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WELTRAUM-FAHRT Auf dem Mars landen

aus DER SPIEGEL 16/1952

Es will mir erscheinen, daß es wohl an der Zeit ist, nun auch mit der Vorstellung von jenem einsamen Raumschiff zu brechen, das dereinst einmal mit seinem kühnen Halbdutzend Besatzungsmitgliedern aufbrechen soll, um den Mars zu erforschen«, schreibt Prof. Dr. Wernher von Braun in seiner Einführung zur »Studie einer interplanetarischen Expedition«. Wernher von Braun, der Schöpfer der V-2, heute als Chefberater für die US-Raketenforschung tätig, veröffentlicht im Sonderheft der »Weltraumfahrt«, Umschau-Verlag Frankfurt/M., auf 80 zahlengespickten Seiten seinen Plan für eine Fahrt zum Mars.

Alle Leser, die im Formelgestrüpp hängen bleiben, vertröstet eine kleine Notiz: Im Herbst 1952 will der Bechtle-Verlag, Eßlingen am Neckar, eine Romanfassung des Braunschen Mars-Projektes unter dem Titel »Menschen zwischen den Planeten« ausliefern. Die Autoren des Weltraum-Romans: Prof. Dr. Wernher von Braun, Wissenschaftler und Organisator, und Franz L. Neher, einfallsreicher Verfasser von technischen Romanen.

Dr. von Braun, also kein Träumer, sondern ein erfahrener Techniker, der immerhin seinen Ruf als führender Raketenspezialist der USA verlieren kann, hat sein Projekt sorgfältig durchgerechnet. So bietet seine Ausarbeitung einige Anhaltspunkte, wie ein zukünftiger Flug zum Mars, dem einzigen Planeten, der wie die Erde Atmosphäre und Vegetation hat, vor sich gehen könnte.

Und daß ein Mann wie von Braun, der sich als Berater der amerikanischen Raketenforschung über den jetzigen Stand der Raketenforschung keinen Illusionen hingibt, ernsthaft Pläne für einen solchen Vorstoß in den Weltraum erwägt, zeigt zumindest, daß die technischen Voraussetzungen gegeben sein müssen. Wenn man auch mit der Verwirklichung vielleicht noch Jahrzehnte warten muß.

»Schon Kolumbus wählte drei Schiffe, als er zu seiner Reise gen Westen aufbrach«, schreibt von Braun. »Und die Geschichte seiner denkwürdigen Fahrt hat gezeigt, daß er nie nach Spanien zurückgekehrt wäre, wenn er nur eines gehabt hätte.« Von Braun will seine Expedition zum Mars noch viel großzügiger ausrüsten. Seine Marsflotte soll aus 10 Schiffen mit einer Gesamtbesatzung von 70 Mann bestehen.

Nach dem Braunschen Projekt beginnt die eigentliche Marsreise nicht auf der Erdoberfläche, sondern 1730 km hoch über dem Erdboden. Dreistufige Raketen, die sogenannten »Zubringerschiffe«, fliegen alles, was für die eigentliche Marsreise gebraucht wird, auf 1730 km Höhe, wo Anziehungskraft der Erde und Geschwindigkeit der Rakete ein Phänomen bewirken: die Raketen fallen von sich aus nicht wieder zur Erde zurück, sondern umkreisen - wie der Mond - die Erde, ohne daß weitere Antriebsenergie nötig ist (SPIEGEL 39/1951.) Auf diese »Ausgangskreisbahn« schaffen die Zubringer-Raketen Schiffsteile, Treibstoffe, Ausrüstungsgegenstände und schließlich die Reisenden selbst.

Auf dieser Ausgangsbahn kreisend entladen die Zubringerschiffe genormte Teile, die verhältnismäßig einfach zusammengesetzt werden können. Die Monteure verlassen die Schiffe im Raumanzug.

Baumaterial und Arbeiter kreisen mit einer Geschwindigkeit von 7 km pro Sekunde um die Erde, ohne sich dessen bewußt zu sein. Insgesamt werden auf der Kreisbahn 10 Raumschiffe zusammengesetzt: Die Passagierschiffe werden 41 m lang sein, die Lastschiffe 64 m.

Um zum Mars zu starten, brauchen die Raumschiffe durch Raketenantrieb nur die Geschwindigkeit zu erhöhen, mit der sie um die Erde kreisten. Mit gesteigerter Geschwindigkeit überwinden die Schiffe verhältnismäßig leicht die Anziehungskraft der Erde. Der Flug führt in einer Ellipsenbahn um die Sonne, und nach einer Flugzeit von 260 Tagen werden die Raumschiffe vom Schwerefeld des Mars eingefangen. Durch Bremsmanöver verlangsamen sie ihre Fahrt und beginnen, in sicherer Höhe um den Mars zu kreisen.

Nach dem Eintreffen auf der Kreisbahn um den Mars haben die Lastschiffe ausgedient: Ihre Aufgabe war es, die sogenannten »Marslandeboote« dorthin zu bringen. Diese »Landungsboote«, kleinere Raketen, müssen den Abstieg von den um den Mars kreisenden Lastschiffen zur Marsoberfläche bewältigen. Später sollen sie der Expedition zum Wiederaufstieg zu den um den Mars kreisenden Passagierschiffen dienen, die unter der Obhut von »Schiffshütern« zurückbleiben.

Von der 70köpfigen Expedition sollen 50 Männer auf dem Mars landen. Sie nehmen Verpflegung, aufblasbare Gummihäuser, Heizstoffe und Forschungsgerät mit. Das erste Marsboot wird sicherheitshalber mit Schneekufen auf einer der beiden Polkappen landen. Die Besatzung gibt dieses Boot verloren. Sie macht sich mit geländegängigen Fahrzeugen auf den Marsch in die Aequatorzone des Mars, um dort Landeplätze für die zwei anderen Boote vorzubereiten, die auf Rädern landen.

Nach etwa 400 Tagen, in denen die Expeditionsmitglieder genügend Zeit haben, die Oberfläche des Mars zu erforschen, kehren die drei Besatzungen in zwei »Landungsbooten« zu den Passagierfahrzeugen zurück, die - noch immer um den Mars kreisend - gewartet haben. Die Raumschiffe müssen auf jeden Fall 449 Tage auf der Mars-Kreisbahn bleiben.

Erst dann ist die Mars-Erde-Stellung wieder so, daß der Heimatplanet nicht verfehlt wird. In den 7 Passagierschiffen tritt die Expedition die Rückreise an. Nach 260 Tagen Fahrt gelangt sie zur Ausgangskreisbahn, 1730 km hoch über dem Erdboden. Auf dieser Kreisbahn steigt die Expedition auf ein »Zubringerschiff«, das sie wieder zur Erde bringt. 2 Jahre und 239 Tage sind inzwischen verstrichen.

Dr. von Braun überschlägt nüchtern den Aufwand: Rund 1000 Zubringerflüge sind nötig, um das Material (37 200 Tonnen) auf die Ausgangskreisbahn zu bringen. In 8 Monaten wäre alles beisammen. (Die Berliner Luftbrücke verbrauchte in 6 Monaten ungefähr ein Zehntel der Menge an Flugbenzin, die der Zubringerdienst an Hydrazin und Salpetersäure verschlingen würde.)

Spekulationen um atomare Kraftquellen schneidet der Raketenprofessor kurz ab: »Ich bin noch nicht davon überzeugt, daß wir in den nächsten 25 Jahren einen atomischen Raketenantrieb haben werden, der mit einem chemischen Antrieb ökonomisch in Wettbewerb treten kann.«

Bleibt die Frage nach den Kosten. Prof. Dr. von Braun: Der Gesamtaufwand übersteige den Aufwand »für eine kleinere militärische Operation auf einem beschränkten Kriegsschauplatz nicht«.

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