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WINDENERGIE Armer Riese

»Growian«, die größte Windenergieanlage der Welt, wird abgewrackt. Dem alternativen Kraftwerk an der Elbmündung fehlt es an hochmögenden Freunden. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Von fern ähnelt die Windmühle einem Flugzeug auf Stelzen. Hundert Meter über der Erde, dort, wo die Elbe in die Nordsee mündet, dreht sich ein zweiflügliger Rotor, bestaunt von Touristen aus aller Welt. An guten, windigen Tagen produzierte der Riese drei Megawatt, genug, um 4000 Haushalte mit elektrischer Energie zu versorgen.

Doch mit »Growian«, der Großen Windenergieanlage, ist es bald vorbei. Der Doktor Heinz Riesenhuber, Chemiker und Bundesforschungsminister in Bonn, will nicht noch einmal in seine Schatulle greifen. Gut zehn Millionen müßte er für die fällige Reparatur des Riesenwindrades herausrücken, und die hat er nicht, sagt er.

Auch die Paten des alternativen Kraftwerks geben sich zugeknöpft. Konzipiert und aufgerichtet hat MAN das hohe Wunderding. Seine Ingenieure erfüllten sich, bezahlt von Riesenhubers SPD-Vorgängern, einen alten Traum. Schon während der NS-Zeit hat MAN aktiv in der »Reichsarbeitsgemeinschaft Windkraft« mitgemischt. Für rund 90 Millionen Mark durften die bayrischen Windmüller Anfang der achtziger Jahre ein Kunstwerk aufrichten, an dem alles nur vom Besten und Teuersten war.

Auf einem schlanken, zylindrischen Stahlturm, Durchmesser: 3,50 Meter, wurde in luftiger Höhe das 340 Tonnen schwere Maschinenhaus installiert. Es drehte sich jederzeit selbständig in den Wind. Vollautomatisch geregelt griffen Rotor, Getriebe und Generator ineinander. Doch vom ersten Tage an kämpften die Ingenieure auch mit den gewaltigen Fliehkräften der beiden Flügel des Rotors, ein jeder 13 Tonnen schwer und 50 Meter lang. Durch Schlag- und Schwenkbewegungen, durch die Turmtorsion samt Gieren, Rollen und Nicken, wurden alle Metalle aufs höchste beansprucht - und ausgerechnet der schwer zugängliche Pendelrahmen erwies sich als anfällig. Er zeigt nun Risse.

Mittlerweile wissen die Ingenieure zwar, wie den schwingenden Massenkräften, die Growian so beuteln, Paroli zu bieten wäre. Doch diese Verbesserungen vorzunehmen geht nicht ohne Demontage des Maschinenhauses. Es müßte dazu, wie der Betriebsleiter Lothar Schwarnweber erläutert, »hydraulisch nach unten gefahren werden«, eine langwierige Prozedur, die bisher nur in der Gegenrichtung bewältigt wurde.

An einem dauerhaften Aufschwung des Windkraftwerkes ist vor allem den Stromproduzenten nicht gelegen. Bezeichnenderweise wurde Growians Projektleitung denn auch von der Kernforschungsanlage Jülich wahrgenommen. Über Kosten und Nutzen des weithin sichtbaren Symbols informierte das benachbarte Kernkraftwerk Brunsbüttel. Im Hintergrund hielt auch die GKSS, die »Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt«, ihre Finger in den Wind. »Wir bauen Growian«, so zitierte 1981 die linke »Tageszeitung« ein Vorstandsmitglied des am Bau beteiligten Elektrizitätskonzerns RWE, »um zu beweisen, daß es nicht geht.«

Growians Ende, so hofft die Atom-Lobby, werde bewirken, daß künftig auch alle anderen Alternativ-Projekte als Windei klassifiziert werden. Das »Windkraftprogramm« der Bundesregierung, nach der ersten Ölkrise aufgelegt und seither mit rund 200 Millionen Mark ausgestattet, ist ohnehin fast am Ende. Im selben Zeitraum kassierte die Atomindustrie aus Steuermitteln 16 Milliarden Mark.

Nur auf der Nordseeinsel Helgoland wird derzeit noch an einer großen Windenergieanlage gewerkelt. Noch hofft Bürgermeister Klaus Degenhardt, daß die Attraktion nach Growians Ende nicht nur Touristen anziehen, sondern auch ein Viertel des insularen Strombedarfs, 1200 Kilowatt, decken wird.

Für den selbständigen Nutznießer von Windenergie hält MAN einen ausgereiften Generator im Angebot. Er heißt »Aeroman«, kostet rund 70 000 Mark und leistet zwanzig Kilowatt, sofern die Winde wehen. Sie tun es an der Nordseeküste an dreihundert Tagen im Jahr. In Schleswig-Holstein werden deshalb von unverdrossenen Luftikussen rund 40 kleine Windkraftwerke betrieben.

Doch auch den kleinen Rädern machen die Atomstrom-Monopolisten das Leben schwer. Anders als in Dänemark, wo sich mehr als tausend private Windkraftwerke drehen, blockieren die bundesdeutschen E-Werke die Abgabe überschüssigen Privatstroms in das öffentliche Netz.

Bezeichnend für die Schwierigkeiten, mit denen sich die Anhänger der alternativen Energie konfrontiert sehen, sind zwei Windkraft-Projekte nahe Bremerhaven: *___Am Spadener See sollte mit Hilfe einer ____Windenergieanlage und Wärmepumpen das Warmwasser für ____eine Reihe von Campinghäusern bereitet werden. Seit ____zwei Jahren sind die erforderlichen Installationen und ____Anschlüsse, mit drei Millionen Mark vom ____Forschungsministerium finanziert, fertig - nur das ____Windkraftwerk fehlt noch. Noch im Januar hieß es, daß ____eine weitere halbe Million Mark für den Bau von zwei ____kleinen Windrädern (mit je 20 Kilowatt Leistung) ____bewilligt worden seien. Nach einer Pressemitteilung der ____Grünen Bremens hatte sich bis Ende letzten Monats »am ____Spadener See nichts getan«. *___Die Versuchsanlage »Monopteros«, 1981 errichtet und ____gleichfalls vom Forschungsministerium mit bislang 37 ____Millionen Mark finanziert, ist noch nie einem Dauertest ____unterzogen worden. Seit einem Jahr streiten sich das ____Ministerium, die Baufirma Messerschmitt-Bölkow-Blohm ____(MBB) und der Magistrat der Stadt Bremerhaven über den ____Preis, zu dem der Monopteros-Strom in das öffentliche ____E-Netz eingespeist werden könnte. Sollte keine Einigung ____zustande kommen, dürfte das einflügelige Windkraftwerk ____stillgelegt und später, wie Growian, abgerissen werden.

Die Windmüllerei soll, nach dem Willen der Strom-Manager, ein teures Hobby bleiben, klassifiziert als Spleen und belastet mit dem Odium technischer Unvernunft - recht lange noch.

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