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LUFTFAHRT Blasen im Bauch

Die U.S. Navy bestellte ein neuartigesLuftschiff - als Frühwarnsystem für ihre Flotte.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Wie von einem unsichtbaren Kran herabgelassen, schwebt das Polizeiboot aus dem Dunkel der Nachtwolken auf die Meereswellen nieder. Motoren heulen auf - Minuten später entert, in der Straße von Florida, ein Kommando der US-Küstenwache das Schiff der Drogenschmuggler.

Von diesem Szenario träumt Korvettenkapitän Christopher Dewhirst, Offizier bei der Coastguard: Drogenfahnder, die sich wie Nachtgreifer aus der Luft auf ihre ahnungslosen Gegenspieler stürzen. Nachts lautlos »über bestimmten, für uns hochinteressanten Küstenzonen« schwebende Luftschiffe wären die ideale Plattform für solche Aktionen gegen den Drogenschmuggel, schwärmt Dewhirst.

Auch Anthony Villane Jr., Abgeordneter des US-Staates New Jersey, wünscht sich solche schwebenden Wächter schon sehnlich an den Himmel - gegen skrupellose New Yorker Müll-Schipper, die ihren Dreck nächtens vor der Küste des Nachbarstaates verklappen: Die Müll-Haie würden gewiß »sehr, sehr vorsichtig sein bei ihrem schändlichen Treiben«, so Villane, wenn sie befürchten müßten, aus der Luft dabei ertappt zu werden.

So unterschiedliche Interessenten wie die amerikanische Küstenwacht, müllgeplagte Nachbarregionen von Millionenstädten, Polizei und US-Zoll setzen auf ein Luftschiffprojekt, das in den Hallen der Westinghouse-Airship Industries (WAI) in Elizabeth City (US-Staat North Carolina) Gestalt annimmt. Unter der Typenbezeichnung »YEZ-2A« baut die amerikanisch-britische Firmengruppe dort einen »Blimp«-Prototyp für die U.S. Navy.

Mit seinen Maßen von 130 Metern Länge und 32 Metern Durchmesser wächst das »operationelle Versuchsluftschiff« der US-Marine zum größten je gebauten Luftschiff dieses »unstarren« Typs ("Blimp"): Ohne inneres Skelett, allein durch den Gasdruck von gut 70 000 Kubikmetern unbrennbarem Helium, wird die reißfeste Kunststoffhaut zur Zigarrenform aufgebläht.

Für Entwicklung, Herstellung und die mutmaßlich 1992 beginnende Erprobungsphase des Gas-Fliegers bewilligte die Navy 193 Millionen Dollar. Den üppigen Systempreis, so hoffen die Marine-Verantwortlichen, werde die Blähwurst durch vielseitige Einsatzmöglichkeiten wettmachen:

Ein Hochleistungsradar im Gasbauch der YEZ-2A soll US-Schiffe und Stationen auf dem Festland frühzeitig vor anfliegenden Bombern und Cruise missiles (Marschflugkörpern) warnen.

Horchsensoren im Schlepp des Blimps können U-Boote aufspüren. Einmal entdeckten Unterwasserschiffen bleibt das Luftschiff wenn nötig wochenlang auf der Spur - eine Aufgabe, die Flugzeuge nicht erfüllen können.

Entsprechende Detektoren an Bord verleihen dem Elektronikspürhund die Qualität eines Minensuchers - entdeckte Minen können ohne Gefahr für das Luftschiff gesprengt werden.

Um ihre Atlantik- und Pazifikflotten mit Hilfe der fliegenden Frühwarn- und Jagdplattformen zu schützen, wünscht die Navy gleich zwei Geschwader, insgesamt vier Dutzend solcher Blimps. Der Stückpreis für die modernen Luftschiffe, die von der britischen Airship Industries entworfen und vom US-Partner Westinghouse mit Radar, Flug- und Spürelektronik ausgerüstet wurden, wird schätzungsweise bei 70 Millionen Dollar liegen.

Mit seinen 168 Navy-Vorläufern, die im Zweiten Weltkrieg vor allem als U-Boot-Jäger auf dem Atlantik Begleitschutz flogen, hat der neue High-Tech-Blimp nur mehr den Namen, die äußere Form und das Traggas gemein. Die Enkel-Generation der erfolgreichen Weltkrieg-II-Blimps, schwärmten Navy-Experten, vereine die besten Spür-Eigenschaften von Satelliten, Flugzeugen und Schiffen in sich.

Statt mit einem Steuerrad wie einst die Starr-Luftschiffe vom Typ »Hindenburg« und herkömmliche Blimps wird der YEZ-2A nach Art moderner Passagierjets mit einem »Joystick« gelenkt. Glasfaserkabel ersetzen die klassischen Drahtseile zu den Höhen- und Seitenrudern am Heck, die Steuerimpulse aus der Pilotenkapsel werden über Computer-modulierte Lichtsignale an die Stellmotoren der Ruder geleitet.

In der Hülle aus reißfestem, gasdichtem Kunststoffgewebe tragen Kevlar-Rippen ein Geflecht mit der eingehängten Plattform für das Bordradar. Zwei luftgefüllte Ballone im Innern der voluminösen Kunststoffhaut blähen sich oder schrumpfen nach Art einer Fischblase, um das Traggas Helium bei wechselndem Luftdruck und Temperaturveränderungen auf konstantem Innendruck zu halten.

Steigt das Luftschiff aus seiner Reisehöhe von etwa 1500 Metern auf die Gipfelhöhe von gut 4000 Metern, bleibt die Atmosphäre für die 12 bis 15 Marineflieger angenehm: Als erstes Luftschiff wird die YEZ-2A mit einer Druckkabine fliegen - dreistöckig, nahezu vollständig aus Kunststoff-Verbundwerkstoffen gefertigt und so geräumig, daß sie der Crew neben Schlaf- noch Freizeiträume bietet.

Zwei an Auslegern montierte »Vektorschub«-Manteltriebwerke verleihen dem Allwetter-Blähflieger eine Reisegeschwindigkeit von 75 Knoten (139 km/ h), ein »Sprint«-Rotor am Heck der Mannschaftsgondel erlaubt Spitzengeschwindigkeiten bis zu 85 Knoten (156 km/h). Die horizontal schwenkbaren Haupttriebwerke erlauben dem Blimp Vor- und Rückwärtsflug, sie ermöglichen es, senkrecht zu steigen und zu sinken sowie Drehmanöver auf der Stelle auszuführen.

Dank moderater Geschwindigkeit und sparsamer Triebwerke kann der Gasflieger bis zu fünf Tagen nonstop kreuzen. Sind die bordeigenen Treibstoffreserven erschöpft, tankt der Blimp mit Hilfe eines ausrollbaren Rüssels Sprit von einem Versorgungsschiff.

Was die Navy an ihren von gegnerischen Radargeräten kaum wahrnehmbaren - weil weitgehend aus Kunststoffen gefertigten - Weichfliegern besonders begeistert, ist deren Fähigkeit, selbst leistungsstarke Radars zu tragen: In 3000 Meter Flughöhe können die Luftschiffradars noch überschallschnelle Cruise missiles in einem Radius von 230 Kilometern aufspüren; der Spähhorizont herkömmlicher Schiffsradars ist weit geringer.

Auf eine kleine Blimp-Lösung im Windschatten des Navy-Projekts mit Radar, Nachtsichtgeräten und schnellen Beibooten hoffen unterdes US-Küstenwache und amerikanischer Zoll. Auch die Polizei von Tokio plant den Einsatz eines Himmelsspähers zur Verbrechensbekämpfung und Verkehrskontrolle.

Auf eine Nachfrage von seiten kommerzieller Kundschaft setzt Edward Hogan Jr., Präsident der WAI, vorerst nicht. Bei dieser Klientel, so Hogan Jr., sei »der Kicherfaktor gegenüber den vermeintlichen Dinousauriern der Lüfte« noch immer besonders ausgeprägt.

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