Zur Ausgabe
Artikel 44 / 95

STRAHLENSCHÄDEN Bedrohung der Kinder

Der Super-Gau von Tschernobyl hat, entgegen allen offiziellen Dementis, auch in der Bundesrepublik zu einer Zunahme der Mißbildungen bei Neugeborenen geführt. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Das Gesicht wirkt verschmitzt und fröhlich. Die Haut ist gut durchblutet, der runde Schädel und die freche Stupsnase signalisieren Lebensfreude. Am inneren Rand der Oberlider spannen sich sichelförmige Hautfalten, sie geben den Augen einen exotisch-pfiffigen Akzent. Immer steht der Mund erwartungsfroh ein bißchen offen. Arme und Beine sind frei beweglich ihre besonders weiche Muskulatur lädt zum Schmusen ein.

Mongoloide Neugeborene sind Knuddel-Babys, die Lieblinge der Entbindungsstationen und der Mütter.

Oft dauert es Monate, bis der Verdacht aufkommt, daß das fröhliche, warmherzige Kind in Wahrheit behindert ist - von Geburt an geschlagen mit einer Mißbildung, die alle Organe in Mitleidenschaft zieht, dem »Down-Syndrom« (so benannt nach seinem Erstbeschreiber, dem englischen Arzt John Langdon-Down, 1866).

Das Down-Syndrom wird wegen der an die Mongolen erinnernden Augenfalte auch »Mongolismus« oder, seit seine Entstehung geklärt werden konnte, »Trisomie 21« genannt. Es ist die häufigste gerade noch mit dem Leben zu vereinbarende Mißbildung, hervorgerufen durch eine Anomalie des Erbguts. Das Chromosom 21 ist dabei dreifach ("tri") vorhanden anstatt, wie bei Gesunden, nur doppelt.

Das überzählige Chromosom prägt Aussehen, Organkraft und Lebenserwartung der Betroffenen: Mongoloide erreichen nur den Entwicklungsstand eines Siebenjährigen, bedürfen lebenslanger Pflege und sterben trotzdem meist schon als junge Erwachsene.

In der Bundesrepublik ist - so der Mittelwert der letzten zehn Jahre - jedes 700. Neugeborene ein mongoloides Kind. Im Jahr eins nach dem Super-Gau von Tschernobyl sind es viel mehr. *___Im Januar kamen in West-Berlin 10 mongoloide Babys zur ____Welt - fünfmal so viele, wie zu erwarten waren. *___Vorgeburtliche Untersuchungen des Fruchtwassers, ____vorgenommen im Sommer letzten Jahres, beweisen, daß in ____den süddeutschen Bundesländern die Trisomie-21-Rate ____deutlich anstieg - diese Kinder sind abgetrieben ____worden.

Überall wo der radioaktive Niederschlag besonders stark war, haben sich die Mißbildungen gehäuft - am bayrischen Alpenrand, in den südlichen Landesteilen von Baden-Württemberg und an den Rändern der Mittelgebirge. Als erster deutscher Arzt hatte, schon Anfang Februar dieses Jahres, der Münchner Pädiater Klaus Waldenmaier Alarm geschlagen. Dem Kinderarzt, der ein Labor für genetische Diagnostik betreibt, war aufgefallen, daß die Trisomie21-Fälle in seiner Praxis plötzlich dreimal so häufig waren. Telephonisch schreckte er das Bundesgesundheitsamt auf.

Letzte Woche legte das Humangenetische Institut der Freien Universität eine bundesweite Studie vor, die den Münchner Verdacht bestätigt. Unterstützt vom Bundesumweltamt, hatten die Berliner Gelehrten sich in den letzten Wochen alle Daten über vorgeburtliche Trisomie21-Untersuchungen aus den 40 humangenetischen Instituten und Beratungsstellen der Bundesrepublik beschafft und analysiert.

Das Ergebnis, in der vorsichtigen Sprache der Wissenschaft formuliert: _____« ... fanden sich relativ viele Chromosomenanomalien » _____« bei Untersuchungen im Monat August, vier Monate nach dem » _____« Strahlenunfall. Die genaue Analyse ergab zudem, daß bei » _____« einigen der Zeitpunkt der Befruchtung recht genau mit der » _____« stärksten Strahlenbelastung zusammenfällt, sie fanden » _____« sich zudem gehäuft im süddeutschen Raum, der auch » _____« besonders stark exponiert war. »

Professor Karl Sperling, Chef des Instituts, vermutet, daß die Gammastrahlung in den kritischen Tagen »die Keimdrüsen erreichen« konnte. Sperling: »Am 8. Mai war in Berlin, als Folge eines Gewitterregens, die Gamma-Ortsdosisleistung um etwa 60 Prozent erhöht.« Das galt den meisten Experten bisher als geradezu lächerlich geringe Erhöhung - doch hat sie offenbar ausgereicht, um die Keimzellen zu schädigen.

»Vielleicht müssen wir umlernen«, meint dazu Professor Widukind Lenz der 1961 als erster deutscher Arzt den Zusammenhang von Contergan und kindlichen Mißbildungen aufdeckte. »Bei Tierversuchen bewirken nur stärkere Strahlendosen eine Keimschädigung.« Auch habe man bisher weder bei den Kindern von Röntgenologen noch in Hiroschima und Nagasaki Zusammenhänge zwischen kurzzeitiger geringer Strahlenbelastung und dauerhaften Erbschädigungen beobachtet. Lenz jedenfalls ist »sehr nachdenklich« geworden.

Das läßt sich von den selbsternannten Experten nicht sagen. Ärztepräsident Karsten Vilmar hatte nach Tschernobyl eine »Bedrohung der Kinder im Mutterleib« strikt verneint. Gesundheitsministerin Rita Süssmuth warnte die werdenden Mütter vor einem Schwangerschaftsabbruch, er sei »weder mit der ärztlichen Ethik vereinbar, noch unter irgendeinem Gesichtspunkt zu rechtfertigen«.

Weil in der Bundesrepublik weder von den Ärzten noch von den Eltern die Mißbildungen bei Neugeborenen irgendeiner statistischen Stelle gemeldet werden, bleiben die weiteren Tschernobyl-Folgen voraussichtlich als privates Einzelschicksal versteckt. Die mögliche Zunahme von Hasenscharten, Wolfsrachen, Kleinköpfigkeit oder Fehlbildungen an Extremitäten und Sinnesorganen - alles denkbare Strahlenfolgen - kann dem einzelnen Geburtshelfer nur auffallen, wenn sie gleichsam epidemische Ausmaße hat. In Westdeutschland wurden fast 5000 Contergankinder geboren, bevor das als Mißbildungswelle auffiel.

An eine Registrierung der Mongoloiden und eine Erfassung anderer Fehlbildungen ist auch nach Tschernobyl amtlicherseits nicht gedacht.

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 95
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.