US-Epidemiologe vs. Donald Trump Das Corona-Orakel

Er ist die Stimme der Vernunft im Chor der Unvernünftigen: US-Forscher Anthony Fauci vermittelt Fakten ohne Drama - und widerspricht offen seinem Chef Donald Trump. Doch dessen Geduld hat Grenzen.
Von Marc Pitzke, New York
Sanfter, aber bestimmter Widerspruch: Anthony Fauci mit Donald Trump

Sanfter, aber bestimmter Widerspruch: Anthony Fauci mit Donald Trump

Foto:

JONATHAN ERNST/ REUTERS

Wo ist Dr. Anthony Fauci? Tagelang bewegte diese Frage ganz Amerika - vom Demoskopen Fernand Amandi ("WHERE IS DR. FAUCI???") bis zu Ex-Sicherheitsberaterin Susan Rice ("Where is Tony Fauci???!!"). Schnell bekam die Sorge sogar einen eigenen Twitter-Hashtag: #WhereIsFauci.

Doch halt, da ist er ja wieder. Grimmig steht er hinter Donald Trump, beißt sich auf die Lippen, nestelt am Krawattenknoten und blickt auf seine Schuhe, während der US-Präsident mal wieder Dinge sagt, die der brutalen Corona-Realität widersprechen.

Die Präsenz von Fauci, des Top-Epidemiologen Amerikas, ist in Corona-Zeiten so etwas wie eine Frage der nationalen Sicherheit, debattiert in Harlem und Hollywood. Das allein spricht für sich: Der 79-Jährige gilt als die glaubhafteste Stimme in dieser Krise, während Politik, Geld und Ego den Blick anderer vernebeln. Und wenn Fauci plötzlich schweigt oder ganz aus der Öffentlichkeit verschwindet, dann schrillen alle Alarmglocken.

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Seit der langjährige Chef der US-Forschungsbehörde NIAID und legendäre Aidsbekämpfer begonnen hat, Trumps Aussagen vor laufenden Kameras höflich, aber bestimmt zu korrigieren, gilt er als Held der Stunde. Als ein "truth teller", der die Wahrheit sagt, während andere lieber lügen und verzerren. Als einer, der schon früh vor der Überlastung des US-Gesundheitssystems warnte, während andere blind ins Unheil rannten.

Andere, sprich: Donald Trump. Coronakrise bald vorbei? "Die Dinge werden schlimmer werden, bevor sie besser werden", sagt Fauci. Malariapillen gegen Covid-19? "Anekdotische Berichte." Händeschütteln im Weißen Haus? "Sollten wir nicht tun."

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Maureen Down, Star-Kolumnistin der "New York Times" und eine alte Bekannte Faucis, nennt ihn "ein Nationalheiligtum". Selbst Trump, im Herzen ein Fernsehproduzent, erkannte in dem geduckten Mann mit dem Brooklyner Dialekt einen "großen TV-Star".

Anthony Fauci vor dem US-Repräsentantenhaus

Anthony Fauci vor dem US-Repräsentantenhaus

Foto:

WIN MCNAMEE/ AFP

Dabei war Fauci den meisten Amerikanern zuvor unvertraut. Den meisten, wenn nicht allen: Aids-Aktivisten kennen ihn seit den Achtzigerjahren, als er einer der wenigen war, die sich mit dem HI-Virus befassten und mit denen, die sich damit infiziert hatten. "Was zum Teufel war da los?", habe er sich damals gefragt, erinnerte sich Fauci in einem Interview mit dem TV-Sender PBS .

Als habe ihn seine ganze Laufbahn hierfür prädestiniert. "Er ist der Mann für diesen Moment", sagte der Aktivist Peter Staley, der mit Fauci oft gestritten hat, der Website "TheBodyPro" . Fauci könne die Komplexitäten einer Epidemie so gut ausdrücken, "dass das in fast jedem Publikum, zu dem er spricht, Vertrauen erweckt".

Anders als zum Beispiel der, der am Podium oft vor ihm steht.

DER SPIEGEL

"Was hält Sie nachts wach?", wollte ein Reporter neulich von Fauci wissen . Seine Antwort auf diese Frage sei stets die gleiche, sagte er: "Eine Atemkrankheit, die sich leicht von einer Person zur anderen ausbreitet und die hohe Erkrankungs- und Todesraten hat."

Also: "Genau das, womit wir gerade zu tun haben."

Zugleich ist dies schlimmer als alles, was selbst Fauci erlebt hat. Schon lange joggt er nicht mehr jeden Tag, genug Schlaf bekommt er erst recht nicht. Denn diese Pandemie raubt ihm nun wirklich die Ruhe.

Das will etwas sagen über einen, der nicht nur mit Aids gerungen hat, sondern auch mit Sars, der Schweinegrippe und Ebola. Der unter sechs oft renitenten US-Präsidenten gedient hat, ohne dass das seinen Enthusiasmus oder sein Renommee ankratzte.

Die Medizin liegt ihm im Blut. Sein Vater - dessen Eltern aus Italien und der Schweiz eingewandert waren - war Apotheker in Brooklyn. Die Familie wohnte über dem Laden, und Faucis Job war es als Kind, die Medikamente mit dem Fahrrad auszutragen .

Nach dem Studium ging Fauci an die US-Forschungsbehörde NIH. Seit 1984 ist er Direktor des NIH-Zentrums NIAID, das sich mit Infektionskrankheiten, Immunschwächen und Allergien befasst.

Stimme der Vernunft: Anthony Fauci tritt zurzeit fast täglich im US-Fernsehen auf

Stimme der Vernunft: Anthony Fauci tritt zurzeit fast täglich im US-Fernsehen auf

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Seine große Bewährungsprobe kam sofort, mit der Aidskrise. Unter Druck von konservativen Moralaposteln wie progressiven Aktivisten schaffte es Fauci, die US-Aidsforschung anzukurbeln - obwohl Präsident Ronald Reagan das Wort "Aids" erst 1987 erstmals aussprach.

Ebola und Biowaffen

Fauci hofierte Vertreter der Politik und der Aidszene gleichermaßen. Diese Gratwanderung gefiel nicht allen. Die Wortführer der Aidsbewegung beschimpften ihn als "Monster" und "Mörder", Act-up-Ikone Larry Kramer verglich ihn mit Adolf Eichmann. "Ich bin immer noch wütend auf ihn", sagte Kramer der "New York Times" 2017 . "Er hätte viel mehr tun können."

Fauci verbreitete Hoffnung, ohne allzu hohe Erwartungen zu wecken - ein Seiltanz, den er später immer wieder vollbrachte, unter George Bush, Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama. Er entwarf Bushs globale Aids-Initiative maßgeblich mit, arbeitete nach den 9/11-Anschlägen an Medikamenten gegen Biowaffen und beriet die Obama-Regierung bei der Ebolakrise von 2014.

Und nun also Trump und das Coronavirus. Selten war Faucis maßvolle Haltung gefragter als jetzt, da eine Seuche auf einen Präsidenten trifft, der sich den Erkenntnissen der Wissenschaft aus Stolz und Egomanie verwehrt.

Sanft und ohne ihn direkt anzugreifen, weist er Trump bei seinen täglichen Corona-Pressekonferenzen zurecht. Ob dieser angebliche Medikamente propagiert, die noch tief in der Testphase stecken, oder jetzt prahlt, er werde die vom Virus lahmgelegten USA "bis Ostern wieder eröffnen", damit er dann volle Kirchen sehen könne.

Doch eine Reihe kritischer Medieninterviews scheinen nun auch Fauci in Trumps Visier gerückt zu haben. "Ich habe dem Präsidenten Sachen gesagt, die er nicht hören will", sagte er der "New York Times". "Es ist ein riskantes Geschäft." Manchmal, fügte er im Magazine "Science" hinzu , müsse er etwas "zweimal, dreimal, viermal wiederholen", bis Trump es höre.

Als Trump über angebliche Verschwörungen gegen ihn fabulierte, schmunzelte Fauci im Hintergrund und vergrub dann das Gesicht in der Hand. Die Geste wurde prompt zum viralen Internet-Meme.

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Schon kursieren Berichte , dass Trump und seine Berater langsam genug hätten von Fauci, weil er den Präsidenten kritisiere. Lou Dobbs - Trump-Freund, Kommentator bei Trumps TV-Haussender Fox News und vor allem medizinischer Laie - widersprach dem Epidemiologen, als der Trumps Medikamenten-Werbung konterte: "Der Präsident lag richtig, und Fauci lag falsch."

Daraufhin verschwand Fauci tagelang aus dem Rampenlicht. Bis er am Dienstag wieder auftauchte und nach Trump ein paar unkontroverse Sätze sagen durfte.

Schon gibt es dafür einen neuen Hashtag: #FreeFauci.

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