Insektensterben »Wir müssen die Umweltrisiken von Pflanzenschutzmitteln grundsätzlich neu bewerten«

Die EU verbot ein Pflanzenschutzmittel – in Deutschland wurde es trotzdem großflächig eingesetzt. Matthias Liess vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung warnt vor Gefahren für das Ökosystem.
Ein Interview von Felix Wadewitz
Bienenkörbe stehen an einem Rapsfeld

Bienenkörbe stehen an einem Rapsfeld

Foto: P. Nowack / Penofoto / IMAGO

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In Bayern breiten sich für Insekten besonders gefährliche Pestizide rasant aus. Proben aus dem Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim in Mittelfranken zeigen eine extrem hohe Konzentration der Pflanzenschutzmittel. »Bienenkiller außer Kontrolle«, schreibt die »taz«, die zuerst über den Fall berichtete . Genehmigt wurde der Gifteinsatz vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) unterstellt ist. Es handelt sich um Substanzen, die längst aus dem Verkehr gezogen wurden. Ökotoxikologe Matthias Liess vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung analysiert die Gefahren für das Ökosystem und fordert ein grundsätzliches Umdenken bei der Zulassung von Pestiziden.

SPIEGEL: Herr Liess, in Bayern wurden in Wasserproben hohe Werte von eigentlich verbotenen Pestiziden gemessen. Womit haben wir es zu tun?

Matthias Liess: Es geht um die Wirkstoffe Thiamethoxam und Clothianidin, deren Einsatz vor drei Jahren von der EU untersagt wurde. Sie durften in Deutschland aber auf bestimmten Flächen für einige Monate dank einer Ausnahmegenehmigung auf Feldern eingesetzt werden, um Zückerrüben vor Schädlingen zu schützen. Die Untersuchungen in Bayern zeigen, dass die Konzentration in den Proben rund 50-mal höher ist, als das, was noch als akzeptabel gilt.

SPIEGEL: Was sind die Folgen?

Liess: Wir reden natürlich über hochgiftige Stoffe. Pestizide sollen ja gefährlich sein und töten. Nur beschränkt sich das eben nicht auf Schädlinge wie die Blattlaus, sondern trifft auch für das Ökosystem extrem wichtige Insekten wie Bienen, Libellen und Köcherfliegen. In Bayern sehen wir gerade wieder, wie schnell sich das Gift in der gesamten Natur ausbreitet. Die Pestizide bleiben nicht auf den Feldern, sondern attackieren zum Beispiel auch Organismen in Gewässern.

SPIEGEL: Warum greifen die Landwirte ausgerechnet auf diese Pestizide zurück?

Liess: Weil sie am wirksamsten gegen bestimmte Schädlinge sind – so wird zumindest argumentiert. Tatsächlich können sie effizient die gesamte Pflanze schützen. Eine Rolle spielt auch, dass andere EU-Länder ebenfalls Ausnahmegenehmigungen erteilt haben und die deutschen Agrarunternehmen Nachteile im Wettbewerb befürchten, wenn sie es nicht einsetzen können.

SPIEGEL: Laut einer in »Nature« veröffentlichten Studie sind offenbar auch sehr geringe Mengen dieser Pestizide gefährlich für Insekten.

Liess: Absolut. Sie können Bienen und andere Insekten lähmen oder ihren Orientierungssinn schwer stören. Sie sterben dann nicht sofort, finden aber beispielsweise nachts nicht den Weg zurück zum Bienenstock und erfrieren. Das war aber schon bekannt, als die Mittel in der EU noch regulär erlaubt waren.

SPIEGEL: Wieso erteilten die Behörden ursprünglich trotz dieses Wissens die Genehmigung?

Liess: Die Untersuchungen für die Zulassungen erfolgen unter Laborbedingungen. Einerseits gehen in diesen Untersuchungen die sonst noch in der Umwelt vorhandenen Stressoren und Anforderungen nicht ausreichend ein. Die Tiere sterben, da sie durch die Umweltbedingungen sensitiver werden, als sie das unter optimalen Laborbedingungen sind. Somit sind die Folgen in der Natur oft ganz andere als in künstlichen Testsystemen.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Liess: Es ist ein bisschen so, als würde man testen, nach wieviel Alkoholkonsum der Mensch stirbt. Ich bin kein Arzt, aber unter Laborbedingungen reden wir vermutlich von einigen Flaschen Wein. Im echten Leben, etwa im Straßenverkehr, erhöht sich die Sterblichkeitsrate aber natürlich schon nach zwei oder drei Gläsern drastisch. So ungefähr geht es auch den Insekten, die in der Natur auf Orientierungssinn und Flugfähigkeit angewiesen sind und sich vor Räubern schützen müssen. Selbst eine geringe Dosis des Gifts kann sie deshalb letztlich töten.

»In fast jedem fünften untersuchten Gewässer wurden die Grenzwerte für zehn oder mehr Pestizide überschritten.«

Helmholtz-Forscher Matthias Liess

SPIEGEL: Pestizide werden auch weiterentwickelt und müssten mittlerweile doch besser sein als in der Vergangenheit.

Liess: Ja, das denkt man immer am Anfang. Bis man dann nach einigen Jahren feststellt, welche neuen Probleme damit verbunden sind. So ist das seit Jahrzehnten. Etwas wird entwickelt, ausprobiert, später kommt das böse Erwachen. Aber dass heute noch Pestizide eingesetzt werden, deren Zulassung viele Jahre zurückliegt und damit oft auf einer überholten Risikobewertung beruht, muss sich schnellstens ändern.

SPIEGEL: Im Biolandbau kommen weniger Pestizide zum Einsatz, dafür ist der Ertrag auch geringer.

Liess: Klar, Pestizide sichern die Erträge in der Landwirtschaft, indem sie schädliche Insekten, Pilze und Unkräuter bekämpfen. Klar ist aber auch, dass wir deutlich weniger davon einsetzen dürfen, wenn wir das Ökosystem bewahren wollen. Eine Reduktion von 20 oder 30 Prozent reicht da bei weitem nicht aus.

»Was unterschätzt wird, ist die hohe Empfindlichkeit bestimmter Arten.«

Helmholtz-Forscher Matthias Liess

SPIEGEL: Über die Ursachen für das Insektensterben wird viel diskutiert. Wie hoch ist der Anteil der Pestizide?

Liess: Höher als viele denken. Aus meiner Sicht müssen die Umweltrisiken von Pflanzenschutzmitteln grundsätzlich neu bewertet werden. Wir haben zwei Jahre lang die Pestizidbelastung mit mehr als hundert Messstellen an Gewässern in zwölf Bundesländern untersucht und dabei festgestellt, dass die behördlichen Grenzwerte bei 80 Prozent der Gewässer überschritten werden. Und dabei sind die Grenzwerte an sich schon zu hoch angesetzt.

SPIEGEL: Inwiefern?

Liess: Die behördlichen Messungen der Pestizidkonzentrationen in Gewässern finden meist nicht statt, wenn es in Strömen regnet – und genau dann werden die Pestizide ins Gewässer gespült. Pestizide gelangen vor allem bei Regen ins Wasser. Dann ist die Konzentration schnell mal zehn- bis hundertfach so hoch. Grundsätzlich gilt eigentlich, dass Pestizide Gewässer gar nicht belasten dürfen. In fast jedem fünften untersuchten Gewässer wurden die Grenzwerte aber für zehn oder mehr verschiedene Pestizide überschritten.

SPIEGEL: Die Risiken für das Ökosystem werden also bislang unterschätzt?

Liess: Was unterschätzt wird, ist vor allem die hohe Empfindlichkeit bestimmter Arten. Im Ökosystem wirken neben Pestiziden – auch in Kombination – noch andere Stressfaktoren wie die Konkurrenz der Arten und Räuberdruck auf die Organismen, sodass diese auf Pestizide deutlich empfindlicher reagieren. Diese offensichtlichen Probleme fallen aber nicht auf, da die Wirkung der Pestizide nach erteilter Zulassung nicht in der Umwelt geprüft werden.

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