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Basar der Bürokraten

Dirk Maxeiner über den Machbarkeitswahn der Klimaschützer
Von Dirk Maxeiner
aus DER SPIEGEL 45/2000

Maxeiner, 47, ist ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift »Natur«. Der auf Umweltthemen spezialisierte Autor ("Lexikon der Öko-Irrtümer") lebt in Augsburg. -------------------------------------------------------------------

Vor 50 Jahren verkündete der sowjetische Ministerrat den »Großen Stalinschen Plan zur Umgestaltung der Natur«. Die Ströme Irtysch, Ob und Jenissej sollten umgeleitet, Wüsten fruchtbar gemacht und das Klima in Sibirien gemildert werden. In den Köpfen der Planer reifte ein noch phantastischeres Projekt: das Abschmelzen der Eiskappen am Nordpol. Die Paradies-Pläne wurden nie verwirklicht.

Was den Sowjetingenieuren nicht gelang, schafft der Industriemensch womöglich ganz nebenbei. Ungewollt könnte er durch massenhafte Verbrennung fossiler Brennstoffe dafür sorgen, dass es auf Erden wärmer wird. Bewiesen ist das alles noch nicht, bislang bewegt man sich noch immer in Modellwelten und Computersimulationen. Doch anders als zu Stalins Zeiten sehen viele Forscher und Politiker heute eine Erderwärmung als Katastrophe an.

Nur eines hat sich seit damals nicht geändert: der Machbarkeitswahn der Technokraten. Heute sind es ausgerechnet die Klimaschützer, die das Klima machen wollen. Um ihren Alptraum der Erderwärmung abzuwenden, halten sie es für erforderlich, den Planeten nach einem großen Plan zu bewirtschaften.

Ein groteskes Beispiel für den neuen Trend lieferte unlängst der deutsche Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber in einem Beitrag für das britische Magazin »Nature«. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung beklagt, dass die »Umgestaltung der Ökosphäre« leider nur »planlos« durch »individuellen Opportunismus« erfolge; dann erwägt er ein gezieltes »Redesign« des Globus mittels »Geoengineering«.

Schellnhuber schwebt unter anderem eine »organischere« Verteilung von Arbeit, Energie und Stoffströmen vor: Nahrungsmittelanbau sollte vor allem in den gemäßigten Zonen konzentriert werden, erneuerbare Energiegewinnung in den Subtropen, Erholungstourismus in den Tropen. »Wir könnten über eine proaktive Kontrolle der planetaren Variabilität nachdenken«, doziert der Klimaforscher. Zur Abwehr einer möglichen Eiszeit hält er sogar die »wohl überlegte Injektion von Designer-Treibhausgasen« für denkbar. Das kann ja heiter werden.

Schellnhuber ist nicht irgendein verrückter Professor. Der gelernte Physiker ist Vorsitzender des »Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen« und hat eine einflussreiche Funktion im Uno-Wissenschaftsgremium für den Klimawandel.

»Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters«, proklamiert auch sein Kollege Professor Ernst-Detlef Schulze, »der Mensch gestaltet aktiv die Stoffkreisläufe.« Auf der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft erläuterte der Direktor am Institut für Biogeochemie in Jena die Ziele der Treibhaus-Internationale: »Es gibt globale Gemeinschaftsgüter, die dringend der geregelten Bewirtschaftung bedürfen.« Und er fügte hinzu: »Das Kyoto-Protokoll ist ein erster Schritt in diese Richtung.«

Dieses Protokoll, das Mitte November auf dem Weltklimagipfel in Den Haag von der Staatengemeinschaft endgültig unterzeichnet werden soll, ist gleichsam das Manifest der Klimabürokraten. Darin ist nicht nur die sinnvolle direkte Verringerung von Kohlendioxid-Emissionen vorgesehen, etwa durch sparsamere Autos und effiziente Kraftwerke. Ausdrücklich geht es im Kyoto-Protokoll auch um Quotierung, Zuweisung, Regulierung und Verrechnung von Kohlendioxid-Mengen - und dabei, das ist der Wahnwitz, soll sogar der natürliche Kohlenstoff-Kreislauf miteinbezogen werden.

Ein wachsender Apparat von Klimabürokraten und Wissenschaftsfunktionären, von Politikern und Wirtschaftslobbyisten hält sich tatsächlich für befähigt, langfristig die planetaren Stoffströme steuern zu können. Eine riesige Klimaregulierungsbehörde ist im Entstehen - nur hat das noch keiner so richtig gemerkt.

Um das Ziel einer »kohlenstoffarmen Weltwirtschaft« (so der deutsche Umweltminister Jürgen Trittin) zu erreichen, wollen die Industrieländer laut Kyoto-Protokoll den Ausstoß von sechs Treibhausgasen bis zum Jahr 2012 insgesamt um 5 Prozent unter die Werte von 1990 senken. Nach dem Willen Australiens, Kanadas, Japans und der USA sieht das Papier vor, dabei nicht nur den CO2-Ausstoß durch Schlote oder Auspuffrohre zu berücksichtigen, sondern auch dessen Aufnahme in natürlichen Senken, beispielsweise Wäldern.

Eine unlösbare Aufgabe: Die Wissenschaftler stehen im Wald und pfeifen. So ist das angesehene Internationale Institut für angewandte Systemanalyse kürzlich mit dem Versuch gescheitert, eine verlässliche Kohlenstoff-Bilanz der Biosphäre Russlands aufzustellen. Schon die Frage, wie viel CO2 die Wälder aufnehmen, so kapitulieren die Forscher, sei nicht genau zu beantworten. »Unter Einbeziehung der Senken ist das Protokoll von Kyoto unkontrollierbar und undurchführbar.«

Der Kohlenstoff-Haushalt der Erde stellt - entgegen dem in der Öffentlichkeit herrschenden Eindruck - noch immer ein großes Rätsel dar. Die Klimaforscher sind außer Stande anzugeben, welchen Beitrag Ozeane, Flüsse, Wälder, Felder oder Landwirtschaft genau leisten, ganz zu schweigen von den Austauschvorgängen, die unter wechselnden Klimabedingungen stattfinden. Kein Mensch kann exakt sagen, welche Mengen an Kohlenstoff die natürlichen Speicher ("Senken") tatsächlich aufnehmen.

Je nachdem, unter welchen Bedingungen Wälder wachsen, können sie mehr oder weniger große Mengen Kohlendioxid schlucken. Ganz zu schweigen von Naturkatastrophen - allein die jüngsten Waldbrände in den USA haben schätzungsweise ebenso viel Kohlendioxid freigesetzt wie alle deutschen Haushalte pro Jahr zusammen.

Der in Kyoto beschlossene »Clean Development Mechanism« macht die Sache noch verwickelter. Dahinter steckt zunächst mal eine gut klingende Idee: Ein Unternehmen, das in Deutschland mehr Kohlendioxid produziert als erlaubt, soll dieses in fernen Ländern einsparen können - etwa durch Anpflanzung einer Plantage in Afrika oder die Modernisierung eines Kraftwerks in China.

Doch wie viele Ideen, die am grünen Tisch geboren wurden, wird auch diese in der Praxis scheitern. Erstes Problem: Welche Art Wald speichert auf welchem Boden unter welchen Klimabedingungen wie viel Kohlendioxid - und für wie lange? Derzeit gleicht die Verrechnung einer Voodoo-Zeremonie.

Zweites Problem: Wie unterscheidet man eine Plantage, die ohnehin angepflanzt werden sollte, von einer, die allein aus Klimaschutzgründen sprießt? Hier wird wohl nur eine Gesinnungsprüfung weiterhelfen.

Überdies schwant Artenschützern Schlimmes: Schnell wachsende, ökologisch problematische Palmöl- und Kautschuk-Plantagen sind schon heute Hauptgrund für die Vernichtung des ursprünglichen Regenwaldes. Als Kohlendioxid-Speicher aber könnten sie als Tauschobjekte auf dem Klima-Basar durchaus nützlich sein. Kommt nun also der Kahlschlag für den Klimaschutz?

Die Förderung von effizienten Industrieanlagen oder sauberen Kraftwerken in ärmeren Ländern scheint auf den ersten Blick unproblematisch. Doch kommt man auch hier durch die Fixierung auf das vermeintliche Klimaproblem in Teufels Küche. Wer nach einem wirklich Klima schonenden Kraftwerk sucht, kann böse Überraschungen erleben.

Bei der Gewinnung von Strom aus Wasserkraft zum Beispiel können im Extremfall bis zu zehnmal mehr Treibhausgase freigesetzt werden als bei der Verbrennung von Kohle. Wie das? In stehenden Gewässern bildet sich vor allem Methan, ein 20mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid.

Nach dem Willen Japans und der USA sollen auch Atomkraftwerke in den »Clean Development Mechanism« aufgenommen werden. Ach du grüne Neune: Atomkraft. Doch es ist nun einmal nicht zu leugnen: Atomwirtschaft macht viel Ärger, aber wenig Kohlendioxid. Wenn die Uno der Kernkraft jetzt den blauen Klimaengel verleiht, dann müssen die Deutschen ganz, ganz tapfer sein. Mögliche Folge: Wer in der Dritten Welt ein Atomkraftwerk hinstellt, darf zu Hause mehr Auto fahren.

Wie einst die Sowjet-Pläne zur Umleitung von Flüssen in der Steppe von Kasachstan versiegten, so strandet der Klimaschutz immer häufiger im ideologischen Absurdistan. Doch werden fixe Ideen nur oft genug wiederholt, so werden sie auch wahr und ihnen ist ein ewiges Leben beschieden. Die Aufkäufer für Kohlendioxid-Ausgleichsflächen sind jedenfalls längst unterwegs - von der argentinischen Pampa bis in die afrikanische Savanne. Costa Rica hat bereits 200 000 Tonnen an Kohlenstoff-Zertifikaten verscherbelt.

In Deutschland rangeln derweil die Börse in Frankfurt und die Strombörse in Leipzig um die lukrative Abwicklung des Klimaschutz-Handels. Nationen oder auch Unternehmen sollen Emissionszertifikate erhalten, mit denen an der Klima-Börse frei gehandelt werden kann. Wer über seine Quote hinaus Kohlendioxid in die Luft pustet, muss zukaufen; wer weniger Dreck macht, als ihm eigentlich zusteht, kann Zertifikate verkaufen.

Auf der Klimakonferenz in Den Haag wird unweigerlich die große Stunde der Emissionshändler und Quotenkrämer schlagen. Nur auf das Klima wird der Basar keinen Einfluss haben.

Wohin das alles führen wird, können die Klimabürokraten bei den Brüsseler Landwirtschaftsbürokraten erfahren, die zur Eindämmung der Milchschwemme die Milchquoten erfanden. Dies führte zu so schönen Berufsbildern wie den »Sofamelkern": Früher hatten diese Bauern Kühe im Stall, heute tun sie gar nichts mehr und leben dabei prima. Sie verkauften oder verpachteten die von Brüssel zugeteilte Milchquote.

In ganz Europa leben heute Tausende Sofamelker. Bis es die ersten Klimamelker gibt, ist nur noch eine Frage der Zeit.

DIE KLIMASCHÜTZER

wollen auf ihrer Konferenz in Den Haag Kohlendioxid-Quellen (Kraftwerke, Autoverkehr) mit Kohlendioxid-Senken (Wäldern) verrechnen.

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