Archäologie Das Rätsel der Krone aus Grab 38

In Spanien entdeckten Archäologen ein besonderes Grab aus der Bronzezeit. Darin wurde ein Paar bestattet, die Frau trug ein beeindruckendes Diadem aus Silber. War es die Krone einer Herrscherin?
Ausgrabungsstätte La Almoloya in Spanien

Ausgrabungsstätte La Almoloya in Spanien

Foto: ASOME / UAB

Als die Frau starb, war sie nicht einmal dreißig Jahre alt. Man hatte sie in ihr Grab auf den Rücken gelegt und die Beine angewinkelt, neben ihr lag ihr toter Mann.

Schon als die Archäologen die Überreste des Paars fanden, war klar, dass hier vor rund 3700 Jahren wohl nicht irgendwer bestattet wurde. Die Frau trug beeindruckenden Silberschmuck. Am Ellenbogen fanden die Altertumsforscher einen Armreif, ein Ring steckte immer noch an ihrem Finger. Und dazu hatte man ihr große, auffällige Silberspiralen in ihre von Ringen eingefassten Ohrlöcher mit auf den Weg gegeben.

Der Mann trug ebensolchen Ohrläppchenstecker aus Gold, sie lagen zwischen den Knochen des Toten. Aber das auffälligste Stück von allen war ein massives Silberdiadem, das immer noch den Schädel der Frau umschloss. Über ihrem Kopf lief das Silber zu einem Kreis zusammen, fast wie eine Krone wirkte das Schmuckstück.

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Ein Team um spanische und deutsche Forscher hat das Grab gefunden und analysiert. Das Paar aus der vorspanischen Bronzezeit wurde in La Almoloya de Pliego entdeckt, einer Palastanlage in der Provinz Murcia im Südosten von Spanien. Die beiden hatten ein gemeinsames Kind, es muss aber kurz nach der Geburt gestorben sein. Der Säugling, der dem Paar genetisch zugeordnet werden konnte, wurde in der Nähe begraben. Ob die beiden noch weitere Kinder hatten, ist nicht bekannt.

In der Region entwickelte sich vor mehr als 4000 Jahren die El-Argar-Kultur. Die Menschen lebten in einer hierarchischen Gesellschaft. Es gab viele, die als Bauern oder Handwerker hart arbeiteten. Nicht jedem stand nach dem Tod die Ehre einer üppigen Bestattung zu. Nur ein geringer Teil wurde überhaupt mit Grabbeigaben auf seine letzte Reise geschickt, etwa zehn Prozent der Gräber rechnen die Experten einer Elite zu.

Dieses silberne Diadem zierte noch den Schädel der Frau

Dieses silberne Diadem zierte noch den Schädel der Frau

Foto: ASOME / UAB

Wie bei anderen Kulturen dieser Zeit – etwa die der Minoer auf Kreta oder der Menschen auf den britischen Inseln – bildete sich wohl so etwas wie ein frühes Staatswesen heraus. Die Menschen erbauten urbane Zentren mit teils großzügigen Häusern und Hallen. Auch das Grab 38 liegt unter so einem Komplex.

Es ist vor allem diese Doppelbestattung, die die Archäologen zu der Frage bringt: Wer stand an der Spitze dieser Gesellschaft? Könnte es eine Frau gewesen sein? In vielen Kulturen gilt das Staatswesen als eine zutiefst patriarchalische Angelegenheit. Im bronzezeitlichen Spanien war es vielleicht anders, das El-Argar-Grab deutet das an.

Frauengräber waren reicher ausgestattet

Die meisten der 29 wertvollen Objekte lassen sich der Frau zuordnen. War sie die wichtigere der beiden? Zumindest werfe der Fund die Frage auf, ob eine klassenbasierte Staatsgesellschaft von Frauen regiert werden konnte, schreibt das Team um Vicente Lull und Cristina Rihuete-Herrada von der Universitat Autònoma de Barcelona in der Fachzeitschrift »Antiquity« .

Nicht nur wegen Grab 38 stellen die Forscher Überlegungen zur Rolle von Frauen der damaligen Zeit an. Besondere Diademe wurden auch in einem halben Dutzend anderer Gräber entdeckt – Frauengräber waren generell mit mehr und wertvolleren Beigaben versehen als die von Männern. Keines ist allerdings so reich ausgestattet wie Fund 38. Und es ist auch die Lage des Grabes, die auf besondere Würdenträger schließen lässt.

Grabbeigaben aus Bestattung 38: Die meisten Gegenstände wurden der Frau zugeordnet

Grabbeigaben aus Bestattung 38: Die meisten Gegenstände wurden der Frau zugeordnet

Foto: ASOME / UAB

Denn das Gebäude, unter dem das Paar von La Almoloya liegt, erreichte für damalige Verhältnisse geradezu monumentale Ausmaße. In der Halle standen lange Bänke, auf denen Menschen Platz nehmen konnten. Zudem gab es eine Art Podium und eine Feuerstelle, die aber nicht zum Kochen gedacht war. Auch Alltagsgegenstände wurden bei den Ausgrabungen keine gefunden. »In dem Raum konnten rund 50 Menschen für soziale Zusammenkünfte Platz finden«, schreiben die Forscher. Die Archäologen glauben: Hier wurde Politik gemacht und Entscheidungen an das Volk übermittelt. Und vielleicht hatte eine Frau dabei das Sagen.

Frauen als Regierungssprecher oder Männer nur Handlanger?

Das bleibt allerdings spekulativ. Denn es könnte auch so gewesen sein: Die Dame mit dem Diadem übermittelte zwar die Botschaften, sie fungierte gewissermaßen als Sprecherin. Aber die tatsächliche Macht besaßen dann doch die Männer. Krieger wurden wie in viele anderen Kulturen auch mit ihren Schwertern begraben, auch der Mann in Grab 38 hatte einen Kupferdolch an seiner Seite, der mit vier silbernen Nieten versehen war.

Auch eine dritte Möglichkeit besteht: Demnach waren die Männer nur die Handlanger und sorgten im Notfall dafür, die Entscheidungen der Frauen durchzusetzen. Das bleibt genauso unklar wie eine weitere Variante, die am Ende aus heutiger Sicht die modernste wäre: Das Paar teilte sich die Macht und beide entschieden gemeinsam. Erfahren wird man es wohl nie.

joe
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