Zur Ausgabe
Artikel 86 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Ärzte Bitteres Jahr

Eine neue Gebührenordnung stürzte die Kassenärzte in selbstmörderische Verteilungskämpfe: Ihre Arbeit ist nur noch die Hälfte wert.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Rainer Hess, Hauptgeschäftsführer der Kölner Kassenärztezentrale KBV, blickt sorgenvoll in die Zukunft. 1996, prophezeite er, werde für Deutschlands Mediziner ein »bitteres Jahr«. Reihenweise müßten niedergelassene Kassenärzte ihre Praxen schließen, sagt auch die Medical Tribune voraus: Den Medizinern drohe »die tiefste wirtschaftliche Krise seit dem Zweiten Weltkrieg«.

Grund für die Weltuntergangsstimmung bei den Ärzten ist die seit dem 1. Januar dieses Jahres geltende neue Gebührenordnung »EBM« (Einheitlicher Bewertungsmaßstab) - sie hat den Praxisinhabern die Honorare verhagelt.

Ziel der Reform war es, das oft beklagte Ungleichgewicht zwischen »sprechender Medizin« und Medizintechnik zu beseitigen. Neue Beratungs- und Betreuungsleistungen wurden in den Honorarkatalog gehievt. Für das ärztliche Gespräch gibt es seither mehr Geld. Hausbesuche und Wochenendarbeit der Mediziner wurden aufgewertet.

Nutznießer der Honorarumverteilung sollten, neben den Patienten, die bisherigen Schlußlichter der ärztlichen Einkommenstabelle sein: Haus- und Kinderärzte sowie hausärztlich tätige Internisten.

Die Wünsche der Reformer sind in Erfüllung gegangen. Von der wundersamen Schnelligkeit aber, mit der sich die »sprechende Medizin« unter den Kassenärzten durchgesetzt hat, sind die EBM-Macher überrascht: Ruckartig ist die Menge der abgerechneten Leistungen im ersten Quartal 1996 um 30 bis 40 Prozent gestiegen.

Gewinner der Reform sind wie vorgesehen Kinderärzte (plus 22 Prozent Umsatz) und Hausärzte (8 Prozent). Doch auch die Fachärzte haben sich offenbar massenweise an den Gesprächszug angehängt: »Der Bedarf an Gesprächsleistungen war größer als geschätzt«, formuliert höflich Lothar Wittek, EBM-Reformer und bayerischer KV-Vorsitzender.

Weniger diplomatisch sagt es der Kölner KBV-Hauptgeschäftsführer Hess: Bei der Abrechnung von Gesprächen, meint er, sei es zu »irrationalen Auswüchsen« gekommen. Nicht nur die Hausärzte, sondern »durch die Bank alle Ärztegruppen« hätten die neuen Positionen abgerechnet. »Fehlinterpretationen« der neuen Gebührenordnung seien dabei leider »fast die Regel«.

An den Folgen der Mengenexplosion leiden nun alle niedergelassenen Kassenärzte, denn unter dem seit Jahren festgeschraubten Deckel ("Budgetierung") für das kassenärztliche Gesamthonorar führen Mengenausweitungen automatisch zu Preissenkungen: Je mehr Punkte die Niedergelassenen für ihre Leistungen abrechnen, desto stärker sinkt der Betrag, den sie pro Punkt erhalten.

Bei 9,1 Pfennig sollte sich der Punktwert nach dem Willen der EBM-Reformer am Ende des ersten Quartals einpendeln. Statt dessen ist er jetzt auf vier bis sechs Pfennig abgestürzt. Die Arbeit der Mediziner ist dadurch nur noch gut die Hälfte wert - ein betriebswirtschaftliches Desaster für Praxisinhaber, die sich an der Mengenjagd nicht beteiligt haben.

Ärztliche Leistung sollte sich laut Medical Tribune mit dem neuen Honorar-Regelwerk wieder lohnen. Statt dessen wurde sie »brutal abgewertet«. Die neue Gebührenordnung, so das Blatt, sei womöglich dabei, als »Praxenkiller in die Geschichte einzugehen«.

In den Punktwertestrudel sind vor allem Ärztegruppen geraten, die nur auf Überweisung tätig werden dürfen und denen dadurch das »Ausweichen in die Menge« (Medical Tribune) verwehrt bleibt. Radiologen und Nuklearmediziner etwa verzeichnen Honorareinbrüche um bis zu 36 Prozent. Wer von ihnen in den fetten Jahren nichts zurückgelegt hat, geht über den Deister. Bei einem Punktwert von drei Pfennig, warnte die Dresdner Radiologin Eva-Maria Föse, seien sämtliche radiologischen Praxen in Sachsen von »Liquiditätsschwierigkeiten« bedroht. Die Radiologen in den neuen Bundesländern sind ohnehin finanziell angespannt, weil die meisten Praxen im Jahre fünf nach ihrer Gründung noch unter Zins und Tilgung für ihren Maschinenpark ächzen.

Die Berliner Radiologen sind nach Auskunft ihrer Sprecher wild entschlossen, »bestimmte kostenintensive Leistungen nicht mehr zu erbringen« und die Patienten dafür ins (teurere) Krankenhaus zu schicken. Auch »Personalentlassungen«, so der Radiologe Hansjörg Meier-Duis, seien in vielen Praxen »schon im Gange«.

Die EBM-Macher, konstatierte die Münchner Ärztliche Praxis verärgert, hätten mit dem novellierten Gebührenwerk »ihre Unfähigkeit unter Beweis gestellt« - wie immer entlädt sich der Groll des ärztlichen Fußvolks an den Ärztefunktionären in den gläsernen Verwaltungszentralen.

Doch Mengentreiber und Gebührenordnungsjongleure unter den Niedergelassenen selbst tragen mindestens ebensoviel Schuld am Honorardesaster. Mit hemmungslosen Auslegungen der Leistungslegenden und windigen Abrechnungstricks haben sie den EBM-Flop mit verursacht. Beispiele: ___Spritzen wurden in vielen Praxen nicht von Montag bis Freitag, sondern am Wochenende verabreicht. Der findige Gebührenordnungsinterpret kassierte pro Samstagsstich 300 Punkte zusätzlich. ___Injektionen, die nicht mehr getrennt in Rechnung gestellt werden konnten, weil sie in einer Globalziffer verschwunden waren, wurden kurzerhand umfirmiert - aus der »Injektion« wurde die »Punktion«. Wieder 240 Punkte mehr auf dem Konto des Abrechnungskünstlers. ___Orthopäden setzten die Gebührenordnungsziffer 17 ("Intensive ärztliche Beratung bei lebensbedrohenden oder lebensverändernden Erkrankungen") überdurchschnittlich oft bei ihren Patienten an - was »lebensbedrohend« ist, unterliegt in der heißen Phase des innerärztlichen Verteilungskampfes um die Honorare eben auch der Entscheidung des behandelnden Arztes.

Überdies rechneten Fachärzte massenweise neue Gebührenordnungspositionen ab, die eigentlich für die Hausärzte gedacht waren. Unter diese Übergriffe fällt etwa der sogenannte Ganzkörperstatus (Nr. 60), eine Art Grunduntersuchung von Kopf bis Fuß, und die ebenfalls für Hausärzte geschaffene »neurologische Basisdiagnostik« (Nr. 801). Beide Leistungen schnellten im ersten Quartal bei einigen Ärztegruppen raketengleich um bis zu 100 Prozent in die Höhe.

Bei Ärzte-Stammtischen ließen manche Mediziner laut Medical Tribune durchblicken, daß sie dank spezieller »EBM-Seminare« schon bis zur dritten Februarwoche so viele Punkte abgerechnet hätten wie im vergangenen Jahr im gesamten ersten Quartal.

Die »Grenzen zwischen Auslegung und Ausbeutung der Gebührenordnung sind manchmal fließend«, urteilt der schleswig-holsteinische KV-Chef Eckhard Weisner salomonisch über solche Ausreißer. »Nach drei knüppelharten Budgetjahren wollte eben keine Ärztegruppe zu den Verlierern gehören.«

Nun verlieren alle - und am Ende wohl auch die Patienten. Letzte Woche zog die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Notbremse: Vom 1. Juli an soll die Honorierung der Patientengespräche wieder zurückgefahren werden. Außerdem soll es für bestimmte Fallgruppen fixierte Honorarsätze und festgelegte Richtwerte für einzelne Arztpraxen geben - die Zustimmung der Kassen steht noch aus.

Zur Ausgabe
Artikel 86 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.