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»Auch andere Träume kosten Geld«

Forschungsministerin Edelgard Bulmahn über die deutsche Beteiligung an der Internationalen Raumstation, Urlaubsreisen ins Weltall und bemannte Flüge zum Mars
aus DER SPIEGEL 44/2000

SPIEGEL: Frau Bulmahn, haben Sie als kleines Mädchen davon geträumt, ins Weltall zu fliegen?

Bulmahn: Als kleines Mädchen habe ich davon geträumt, über die Weltmeere zu fahren. Als größeres Mädchen habe ich mir natürlich die Mondlandung angeschaut.

SPIEGEL: Und wie haben Sie dieses Ereignis erlebt?

Bulmahn: Als etwas ganz Tolles. Da ist etwas wahr geworden, von dem viele Men-

schen jahrhundertelang geträumt haben. Natürlich habe ich als Kind Jules Verne gelesen. Übrigens lese ich auch heute noch lieber einen guten Science-Fiction-Roman als »Harry Potter«.

SPIEGEL: Hätten Sie Lust, einmal Urlaub im Orbit zu machen?

Bulmahn: Sicher würde ich die Erde gern einmal vom Weltraum aus sehen.

SPIEGEL: Warum sind Sie denn dann gegen die Internationale Raumstation?

Bulmahn: Ich habe nichts gegen die Internationale Raumstation. Nur muss ich als Forschungsministerin auch bedenken, was der Traum einer Raumstation für die Träume anderer Forscherinnen und Forscher bedeutet. Es ist schließlich auch ein alter Menschheitstraum, bislang unheilbare Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer zu besiegen. Auch dafür muss ich Geld bereitstellen.

SPIEGEL: Das eine schließt das andere nicht unbedingt aus.

Bulmahn: Manchmal doch. Es gibt immer einen unbegrenzten Bedarf an Forschung, aber leider nur einen begrenzten Forschungshaushalt.

SPIEGEL: Wären Sie früher Ministerin geworden, hätte Deutschland sich gar nicht erst am Bau der ISS beteiligt.

Bulmahn: Doch. Aber wenn ich mich damals durchgesetzt hätte, hätte es einen anderen Vertrag gegeben.

SPIEGEL: Was hätten Sie anders gemacht?

Bulmahn: Ich hätte mich mit einem geringeren Prozentsatz am Bau der ISS beteiligt. Vor allem hätte ich die Raumstation von

Anfang an zu einem weltweiten Projekt gemacht. Es gab damals ja sogar Überlegungen, eine eigene europäische Station zu errichten. Russland, Japan und viele andere Länder wollte man nicht mit im Boot haben. Das habe ich immer für falsch gehalten. Über diese engstirnige Haltung ist die Geschichte zum Glück hinweggegangen.

SPIEGEL: Hat die ISS andere Weltraumprojekte behindert?

Bulmahn: Es war sicher ein Fehler, die Entwicklung der Satellitentechnik in Deutschland lange Zeit nur mit angezogener Handbremse zu betreiben. Dabei war schon in den achtziger Jahren klar erkennbar, wie wichtig Satelliten auch für die Menschen auf der Erde sein werden.

SPIEGEL: Geben wir zu viel Geld für die bemannte Raumfahrt aus?

Bulmahn: Jedenfalls nicht zu wenig. Wir geben aus unserem Haushalt 1,6 Milliarden Mark für Weltraumforschung aus, das sind rund 30 Prozent der Mittel für Projektförderung überhaupt. Und ein beträchtlicher Teil davon wird für die ISS aufgewandt.

SPIEGEL: Bei Gesamtkosten von weit über 200 Milliarden Mark ist Deutschland nicht gerade ein bedeutender Geldgeber.

Bulmahn: Zumindest aber den Bau des europäischen »Columbus«-Moduls finanzieren wir mit 44 Prozent. Zugleich tragen wir einen beträchtlichen Teil der Betriebs- und Projektkosten. Immerhin habe ich auf der letzten Esa-Ministerratssitzung eine Reduzierung der variablen Betriebskosten auf 25 Prozent durchgesetzt. Denn ich würde es nicht einsehen, wenn wir für die Durchführung von Experimenten an Bord am Ende zu wenig Geld hätten.

SPIEGEL: Jeden Bundesbürger kostet die Raumstation 2,50 Mark im Jahr. Glauben Sie, eine Mehrheit findet das in Ordnung?

Bulmahn: Ich bin sicher, ein sehr großer Teil ist dazu bereit. Wenn Sie aber die Frage stellen würden: »Sind Sie dafür, dass für die Raumstation die Gesundheitsforschung um eine halbe Milliarde Mark gekürzt wird?«, dann kriegen Sie eine ganz andere Antwort.

SPIEGEL: Gemessen am Bruttosozialprodukt geben die Amerikaner etwa viermal so viel für die bemannte Raumfahrt aus wie Deutschland. Warum sind wir so zurückhaltend?

Bulmahn: Deutschland muss sich dort engagieren, wo seine Stärken liegen, wo es mindestens den ersten oder den zwei-ten Rang einnimmt. Unsere klare Stärke liegt in der Weltraumrobotik, da sind wir führend. Deshalb wird dieser Bereich in Zukunft einen größeren Stellenwert einnehmen. Das ist auch von der Sache her sinnvoll. Roboter arbeiten oftmals billiger und präziser.

SPIEGEL: Wo hat Deutschland noch die Nase vorn?

Bulmahn: Weltweit führend sind wir auch bei der Erdbeobachtung. Die Shuttle-Mission Anfang des Jahres hat das ja sehr deutlich gezeigt. Unsere Radarkamera lieferte hervorragende dreidimensionale Bilder von der Topografie der Erde - und das in einer Auflösung, wie es sie nie zuvor gegeben hat.

SPIEGEL: Fast die Hälfte des europäischen Anteils an der Raumstation wird von Deutschland bezahlt. Wir stellen aber nur jeden vierten europäischen Astronauten. Halten Sie das für gerecht?

Bulmahn: Ja, die Repräsentanz ist schon in Ordnung. Außerdem sind wir bei den Bauaufträgen für das »Columbus«-Modul gut vertreten - und wir haben das Astronauten-Ausbildungszentrum bei uns im Land.

SPIEGEL: Ist es nicht für die Akzeptanz der bemannten Raumfahrt notwendig, einen eigenen Mann oder eine eigene Frau im All zu haben?

Bulmahn: Meine Erfahrung zeigt, dass vor allem Kinder und Jugendliche glücklicherweise nicht allein die eigenen Leute sehen, sondern die Mannschaft. Im All wird über Internationalität nicht nur geredet, sie wird gelebt.

SPIEGEL: Wie wollen Sie Nutzer aus der Industrie für die ISS begeistern?

Bulmahn: Zum Beispiel werden über Mediatoren Industrieverbände angesprochen, aber auch Unternehmen selbst. Wir nutzen auch große Biotechnologie-Tagungen, um über Experimentiermöglichkeiten auf der ISS zu informieren. Alles läuft anders als beim früheren Raumlabor »Spacelab«; damals war nach dem Bau kaum noch Geld für Flüge und Experimente da.

SPIEGEL: Können Sie Ihren Astronauten überhaupt Hoffnung machen, jemals zur Station zu fliegen?

Bulmahn: Ganz sicher wird auch ein deutscher Astronaut einmal längere Zeit an Bord der ISS verbringen. Viel wichtiger finde ich, dass deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und deutsche Unternehmen die Laborkapazitäten für Experimente nutzen können.

SPIEGEL: Warum gibt es eigentlich keine deutsche Astronautin im Esa-Astronautencorps?

Bulmahn: Die Frage müssen Sie denen stellen, die für die Auswahl der europäischen Astronauten verantwortlich sind.

SPIEGEL: Sind Frauen körperlich nicht so fit für Flüge ins All?

Bulmahn: Im Gegenteil, Frauen sind ja meistens zäher als Männer. In den USA gibt es bereits fast so viele Astronautinnen wie Astronauten. Aber Deutschland ist, was Frauen in der Wissenschaft angeht, ohnehin noch ein Entwicklungsland.

SPIEGEL: Ist die Raumfahrt auch ein geeignetes Mittel, um Jugendliche für die Naturwissenschaften zu begeistern?

Bulmahn: Ja, denn die damit verbundene Technik ist lehrreich und spannend. Ob es andererseits wirklich unterhaltsam wäre, zwei Monate in einer engen Aluminiumröhre zu leben, ist eine ganz andere Frage.

SPIEGEL: Befürworter der bemannten Raumfahrt glauben, ohne die Satellitenbilder aus dem All hätte es vielleicht nie eine so starke Ökologiebewegung gegeben. Teilen Sie diese Analyse?

Bulmahn: Das halte ich für zu schlicht. Eine wichtige Rolle haben unsere Alltagserfahrungen gespielt. In meiner eigenen Generation haben wir ja selber erlebt, dass wir in den Flüssen nicht mehr baden konnten. Die Bilder aus dem Weltall haben dann sicher den Eindruck verstärkt, dass dies eine Erde ist und dass wir voneinander abhängig sind.

SPIEGEL: Bei der Nasa wird bereits über einen bemannten Flug zum Mars nachgedacht. Sollte sich Deutschland an einer solchen Jahrhundertmission beteiligen?

Bulmahn: Das kommt darauf an, über welchen Weg ich mehr Erkenntnisse über unseren Nachbarplaneten gewinnen kann. Wenn unbemannte Missionen besser geeignet wären zu klären, ob es auf dem Mars Leben gab, würde ich diesen Weg vorziehen und Roboter vorschicken.

SPIEGEL: Werden Sie es noch erleben, dass der erste Mensch auf dem Mars landet?

Bulmahn: Das könnte sein, bei meinem jetzigen Alter. Und wenn irgendjemand demnächst den »Warp«-Antrieb erfindet, wird alles natürlich viel schneller gehen.

SPIEGEL: Frau Bulmahn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Redakteur Olaf Stampf.

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