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Musikinstrumente Bäng aus der Beule

Ein US-Forscher vertieft sich in die Harmonien der Steel Drums, der wohlklingenden Ölfässer aus der Karibik.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Mit Trommeln aus bespannten Hirnschalen suchten die Tibeter böse Geister zu vertreiben. Im alten Afrika war Getrommel, das den Pulsschlag eines Delinquenten zum Rasen trieb, eine beliebte Hinrichtungsmethode. Doch erst im 20. Jahrhundert rang Erfindungsgeist dem ältesten Instrument der Menschheit ab, was den Rhythmus zum Wohlklang erhob: die Fähigkeit, Melodien hervorzubringen.

Den Durchbruch schafften schwarze Musiker der Karibikinsel Trinidad, die sich im Müll des Zweiten Weltkriegs bedienten und aus leeren Ölfässern Musikinstrumente hämmerten: Steel Drums. Den Trommeln aus Stahl entlockten sie metallische »Bängs« und »Bongs« in bis zu 32 fein abgestuften Varianten.

Als »wichtigstes neues Akustikinstrument des Jahrhunderts« preist der US-Forscher Thomas Rossing die verwandelten Kanister. Der Physikprofessor, selber Steel-Drummer, bemüht sich seit zehn Jahren, mit Hilfe von Laserblitzen und Hologrammen sowie mit ausgedehnten Reisen in die Karibik das Geheimnis der klingenden Fässer zu lüften. Fazit seiner jetzt im Fachblatt Physics Today vorgelegten Untersuchung: »Es sind erstaunlich komplexe Instrumente.«

Forschungsbedarf bestand: Zunehmend hat sich der Metallsound, mit dem vormals allein die Westinder den Rhythmus ihres Calypso schlugen, in Metropolen wie San Francisco, Tokio und Stockholm ausgebreitet. Stahltrommler haben sich Pop und Klassik angeeignet; in den Soundtracks von Disney-Filmen dröhnt das virtuose Blech mittlerweile ebenso wie bei den New Yorker Philharmonikern. Kopfstarke Steel-Drum-Bands gingen in Europa auf Tournee.

Fünf Oktaven können Steel-Drum-Bands abdecken, nur zwei weniger als ein komplettes Sinfonieorchester. Und wie im klassischen Orchester werden die Stimmen der Combo unterschieden: als Baß, Cello, Viola und Tenor, der mit zweieinhalb Oktaven Tonumfang als das wichtigste der Instrumente gilt. Gespielt wird mit Schlegeln; zu jedem Ton gehört auf dem Ölfaßdeckel eine Beule.

Über einem Schmiedefeuer hämmern die Steel-Drum-Bauer diese Dellen ins Blech. Ihrer Kunstfertigkeit schulden die Stahltrommeln ihre, wie Rossing erklärt, »verblüffende Vielfalt an Klangfarben« - komplexe Harmonien, welche über dem Grundton einer jeden Beule schweben.

Das Spektrum der Obertöne speist sich aus zwei Quellen: Teils werden die Wohlklänge bei der Herstellung fest eingebaut. Kein sensibler Steel-Drum-Stimmer gibt sich damit zufrieden, daß seine Ausbuchtungen allein mit der Frequenz des jeweiligen Grundtons vibrieren. Er klopft so lange auf dem Metall herum, bis jede der faustgroßen Blechdellen beim Spiel einen ganzen Akkord von sich gibt, der sich über dem Grundton erhebt.

Andererseits lassen sich die Obertöne, Ursache für den schillernden Sound, auch beim Musizieren wandeln - dank einer geschickten Anordnung der Dellen. Diese sind im Kreis nebeneinander so in den Faßdeckel gestülpt, daß sie mit ihren Schwingungen einander beeinflussen: Je fester ein Ton geschlagen wird, um so mehr regt seine Schwingung auch benachbarte Beulen an und verändert dadurch die Klangfarbe.

Bei hoher Anregung vibriert gar die ganze Trommel und strahlt Klänge aus. In einem einzigen tiefen g etwa, richtig angeschlagen, maß Rossing bei seinen Analysen eine Überlagerung von elf Tönen - nahezu das Klangspektrum eines Kammerensembles.

Derart spektakuläre Resultate seien erst der Anfang, sagt Rossing. Viel Forschungsarbeit sei noch zu leisten, um die Vibrationen und Schwebungen auf den zerbeulten Ölfaßdeckeln gänzlich aufzuklären. Auch wird das Arsenal der Steel Drums immer größer: Jahr für Jahr tauchen neue Formen auf den Märkten der Karibik auf. Gleichzeitig bemüht sich die Regierung von Trinidad, in den Baracken der Blechtrommelbauer bestimmte Normen durchzusetzen, um am Ende womöglich eine industrielle Produktion in Gang zu bringen.

Damit, glaubt Rossing, seien die Beamten auf dem Holzweg: Ihre Versuche müßten in Kakophonie enden, denn keinesfalls ließen sich bei einer Massenherstellung die subtilen Harmonien in das Abfallblech stimmen.

Steel Drums, in der verchromten Luxusausführung längst Tausende von Dollar teuer, können, wie der Forscher meint, nur von erfahrenen Händen und mit feinstem Gehör gefertigt werden - ähnlich wie die Geigen der alten Meister.

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