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»Aussicht auf Heilung«

Biologe Rudolf Jaenisch über den Glaubenskrieg um Embryonen
aus DER SPIEGEL 29/2001

Jaenisch, 59, ging nach seinem Biologiestudium 1970 in die USA und arbeitet heute als Stammzellforscher am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Professor Jaenisch, wie beurteilen Sie den Streit um die Embryonenforschung in Deutschland und in den USA?

Jaenisch: In beiden Ländern wird der Streit sehr emotional geführt. In den USA geht es ganz klar darum, ob man sämtliche Embryonenforschung verbieten sollte. Das wollen einige der religiösen Gruppen, die Präsident Bush gewählt haben.

SPIEGEL: Der amerikanische Präsident muss demnächst aber erst mal nur entscheiden, ob die Stammzellforschung künftig mit Steuergeldern finanziert wird. Was wird er tun?

Jaenisch: Bush steht unter enormem Druck von verschiedenen Seiten. Wie er sich entscheiden wird, kann derzeit niemand voraussagen.

SPIEGEL: In Deutschland drückt sich die Politik sogar um eine Entscheidung über den Import von Stammzellen ...

Jaenisch: ... was die deutsche Forschung schon jetzt ins Hintertreffen bringt. Es gibt gewichtige Gründe, diese Forschung zuzulassen, nämlich die Aussicht auf Heilung.

SPIEGEL: In den USA hat sich eine Fortpflanzungsklinik bereits Ei- und Samenzellen von Spendern zusammengekauft, um daraus Embryonen nur für Forschungszwecke herzustellen. Ein weiterer Tabubruch?

Jaenisch: Ich finde das problematisch. Um an Embryonen heranzukommen, sollte kein Geld fließen.

SPIEGEL: Nun haben Sie selbst den Skeptikern ungewollt Munition geliefert. Im Fachblatt »Science« berichten Sie, das Erbgut embryonaler Stammzellen (ES-Zellen) sei zumindest bei Mäusen in einem »extrem instabilen« Zustand. Was bedeutet das?

Jaenisch: In der Entwicklung eines Embryos zu einem fertigen Organismus werden Gene zu bestimmten Zeiten gezielt ein- und ausgeschaltet. Dieses Programm verläuft in verschiedenen ES-Zell-Linien, die in der Kulturschale wachsen, völlig unterschiedlich.

SPIEGEL: Kritiker folgern, dass die Stammzellforschung noch unerkannte Risiken birgt. Aufgrund der genetischen Instabilität würden die ES-Zellen womöglich nicht wie gewünscht zu Geweben und Organen heranwachsen.

Jaenisch: 20 Jahre Forschung an ES-Zellen der Maus zeigen aber auch, dass diese Instabilität keinen Effekt auf das Potenzial der ES-Zellen hat, zu unterschiedlichsten Zelltypen heranzureifen.

SPIEGEL: Andererseits haben Sie in der ursprünglichen Fassung des Artikels selbst geschrieben, es lohne sich zu prüfen, ob aufgrund der Entdeckung die »klinische Anwendbarkeit von ES-Zellen begrenzt sein könnte«. Warum haben Sie diesen Satz in letzter Minute wieder gestrichen?

Jaenisch: Irgendwie war der Artikel schon vorab bekannt geworden. Die Redaktion von »Science« wies mich darauf hin, dass der besagte Halbsatz von Mitarbeitern der Bush-Regierung benutzt wird, um die Stammzellforschung zu bannen. Da dachte ich mir: Wenn da ein Satz ist, der die Debatte anheizt und in eine unsachliche Richtung führt, mindern wir das ab.

SPIEGEL: Ist es üblich, dass Forscher ihre Arbeiten mit Blick auf politische Auswirkungen ändern?

Jaenisch: Ich bin verantwortlich für jedes Wort in dem Artikel, deshalb ist es üblich, noch vor dem Druck zu ändern. Der gestrichene Satz enthält eine Spekulation und keine Daten. Unsere Sorge war, dass er von Nichtwissenschaftlern überinterpretiert würde und eine sachliche Diskussion erschwert. Wir empfehlen ja, eine mögliche genetische Instabilität auch von menschlichen ES-Zellen zu erforschen. Möglicherweise sind ja alle ES-Zellen genetisch instabil. Ich glaube aber nicht, dass das ein ernstes Problem wäre. INTERVIEW: JÖRG BLECH

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