allem Folge einer fehlerhaften Lebenseinstellung: »Sich der Armut ergeben«, schreibt der Positiv-Denker, »bedeutet, sein Lebenslicht freiwillig ersticken zu lassen. Es gibt keine unverschuldete Armut.«

Versager, die finanziell auf der Strecke geblieben sind, eignen sich begreiflicherweise nicht als Glaubenszeugen für die neue Heilsbotschaft; gefragt sind Erfolgsmenschen - wie die Gründerväter der Bewegung: Nicht nur Dale Carnegie (1888 bis 1955), der als Erdbeerpflücker und »Vertreter für Speck, Seife und Schmalz« begonnen hatte, starb als Millionär; auch Norman Vincent Peale, der einst mit Alu-Kochtöpfen hausieren ging und später Pfarrer wurde, brachte es als Selfmademan weit.

Kein anderer Positiv-Denker, schreibt Scheich, sei »von so naiver Kapitalismusgläubigkeit geleitet« wie der Prediger aus New York - kein Wunder, daß Wirtschaftsbosse aller Sparten die Peale-Botschaft mit Wohlgefallen vernahmen. Bis heute zählen Geschäftsleute zu den eifrigsten Adepten der Lehre vom »positiven Denken«.

Manager, urteilt Scheich, bilden die »ideale Zielgruppe« für Peale-Nachfolger, die in Vorträgen und Wochenendseminaren (Teilnehmerkosten: um die 2000 Mark) die Wunderwirkung positiver Gedanken auch auf das Erwerbsleben herausstreichen. Die zahlungskräftige, doch stets unter Erfolgsdruck und Versagensängsten leidende Klientel lauscht meist hoch motiviert den vermeintlich karrierefördernden Unterweisungen - wird aber, wie Scheich berichtet, anschließend oft herb enttäuscht.

Denn die Anstiftung zu forciertem Optimismus erweist sich im Geschäftsalltag leicht als Schuß in den Ofen. Nicht nur, daß Kunden und Kollegen die aufgesetzte Zuversicht bald als Maskerade durchschauen; die rosafarbene Brille, warnt Scheich, trübe häufig auch den Blick auf die Wirklichkeit, was Firmenlenker mitunter an den Rand der Pleite gebracht habe.

Ohnedies, kritisiert Scheich, sei eine Lebenshilfe wertlos, die auf die individuellen Bedürfnisse des Empfängers keinerlei Rücksicht nehme: Wer bislang schon sorglos in den Tag hinein wirtschaftete, werde durch Dale Carnegies Lockerungsübungen womöglich vollends zum Luftikus. Umgekehrt könne ein Dynamiker zum Karriere-Berserker entarten, wenn sein Aufstiegswille noch zusätzlich angeheizt werde.

Manche Führungskraft aus der Wirtschaft, klagt Scheich, sei dabei schon vom Kurs abgekommen - so etwa ein angeschlagener Manager aus der Chefetage eines großen Industriebetriebs, der sich in die Behandlung des westfälischen Therapeuten begeben habe.

Der ständig schwer gestreßte Mann litt unter Atemnot und Immunschwäche, immer wieder streckten ihn Herzattacken nieder. In seiner Not besuchte er Fortbildungsseminare und Kurse des Dale-Carnegie-Instituts, die ihm helfen sollten, sein turbulentes Arbeitsleben besser unter Kontrolle zu bringen.

Das machte alles nur noch schlimmer. Beim Versuch, die Maximen der Positiv-Denker fröhlich in die Tat umzusetzen, war er »immer verkrampfter« geworden. Am Ende litt er unter schweren Depressionen, die ihm, wie er sagte, »die Luft abdrückten«.

Psychotherapeut Scheich konnte den traurigen Geschäftsmann einigermaßen kurieren; seit er wieder negativ denkt, fühlt er sich besser. Seinen Job, der ihm zuwider geworden ist, hat er unlängst hingeschmissen. Bis auf weiteres lebt er vom Ersparten.

* Günter Scheich: »Positives Denken macht krank«.Eichborn Verlag, Frankfurt; 216 Seiten; 36 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 87 / 123
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die zeitgleiche Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten