Suche nach Atommüll-Endlager "Das sind wir den nachkommenden Generationen schuldig"

Nach drei Jahren Suche haben Forscher mögliche Standorte für Atommüll-Endlager lokalisiert. Dass wir ein Endlager in Deutschland brauchen, ist zwar nicht erfreulich. Aber der einzig vernünftige Lösungsansatz.
Ein Gastbeitrag von Svenja Schulze, Ursula Heinen-Esser, Olaf Lies und Franz Untersteller,
Kernkraftwerk Gundremmingen

Kernkraftwerk Gundremmingen

Foto: MiS / IMAGO

Vor rund 50.000 Jahren zogen die Homo sapiens nach Europa. Steinwerkzeuge, Schädel- und Knochenfunde erinnern daran. In 50.000 Jahren wird wohl eine andere Zivilisation existieren, als wir sie heute kennen. Doch eines wird weiter an unsere Generation erinnern: einige Tausend Tonnen hoch radioaktiver kerntechnischer Abfall.

Deshalb brauchen wir ein Endlager für unseren hoch radioaktiven Atommüll, das die bestmögliche Sicherheit bietet.

Endlagerung von Atommüll ist ein Thema mit großer Sprengkraft. Bilder von Blockaden, von Wasserwerfern, von hochemotionalen Bürgerveranstaltungen kommen in den Sinn. Dieser hochexplosiven gesellschaftlichen Bedeutung sind wir uns sehr bewusst.

Deshalb haben wir für die Lösung des Atommüllproblems in Deutschland einen ganz besonderen Weg gewählt. Nach Jahrzehnten des politischen und gesellschaftlichen Dauerstreits haben wir in einem umfassenden Konsens die Endlagersuche auf null zurückgesetzt und mit einer "weißen Landkarte" neu begonnen. Die Einigung auf dieses Verfahren war dabei nicht einfach. Ermöglicht wurde sie erst durch die politische Festlegung, in Deutschland endgültig aus der Atomkraft auszusteigen.

Was macht das Verfahren der Endlagersuche so besonders?

  • Es ist streng wissenschaftsbasiert und sicherheitsorientiert. Der einzig ausschlaggebende Faktor für die Frage, ob ein Gebiet als Endlager geeignet ist oder nicht, sind wissenschaftliche Erkenntnisse. Insbesondere geologische Daten über die Beschaffenheit des Gesteins, über vulkanische oder seismische Aktivitäten oder andere potenzielle Störfaktoren. Grundsätzlich ist die geologische Tiefenlagerung die sicherste aller Varianten - politische Erwägungen spielen dabei keine Rolle, genauso wenig wie Bundesländergrenzen.

  • Es ist transparent. Die Auswahlkriterien sind klar definiert, die Methoden werden in partizipativen Verfahren weiterentwickelt, alle wesentlichen Unterlagen online gestellt, alle wichtigen Zwischenschritte - wie jetzt der erste Teilgebietsbericht - öffentlich konsultiert. Bei der Endlagersuche werden "die Bücher" offengelegt, lange bevor Entscheidungen getroffen werden.

  • Es lädt zur Beteiligung ein: über Fach- und Regionalkonferenzen und per Onlinekonsultation, wo frühzeitig Einfluss genommen werden kann. Über die Endlagerkommission waren wichtige gesellschaftliche Akteure am Neustart beteiligt. Und mit dem Nationalen Begleitgremium gibt es eine unabhängige Instanz zwischen den staatlichen Akteuren und der Zivilgesellschaft, die den Prozess auf Dauer begleitet – kritisch und vermittelnd.

  • Es fußt auf demokratisch getroffenen Entscheidungen. Den Anstoß gaben 16 Bundesländer und der Bund gemeinsam. Die Mitglieder des Bundestages werden regelmäßig in den Prozess einbezogen. Sie sind es, die letztlich die Entscheidung treffen. Das Verfahren ist außerdem von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen, über Parteigrenzen hinweg.

Wir sind zuversichtlich: Mit diesem Verfahren werden wir einen Standort finden, der die bestmögliche Sicherheit bietet - nicht nur für die nächsten 50.000, sondern für eine Million Jahre und darüber hinaus. Der Prozess bietet außerdem die Chance, einen gesellschaftlichen Konflikt dauerhaft zu befrieden.

In den vergangenen drei Jahren sind wir einer Lösung bereits einen großen Schritt näher gekommen - nach Jahrzehnten des Streits und Stillstands. Durch den Teilgebietsbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), der am 28. September veröffentlicht wird, wird die "weiße Landkarte" erstmals eingefärbt. Es werden Gebiete identifiziert, die aus Sicht der BGE möglicherweise für ein Endlager in Betracht kommen könnten. Für keines der Gebiete liegen ausreichend Informationen vor, um die Eignung endgültig zu beurteilen. Im weiteren Verfahren wird die BGE daher Vorschläge für Gebiete erarbeiten, die über Tage genauer untersucht werden sollen. Dabei wird sie die Ergebnisse der Fachkonferenz Teilgebiete - einem in Kürze beginnenden Format der Öffentlichkeitsbeteiligung - berücksichtigen. Ausgewählte Gebiete werden dann in einem dritten Schritt auch unter Tage untersucht. So wird eine Grundlage geschaffen, um im Jahr 2031 eine faktenbasierte Festlegung auf einen Endlagerstandort zu treffen.

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Dass wir ein Endlager in Deutschland brauchen, das ist zwar nicht erfreulich, aber es ist der einzig vernünftige Lösungsansatz. Denn was wäre die Alternative?

  • Das Problem wegzuschieben und unseren Atommüll ins Ausland zu exportieren? Nein. Die Endlagersuche ist eine Herausforderung, die bisher noch nirgendwo befriedigend gelöst wurde. Deutschland ist dabei bereits weiter als die meisten anderen Länder.

  • Die Zwischenlager weiter zu nutzen, bis hoffentlich in einigen Jahrzehnten jemand eine zündende Idee hat? Das wäre unredlich gegenüber denjenigen, die nahe der Zwischenlager leben und außerdem keine dauerhaft sichere Lösung. Außerdem muss ein Endlager ohnehin so gebaut werden, dass der Atommüll auch in Hunderten von Jahren wieder herausgeholt werden kann. Wenn also wirklich irgendwann eine bessere Lösung gefunden werden sollte, könnte diese immer noch umgesetzt werden.

  • Den Atommüll weiter zu horten und noch mal zu nutzen? Das ist eine technikgläubige Träumerei, mit der manche versuchen, die Atomkraft in Deutschland wieder salonfähig zu machen. Und damit den hart errungenen gesellschaftlichen Konsens zum Atomausstieg aufzukündigen. Fakt ist: Auch nach Jahrzehnten weltweiter Forschung lässt sich der Atommüll nicht einfach wegzaubern oder bequem unschädlich machen.

Ende 2022 wird das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen, die Erzeugung von Atomstrom in Deutschland wird Geschichte sein. Und das ist gut so. Jetzt geht es darum, auf dem gemeinsam gefundenen Weg weiter voranzukommen. Gemeinsam Verantwortung zu übernehmen für die Folgen der Atomkraft.

Homo sapiens, das heißt übersetzt: der vernünftige Mensch: Er hat ein Konzept von Zukunft und übernimmt Verantwortung für seine Taten. Das ist das, was die sorgfältige und transparente Suche nach einem sicheren Endlager ausmacht. Das sind wir den nachkommenden Generationen schuldig.

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