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SEUCHEN Baukasten für Gruselkeime

Genforscher haben schon heute ein Arsenal maßgeschneiderter Super-Erreger im Repertoire, die kaum zu bekämpfen wären. Können diese Killer auch in die Hände von Terroristen fallen?
aus DER SPIEGEL 43/2001

Das Unbegreifliche beginnt als leichte Erkältung an einem lauen Frühlingsmorgen.

Kate Morgan ist auf dem Schulweg, als die Seuche ausbricht. Erst läuft ihr nur die Nase. Doch schon bald bekommt die 17-Jährige hohes Fieber. Hilflos müssen ihre Mitschüler zusehen, wie Kate von Krämpfen geschüttelt einen grausamen Tod stirbt.

Die Szene stammt aus Richard Prestons Roman »The Cobra Event« von 1997. Der Autor beschreibt den Feldzug eines verrückten Forschers, der die Welt mit einer Designer-Seuche bedroht. Pocken und einen Insekten-Virus hat der Wahnsinnige kombiniert - »Hirnpocken«, die das Gehirn zerfressen, extrem ansteckend sind und eine nationale Katastrophe auslösen.

Ex-Präsident Bill Clinton war von dem Buch so bewegt, dass er seinem ganzen Stab nahe legte, es zu lesen. Dem Verteidigungsexperten John Hamre trug er auf, die Glaubwürdigkeit zu prüfen. Die Antwort: ein theoretisch plausibles Szenario.

Hat Hamre Recht? Könnten Terroristen in der Lage sein, weit verheerendere Bioattacken zu führen als die derzeitigen, vergleichsweise harmlosen Milzbrandanschläge? Spätestens seit in der vergangenen Woche im Washingtoner Büro des Senators Tom Daschle ein verfeinertes, besonders gefährliches Milzbrandpulver auftauchte, fürchten Experten, dass Terroristen doch über bessere Biotechniken verfügen könnten als bislang angenommen.

Die Angst vor dem »Superbug« geht um: dem genoptimierten Killerbakterium. Schon länger warnen Mikrobiologen vor den möglichen Folgen der gentechnischen Revolution für die Entwicklung von Biowaffen. Das »Maßschneidern« biologischer Kampfstoffe könne dazu führen, dass die Erreger schwieriger zu entdecken, zu diagnostizieren und zu behandeln seien, warnen der Friedensforscher Malcolm Dando und die Genetikerin Claire Fraser in der neuesten Ausgabe des Fachblatts »Nature Genetics": »Kurz gesagt, könnte es die militärische Nutzbarkeit der Erreger verbessern und die Versuchung erhöhen, offensive Biowaffenprogramme zu starten.«

Die komplette Gensequenz von mehr als 70 Bakterien, Pilzen und Parasiten werde bereits in Kürze entschlüsselt sein, schreiben Dando und Fraser. Längst hätten Forscher spezifische Genabschnitte pathogener Organismen identifiziert, die etwa für Infektion, Virulenz und Antibiotikaresistenz verantwortlich sind.

Für Terroristen mit dem nötigen Knowhow gleichen solche Techniken und Gensequenzen einem Baukasten für Gruselkeime: Tödliche Bakterien, die Impfungen überwinden, Antibiotika überleben und nicht von Nachweissystemen erfasst werden, rücken in greifbare Nähe. Schon haben Forscher die ersten genmanipulierten Erreger im Repertoire:

* 1986 gelang es US-Forschern, den letalen Faktor des Milzbranderregers auf die harmlose Darmbakterie »Escherichia coli« zu übertragen. Tatsächlich produzierten die veränderten Darmbewohner fortan das tödliche Milzbrandgift.

* Wissenschaftler der russischen Forschungslabors Obolensk bei Moskau schleusten ein Gen für das Glückshormon Endorphin in den Erreger der Hasenpest ein. Die Diagnose eines mit dem Bakterium infizierten Menschen würde erschwert, da er nicht nur die Symptome der Hasenpest, sondern auch starke Verhaltensänderungen zeigen würde.

* Forschern aus dem gleichen Institut gelang es 1997, in Milzbrandbakterien Gene eines nah verwandten Erregers einzuschleusen und so die Oberflächenstruktur des Bakteriums zu verändern. Weder Impfungen noch Nachweisverfahren sprangen fortan auf die manipulierten Killer an.

* Gensequenzen, die Antibiotika-Resistenzen hervorrufen, werden in Labors standardmäßig als Markergene benutzt. Die Bundeswehr etwa betreibt an der Sanitätsakademie in München Grundlagenforschung an Antibiotika-resistenten Hasenpest-Bakterien. Eine terroristische Attacke mit derart veränderten Erregern wäre verheerend, weil den Opfern kaum noch geholfen werden könnte.

Diese Techniken - allesamt in Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht - sind wohl noch die harmloseren Entwicklungen der Bioforscher. Vieles deutet darauf hin, dass der Kalte Krieg der Welt bereits weit gefährlichere Super-Erreger beschert hat.

In ihrem soeben erschienenen Bestseller beschreiben Journalisten der »New York Times«, wie die US-Militärs in den achtziger Jahren massiv im Bereich Biotechnik aufrüsteten*. Bis zu 91 Millionen Dollar jährlich standen demnach zeitweise für Biowaffenprojekte zur Verfügung. Allein zwischen 1980 und 1986 soll das Pentagon unter anderem 51 Forschungsvorhaben zur Entwicklung neuer Erreger finanziert haben sowie 23 Projekte, deren Ziel es war, bekannte Impfstoffe zu umgehen.

Weit intensiver noch waren offenbar die sowjetischen Bemühungen im Wettlauf um den Superbug. Einen ersten Einblick in die geheime Forschung erhielt die westliche Welt im Oktober 1989, als der nach England emigrierte Biologe Wladimir Passetschnik die Aktivitäten in

der Biowaffenfabrik Swerdlowsk beschrieb. Neben Langstreckenraketen, die in der Lage seien, Erreger zu transportieren, erwähnte Passetschnik ein gentechnisch verändertes, gegen bekannte Impfstoffe und Antibiotika unempfindliches Pestbakterium.

Weitere, in den neunziger Jahren übergelaufene Bioforscher, darunter der frühere Vizechef des sowjetischen Biowaffenprogramms Ken Alibek, enthüllten schließlich das ganze Ausmaß der sowjetischen Forschung. Alibek berichtete beispielsweise von einem gegen Impfungen gefeiten Designer-Keim, der die Eigenschaften von Ebola und Pocken in sich vereint. Der »Ebolapox« genannte Erreger übertreffe alle bisher bekannten Pockenformen und führe zu starken inneren Blutungen und fast sicher zum Tod: »Als Waffe eingesetzt, würde Ebolapox die hohe Mortalität des Ebola-Virus mit der sehr hohen Ansteckungsgefahr der Pocken kombinieren.«

Alibeks Schilderungen sind unter Fachleuten umstritten, weil der Forscher eher als Manager denn als Konstrukteur des Grauens arbeitete. Als glaubwürdiger gelten die Aussagen des Biologen Sergej Popow, der 1992 nach England emigrierte und heute in Amerika lebt. Popow will an einem Erregertyp gearbeitet haben, der den Körper gleichsam in die Selbstzerstörung treibt. Angeblich gelang es dem Forscher, eine Gensequenz in Viren und später auch in Bakterien einzuschleusen, die ein Fragment des Proteins Myelin herstellen. Das Eiweiß umhüllt normalerweise die Nervenbahnen im Körper. Im Tierversuch sollen die so veränderten Erreger eine so genannte Autoimmunreaktion ausgelöst haben: Erst bekämpfte das körpereigene Abwehrsystem der infizierten Tiere die eingedrungenen Myelinfragmente. Dann nahm es sich die eigenen Nervenscheiden vor. Das Gehirn der Versuchstiere zerfiel.

Experten wie Popow soll es in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion noch zu Hunderten geben. Sie gelten als Sicherheitsrisiko, weil über sie möglicherweise auch Terroristen Zugang zu den Super-Erregern bekommen könnten. Denn ohne Expertenhilfe und geeignete Laborausrüstung gilt die Entwicklung von Killerbakterien als fast unmöglich. »Dafür ist molekularbiologisches Spezialwissen nötig, das nur ganz wenige führende Forschungslabors weltweit besitzen«, beruhigt Wolfgang Beyer, Milzbrandexperte am Institut für Tiermedizin der Universität Hohenheim.

Als sehr schwierig stuft Beyer insbesondere Verfahren ein, bei denen bestimmte Virulenzeigenschaften auf andere Organismen übertragen werden. »Je mehr man reinpackt, desto schlechter funktionieren die Erreger«, sagt der Forscher. Meistens seien die entstehenden Chimären kaum lebensfähig. Beyers Fazit: »Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendein Terrorist den Superbug hat.«

Auch der Hamburger Zellbiologe Jan van Aken von der Anti-Biowaffen-Organisation »Sunshine Project« stuft die Gefahr von Anschlägen mit Killerbakterien als »extrem unwahrscheinlich« ein. Glücklicherweise falle es Terroristen schon schwer genug, die Erreger zu isolieren und in effektiver Form unter die Leute zu bringen.

Andererseits wird van Aken nicht müde, den leichtfertigen Umgang mit den tödlichen Keimen zu kritisieren. Den Amerikanern etwa wirft der Biowaffenspezialist vor, mit einem jüngst aufgedeckten Programm fortlaufend gegen die 1972 aufgelegte Biowaffenkonvention zu verstoßen.

Bereits seit 1997 soll die CIA in der Wüste Nevadas versuchen, russische Bomben zur Verbreitung von Biowaffen nachzubauen. Erst im vergangenen Monat wurde bekannt, dass die Operation »Clear Vision« auch Versuche beinhaltet, bei denen die gegen Impfstoffe gefeite Milzbrandvariante der Russen nachgebaut werden soll. Die Militärs begründen die Versuche mit Vorbeugung. Um besser auf Terroranschläge vorbereitet zu sein, müsse man die möglichen Techniken der Terrorbomber erforschen.

Dass selbst der Zufall ahnungslose Forscher schnell zu Biowaffenbauern machen kann, zeigt ein Wissenschaftskrimi, der sich erst kürzlich in Australien abspielte. Eigentlich wollten die Forscher der Australian National University in Canberra nur ein Mittel gegen die australische Mäuseplage finden. Ein gentechnisch abgeschwächter Ektromelie-Virus - normalerweise Auslöser der tödlichen Mäusepocken - sollte die Nager nur unfruchtbar machen.

Doch der gentechnische Eingriff schuf einen Killer. Selbst viele gegen Mäusepocken geimpfte Nager raffte der neue Erreger dahin, nachdem er in Windeseile ihr Immunsystem zerstört hatte. Der Forschungsbericht liefert seither eine Anleitung, wie man aus einer harmlosen Mikrobe ein Monster bastelt. PHILIP BETHGE

* Judith Miller, Stephen Engelberg, William Broad: »Germs:Biological Weapons and America''s Secret War«. Simon & Schuster, NewYork; 384 Seiten; 27 Dollar.

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