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»Auf gutem Weg«

aus DER SPIEGEL 48/1996

Gutzwiller, 48, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich, ist Ko-Leiter der Begleitforschung für den Schweizer Modellversuch.

SPIEGEL: Herr Professor Gutzwiller, seit mehr als anderthalb Jahren erhalten in der Schweiz Drogenabhängige ihren Stoff vom Staat. Wird Ihr Land zum Junkie-Paradies?

Gutzwiller: Auf keinen Fall. Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Versuch. Wir wollen wissen, ob sich Schwersüchtige körperlich und seelisch erholen, wenn sie ihre Rauschmittel ohne Beschaffungsstreß und therapeutisch begleitet konsumieren können.

SPIEGEL: Wie sind Ihre Erfahrungen bisher?

Gutzwiller: Positiv. Es gelingt, die hoffnungsloseste Süchtigen-Gruppe, die bisher allen Therapieangeboten widerstand, über lange Zeit in einem klar strukturierten Programm zu halten. Die Besserungen in körperlicher, seelischer und sozialer Hinsicht sind offensichtlich.

SPIEGEL: Wie viele der 317 Süchtigen, die 1994 eintraten, haben durchgehalten?

Gutzwiller: Knapp 70 Prozent machen seit mindestens 15 Monaten mit.

SPIEGEL: Was geschah mit den Ausgetretenen?

Gutzwiller: Etwas mehr als die Hälfte nahm andere Therapieangebote an - meist mit Methadon. Die sind mit weniger Auflagen verbunden, was eine Berufstätigkeit erleichtert. Die andere Hälfte war aus verschiedenen Gründen leider nicht zu halten.

SPIEGEL: Wie bewerten Sie dieses Zwischenresultat?

Gutzwiller: Daß etwa zwei Drittel bei der Stange bleiben, übertrifft unsere Erwartungen. Denn wir haben es ja mit Menschen zu tun, die im Durchschnitt seit zehn Jahren fixen, von denen viele - unabhängig von ihrer Drogensucht - psychisch krank oder HIV-positiv sind oder schon Aids haben.

SPIEGEL: Kritiker unterstellen Ihnen, daß Sie den Süchtigen Gift verabreichen.

Gutzwiller: Wie diese Leute von Gift sprechen können, ist mir schleierhaft. Gift ist für die Süchtigen nicht das Heroin, das nach heutigem Kenntnisstand kaum körperliche Schäden verursacht, sondern das Elend, in dem sie leben müssen. Indem wir alles Illegale ausschalten - den Beschaffungsstreß ebenso wie die dauernd schwankende Unreinheit des Stoffes -, können unsere Probanden ihre Energie für den Neuaufbau ihres Lebens einsetzen.

SPIEGEL: Und das gelingt wirklich?

Gutzwiller: Ja. Wir stellen bei der Mehrheit eine weitgehende soziale Stabilisierung fest. Die Leute sind nicht mehr obdachlos, sie haben deutlich weniger Kontakte zur Drogenszene, sie werden nicht mehr straffällig.

SPIEGEL: Finden sie auch Arbeit?

Gutzwiller: Es ist besonders erfreulich, daß ein Teil der Probanden auch wieder arbeitsfähig ist. Einige konnten ihre Lehre abschließen, andere haben einen Teilzeit-Job. Die strengen Regeln des Therapieprogramms behindern allerdings eine volle Erwerbstätigkeit.

SPIEGEL: Dem aufwendigen Opiatverschreibungs-Programm zum Trotz werden im ganzen Land weiter große Mengen Heroin gehandelt.

Gutzwiller: Niemand durfte erwarten, daß sich unser Versuch nachhaltig auf die Szene auswirken würde. Dafür ist die Teilnehmerzahl zu gering.

SPIEGEL: Zu den Vorwürfen gehört auch, daß Sie das Suchtverhalten fördern und unterstützen, statt es zu bekämpfen.

Gutzwiller: Das ist Polemik. Die Erfahrung zeigt eindeutig, daß Fixer auch nach langer Drogenkarriere immer darauf hoffen, irgendwie aus dem Schlamassel herauszukommen. Viele brauchen dafür sehr viel Zeit. Solchen chronisch Kranken kann die Opiatverschreibung Stabilität geben - zumindest werden sie vor der HIV- oder der gefährlichen Hepatitis-C-Infektion bewahrt.

SPIEGEL: Nicht zu übersehen ist aber, daß ein Teil der Süchtigen, die jetzt Heroin erhalten, zusätzlich auf der Straße Kokain konsumiert.

Gutzwiller: Je länger die Probanden am Programm teilnehmen, desto mehr nehmen die Szenekontakte ab. Doch der Nebenkonsum ist nicht zu bestreiten - nicht bloß von Kokain, sondern auch von Beruhigungs- und Schlafmitteln.

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Gutzwiller: Die langen, schweren Suchtkarrieren unserer Probanden sind nicht von heute auf morgen zu beenden. Die Mehrheit ist auf gutem Weg. Aber ein Teil wird es nicht schaffen, das ist klar.

SPIEGEL: Im Ausland beobachten Drogenfachleute und Politiker Ihre Versuche mit Argwohn. Schweden, sagen sie, habe bewiesen, daß die Heroin-Verschreibung keine Lösung darstelle. Schon vor Jahren habe man sie deshalb wieder aufgegeben.

Gutzwiller: In Schweden versorgten wenige Ärzte eine riesige Klientel mit Heroin. Logisch, daß ein Schwarzmarkt entstand. Unsere Ambulatorien dagegen sind alles andere als Selbstbedienungsläden. Der Stoff muß am Abgabeort sofort unter Aufsicht konsumiert werden.

SPIEGEL: Schwierigkeiten macht Ihnen immer wieder auch die Betäubungsmittelkommission der Uno in Wien, die über die Zuteilung des Heroins entscheidet. Ist das Mißtrauen dort inzwischen beseitigt?

Gutzwiller: Wohl nicht ganz. Aber wir haben Hoffnung, daß die Einsicht wächst. Eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation hat unser Programm untersucht und kommt in ihrem Bericht zu einer sehr positiven Einschätzung.

SPIEGEL: Bahnt sich da international ein Umdenken an - weg von der amerikanisch inspirierten Repressions-Ideologie, hin zu einem medizinischen Lösungsansatz?

Gutzwiller: Wenn es uns gelingt nachzuweisen, daß es eine medizinische Indikation für den Einsatz von Heroin gibt, könnte der Immobilismus überwunden werden, der die Drogenpolitik seit 20 Jahren lähmt.

SPIEGEL: Was ist in der Schweiz der nächste Schritt?

Gutzwiller: Falls die Stimmbürger am 1. Dezember in Zürich und Winterthur und nächstes Jahr im ganzen Land die von rechten Gruppierungen geforderte Rückkehr zur strengen Repression ablehnen, könnte eine vorsichtige Revision des Betäubungsmittelgesetzes eingeleitet werden.

SPIEGEL: Wollen Sie Heroin zum Medikament erheben?

Gutzwiller: Ja. Speziell dafür zugelassene Ärzte, die auch eine optimale Kontrolle gewährleisten müssen, sollen Heroin verschreiben dürfen.

SPIEGEL: Erwarten Sie, daß andere Länder dieses Konzept übernehmen?

Gutzwiller: Fachleute und Politiker aus großen Städten, die täglich mit dem Drogenelend zu tun haben, zeigten sich bei Besuchen sehr beeindruckt von unseren Einrichtungen.

SPIEGEL: Drogenpolitik wird aber in den Hauptstädten gemacht.

Gutzwiller: Leider. In Frankreich und Deutschland bewegt sich auf Regierungsebene nichts, auch nicht in den USA, wo Präsident Clinton vor vier Jahren noch Reformen angekündigt hatte.

SPIEGEL: So bleibt die Schweiz auch in diesem Punkt isoliert.

Gutzwiller: Zum Glück nicht ganz. Holland bereitet jetzt eigene Heroin-Versuche vor. Und Australien will ebenfalls einsteigen.

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