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ARCHÄOLOGIE Aufstand gegen den Zampano

Wie bedeutend war Troja wirklich? Deutsche Gelehrte führen einen giftigen Streit über die antike Sagenmetropole.
Von Günther Stockinger
aus DER SPIEGEL 32/2001

Alles begann mit einem populären Missverständnis. Vor 130 Jahren stach der mecklenburgische Kaufmann Heinrich Schliemann in Kleinasien einen flachen Hügel an - und entdeckte die antike Dardanellenstadt Troja.

Doch der reiche Abenteurer war nur auf die Burg der Herrschenden gestoßen. Noch bis vor wenigen Jahren wurde die Sagenmetropole deshalb von den meisten Gelehrten als unbedeutendes Fischerdorf eingestuft.

Erst durch die Arbeit des Chef-Ausgräbers Manfred Korfmann kamen weitere Teile Trojas ans Licht, die dieser als ausgedehnte Unterstadt interpretiert. Seit Ende der achtziger Jahre zieht der Tübinger Frühgeschichtler die Fäden am Schicksalsberg der deutschen Archäologie. Gesponsert von DaimlerChrysler und ausgestattet mit einem Millionenetat, rückt er jedes Jahr mit einem Tross von 70 Wissenschaftlern zum Hisarlik aus, dem Hügel über Troja. Mittlerweile ist aus Schliemanns Festung eine Kapitale von fast 300 000 Quadratmeter Fläche geworden.

Seit diesem Frühjahr präsentiert Korfmann sein neues Bild von Troja in einer monumentalen Wanderausstellung ("Troja - Traum und Wirklichkeit"); 250 000 Besucher kamen allein nach Stuttgart. Die protzige Schau hat einige seiner Fachkollegen so sehr provoziert, dass sie Korfmann derzeit mächtig unter Beschuss nehmen.

Das Sommertheater der Gelehrten eröffnete der Tübinger Althistoriker Frank Kolb. In einem Zeitungsinterview beschimpfte er Korfmann (den er in den achtziger Jahren als Mitglied einer Berufungskommission noch selber auf den Posten eines C-3-Professors gehievt hatte) als »Däniken der Archäologie«. Kolb giftig: »Er hält die Leute mit seinem Troja-Bild zum Narren.«

Aus der Ferne, direkt vom Grabungshügel Hisarlik aus, konterte der Angegriffene kühl: »Einen neuen Krieg um Troja« sei die neidbeladene Kritik »nicht wert«. Unterstützung erhielt der Ausgräber von Eberhard Schaich, dem Rektor seiner Universität. Die Tonlage des Streits, rügte Schaich, sei »wahnsinnig in Unordnung geraten«. Die »falschen Töne« kämen dabei »ausschließlich von Herrn Kolb«.

Doch dieser kämpft nicht mehr allein auf weiter Flur. Ende vorletzter Woche warfen plötzlich auch andere Frühgeschichtler und Archäologen dem Troja-Zampano vor, mit den in der Ausstellung gezeigten Plänen und Modellen ein übertriebenes Bild von der legendären Stadt an den Dardanellen zu zeichnen. »Die Ausstellung«, bemängelt etwa Karl-Joachim Hölkeskamp, Althistoriker an der Uni Köln, »verfestigt ein Bild, das noch überhaupt nicht konsolidiert ist.«

Korfmanns Deutung der Grabungsbefunde heben das prähistorische Troja in den Rang einer mächtigen Residenz- und Handelsstadt, in der im 13. und 12. Jahrhundert vor Christus - jener Zeit, in der der Trojanische Krieg angesiedelt wird - bereits über 10 000 Menschen lebten. Dieser nahe an Homers Ilias angesiedelten Lesart widersprechen Korfmanns Gegner vehement. »Die bisher veröffentlichten Grabungsdaten belegen die Existenz der Unterstadt nicht«, glaubt Hölkeskamp. Die dichten Häuserreihen am Fuße des Burgbergs seien »pure Fiktion«. Korfmann führe die Öffentlichkeit durch Spekulationen, die er als gesicherte Ergebnisse präsentiere, in die Irre.

Von den für eine altorientalische Großstadt zu erwartenden Tempeln, Magazinen, Archiven und Vorratsgebäuden habe der Ausgräber »bisher nichts gefunden«, nörgelt auch der Essener Althistoriker Justus Cobet. Statt der großflächigen Bebauung außerhalb der Zitadelle habe es in der Troja-Schicht der Ilias vermutlich nur ein paar Gartenhäuser und Ställe gegeben. Cobet: »Aus drei Pfostenlöchern wird bei diesen Computersimulationen gleich ein ganzes Stadtviertel konstruiert.«

Troja, so glauben die Korfmann-Kritiker, sei in der umstrittenen Phase zwischen 1700 und 1250 vor Christus zwar ein Herrschersitz mit Burganlage gewesen. Doch die Siedlung kontrollierte nur die umgebende Landschaft Troas. Überregionale Bedeutung habe sie nicht besessen.

Korfmann hält seine Gegner für müde Schreibtischgelehrte, die sich aus der Ferne kein fundiertes Urteil erlauben könnten: »Jeder, der sich ins Flugzeug setzt und hierher fliegt, kann die Unterstadt sehen und bestaunen, wie wir hier Steinhaus an Steinhaus freilegen.«

Kolb sieht in diesem großherzigen Angebot nur eine populistische Finte: »Wenn man da hinfährt und nur die Mauern sieht, kann man gar nichts beurteilen.« Ohne Keramik- und Kleinfunde sei das Gesehene nicht zu interpretieren.

Besonders bemängeln Korfmanns Kritiker, dass sich der Ausgräber am Hisarlik dem fachlichen Disput verweigere. Kolb: »Korfmann meidet jede öffentliche Diskussion wie der Teufel das Weihwasser.«

Andere haben für das autoritäre Gehabe des Star-Archäologen fast schon wieder Verständnis: »Wenn man seinen Geldgebern nicht jedes Jahr eine Sensation bietet«, sagt Cobet, »gerät man schrecklich unter Druck.« GÜNTHER STOCKINGER

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