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Tiere Blutige Spur

In den Vogesen ist der Wolf los - das wilde Tier, das Schafe und Fohlen reißt, verschreckt die Franzosen.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Die erste Begegnung mit Isegrim dauerte eine Minute und 45 Sekunden: So lange hielt Serge Merour, 49, Naturfreund und Hobbyfilmer, den Anblick des hochbeinigen Pelztiers aus, das ihm vor die Videokamera getrabt war. Dann sei er abgehauen, so schnell die schlotternden Beine ihn trugen, berichtet Merour.

Der bärtige Waldläufer aus den Vogesen ist, seit jenem Juniabend des vergangenen Jahres, Kronzeuge in einer Groteske, die ganz Frankreich beschäftigt. Die zittrigen Amateuraufnahmen, übers Fernsehen landesweit verbreitet, dokumentierten die Rückkehr eines Schreckgespenstes aus längst vergangenen Zeiten: Der Wolf, des Menschen altböser Feind, ist wieder da!

Das wilde Tier, von Experten nach einigen Zweifeln tatsächlich als Wolf ("Canis lupus") identifiziert, zog eine blutige Spur durch die östliche Provinz: Der Räuber riß im Laufe von acht Monaten insgesamt 80 Weidetiere, vor allem Schafe, zuletzt ein Fohlen namens »Guimauve«. Doch fangen ließ er sich nicht. Dem ungeheuren Aufgebot jagdlustiger Bürger und Gendarmen verriet er sich bislang nur durch seine Kothaufen und ein paar im Kampf mit den Opfern ausgerissene Haare. Nicht einmal Karine, eine aus dem Zoo von Amneville herbeigeschaffte Wölfin, konnte den Artgenossen aus dem Hinterhalt locken. Als einzige Trophäe hat der Jagdverband des Städtchens Epinal den in Gips gegossenen Abdruck einer Tatze vorzuweisen.

Um so mehr erhitzt der »Vogesenwolf«, wie der listige Graukopf genannt wird, die Gemüter - der schlichten Hinterwäldler ebenso wie der Sonderkorrespondenten, die von der Pariser Presse auch im neuen Jahr in die abgelegene Region entsandt werden: Auf sechs Spalten rätselte Le Monde über die Umtriebe des geheimnisvollen Beutegreifers und fragte : »Wer wird für seine Untaten aufkommen?«

Rotkäppchen traue sich nicht mehr in den Wald von Senonges, witzelte Liberation: Das nur 15 Quadratkilometer große, inzwischen tausendfach durchkämmte Gehölz gilt als Refugium des Wolfs - doch der Vollmond der vergangenen Tage beleuchtete auf dem Schnee nur die Spuren von Wildschweinen, Eichhörnchen, Hasen und Rehen.

Mit einer beunruhigenden Schlagzeile heizte Le Figaro die neuen Spekulationen an, die in den Cafes und den Amtsstuben der Dörfer umgehen: Hinter dem Wolf, den niemand zu fassen kriegt, verberge sich »ein menschlicher Schatten«, mutmaßte die Tageszeitung: »Wurde das Tier von einem geheimnisvollen Herrn aufgezogen?«

Von einem boshaften Fremden, der wie Kevin Costner mit dem Wolf per du ist, ist unter den Einheimischen immer wieder die Rede. Da wurde auch über einen ominösen Großgrundbesitzer gemunkelt, vielleicht gar ein ehemaliger SS-Mann, der das Untier, mit Ultraschall ferngesteuert, zum Marodieren ausschicke. Immerhin hat der örtliche Bauernverband jetzt Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

An mysteriöse Drahtzieher glaubt auch Gerard Mathieu, Friseur aus Vittel, einem Kur-Örtchen in den Vogesen, das die Republik mit seinem auf Plastikflaschen gezogenen Quellwasser versorgt. Viel wichtiger als Kamm und Schere nimmt Mathieu derzeit sein uraltes Ehrenamt, das seit »Charlemagne« existiert: Der Freizeitjäger ist Leutnant der historischen Wolfsgarde, die einst die Dörfler und ihre Herden vor »Ysengrin« zu schützen beauftragt war. Bis zum Auftauchen des Vogesenwolfs in der Gegend um Senonges und Vittel organisierte Mathieu Feldzüge gegen mancherlei anderes unnütze Getier; nun leitet er die Suche nach dem Wolf.

Daß dessen Zottelpelz unversehrt bleiben müsse, hat, unter Hinweis auf die Berner Schutz-Konvention, das Pariser Umweltministerium betont. Vor den einsamen Freigänger stellt sich auch, unterstützt vom Naturfreund Sadronddin Aga Khan, Frankreichs passionierte Tier-Patronin Brigitte Bardot. Wer ihr den Wolf lebend bringt, bekommt 10 000 Francs.

Die Aufregung über den Wolf hat gerade in Frankreich Tradition: Als »Bestie von Gevaudan« wurde ein Wolf legendär, der im 18. Jahrhundert in den Provinzen Auvergne und Languedoc gewütet haben soll. Gigantische Treibjagden auf den mutmaßlichen Menschenfresser, an denen sich die besten Jäger des Königs und bis zu 20 000 Bauern beteiligten, machten das Fabelwesen zur Berühmtheit - leibhaftig gesehen oder gar gefangen wurde es nie.

Die alten Gruselgeschichten künden von grundlosen, aber nicht auszurottenden atavistischen Ängsten, meint Erik Zimen, Wolfsforscher aus der Schule von Konrad Lorenz, der Wolfsprojekte im Bayerischen Wald und in den Abruzzen betreute und, zu Forschungszwecken, auch im Rudel mitheulte.

»Übertragungen menschlicher Vorstellungen, falsch gedeutete wölfische Verhaltensweisen und Sensationslust«, so Zimen, haben den menschenscheuen Jäger seit jeher zum erbarmungslos Gejagten gemacht. Mit generalstabsmäßigem Aufgebot wurden noch die neun Wölfe verfolgt und erlegt, die im Winter 1976 aus einem Gehege im Nationalpark Bayerischer Wald ausgebrochen waren.

Der angestammte Haß auf den Wolf hat sich bei den Bauern und Schäfern der Abruzzen erst gelegt, seit der Staat für gelegentliche Schäden durch die mühsam wieder eingebürgerten rund 400 Wölfe aus dem dortigen Nationalpark haftet.

Mittlerweile kommt es öfter vor, daß Tiere von dort, aber auch aus Europas Osten über die Grenzen wandern. So wurden 1987 einige Exemplare in den französischen Seealpen gesichtet. Ebenfalls im dünnbesiedelten Brandenburg, aber auch in Hessen und Bayern sind in jüngster Zeit Wölfe aufgetaucht.

Ein Einzelgänger, den es aus der Tatra über Böhmen bis in Frankreichs Osten verschlagen hat, sei wahrscheinlich auch der Vogesenwolf, vermutet Zimen. Der Wissenschaftler, der gerade einen Film über Europas Wölfe dreht, ist soeben an Ort und Stelle gewesen, um auch dem jüngsten Wolfsspektakel nachzuspüren.

Begegnet ist er, in der Gegend um Senonges und Vittel, dem Wolf persönlich nicht, nur den aufgeregten Anwohnern. Immerhin konnte Zimen, anhand des Videofilms, eine der vielen heißdiskutierten Fragen klären.

Es handelt sich um ein Männchen - obwohl niemand den »Pinsel« zwischen den Beinen entdecken konnte und das Tier hockend, also nach Art der Weibchen, pinkelte. So tun es auch noch die jungen Rüden, bevor sie später das Bein heben, sagt Zimen.

Der Vogesenwolf, so der Befund des Fachmanns, sei ein »sehr kräftiger Rüde, der sein Rudel mit etwa eineinhalb Jahren verlassen hat - das sind die Tiere, die bevorzugt wandern«. Y

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