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SPIEGEL-STREITGESPRÄCH »Bulldozer gegen Rhododendron«

Der Ökologe Josef Reichholf und der Tropenmediziner Rüdiger Disko über die Gefährlichkeit eingeschleppter Tier- und Pflanzenarten, fremdenfeindliche Naturschützer und gefräßige Kröten in australischen Zuckerrohrfeldern
aus DER SPIEGEL 1/1999

SPIEGEL: Herr Professor Disko, Herr Professor Reichholf, viele Ökologen warnen, daß fremde Tier- und Pflanzenarten die heimische Artenvielfalt bedrohen. Manche beklagen gar eine »McDonaldisierung« der Natur. Sehen Sie diese Gefahr auch in Mitteleuropa?

Disko: Selbstverständlich. Diese Entwicklung ist bereits eingetreten, wenn auch mit nicht ganz so katastrophalen Folgen wie auf anderen Kontinenten. In Europa macht beispielsweise der Marderhund Probleme. Er kommt ursprünglich aus Nordchina und Ostsibirien und wurde vor dem Zweiten Weltkrieg als Pelztier in den Westen gebracht. Dann ist er aus den Pelzfarmen entwischt und hat sich bis nach Frankreich ausgebreitet. Jetzt richtet er ungeheure Schäden in der Vogelwelt an, etwa im Donaudelta. Ein großes Übel ist auch der Riesenbärenklau. Diese Staude wächst in Massen an Waldrändern und Bachufern, unterdrückt alles andere und ist hochgiftig. Bei Sonnenschein verursacht sie Verbrennungen wie mit dem Bügeleisen. Weitere Arten, die sich ungehemmt ausbreiten, sind die Dreikantmuschel, das Indische Springkraut und - ganz schlimm - der Japanknöterich.

Reichholf: Der Riesenbärenklau ist der einzige Fall, der wirklich negative Auswirkungen hat. Der Marderhund ist merkwürdigerweise nur bei Jägern unbeliebt. Ich kenne keine wissenschaftliche Untersuchung, die belegt, daß er der einheimischen Tierwelt schadet. Es gibt im übrigen viele Arten, die schon vor Jahrhunderten nach Europa gekommen sind, keinerlei Schäden anrichten und heute ganz selbstverständlich zu unserer Flora und Fauna gehören - die Türkentaube etwa oder der Girlitz, der um die Jahrhundertwende aus dem Mittelmeerraum zu uns kam. Manche dieser Arten stehen sogar unter Naturschutz, wie die Feldlerche, der Vogel des Jahres 1998. Sie stammt aus den Steppen im Südosten Europas und konnte erst nach der Rodung der mitteleuropäischen Wälder einwandern.

Disko: Sie unterscheiden nicht zwischen vom Menschen eingeschleppten Arten und solchen, die von selbst eingewandert sind. Niemand hat etwas dagegen, daß Türkentaube und Girlitz zu uns gekommen sind. Aber andere Arten hätten es ohne den menschlichen Transport nicht geschafft. Der Japanknöterich zum Beispiel stellt für Sie kein Problem dar? Er verdrängt alle anderen Pflanzen. Ich habe im Elsaß und im Schwarzwald Bachufer gesehen, an denen über 15 Kilometer hinweg nichts anderes mehr wächst. Früher gedieh dort eine abwechslungsreiche Ufervegetation.

Reichholf: Da stört Sie nur das Bild.

Disko: Nein, mir fehlt die Artenvielfalt.

Reichholf: Betrachten Sie den Knöterich doch einmal aus der Sicht von Kleinvögeln und Mäusen. Für diese Tiere ist er ein phantastischer Schutz. Es ist nur eine Geschmacksfrage, ob an einem Ufer kilometerweit heimisches Rohrglanzgras wächst oder der Japanknöterich.

Disko: Natürlich finden Sie immer Arten, die von einer solchen Monotonisierung profitieren - und seien es Bakterien, die von einer Leiche leben. Sie propagieren einen totalen Relativismus. Für Sie kennt die Ökologie offenbar keine Unterschiede, alle Arten sind gleich gut. Hauptsache, es rührt sich etwas. Wenn Sie diese Argumentation konsequent fortführen, können Sie sogar den Atomkrieg bejahen. Den werden vielleicht auch irgendwelche Schaben überstehen, und das Leben geht weiter.

Reichholf: Warum breitet sich denn eine Art wie der Japanknöterich bei uns so stark aus? Das ist doch ein Zeichen dafür, daß die Gewässer durch menschliche Umweltsünden mit Nährstoffen überfrachtet sind. Sonst würde er von anderen Pflanzen unterdrückt. Ähnliches gilt für den Riesenbärenklau, der vor allem in massiv vom Menschen beeinflußten Bereichen wuchert, etwa entlang von Straßen und Böschungen. Monotone Vegetation gibt es aber auch von Natur aus, zum Beispiel die völlig einförmigen Silberweidenbestände

an sedimentreichen Alpenflüssen. Ich wehre mich dagegen, eine Art nur deswegen zu verteufeln, weil sie bei uns ursprünglich nicht vorkam.

Disko: Natürlich ist eine Art als solche niemals verwerflich. Trotzdem kann sie dort, wo sie nicht hingehört, Unheil anrichten. Nehmen Sie zum Beispiel die Bisamratte. Einst hat Fürst Colloredo-Mannsfeld eine Handvoll dieser Tiere von einem Jagdausflug aus Kanada mitgebracht. Heute haben sie sich in großen Teilen Mitteleuropas ausgebreitet. Die Bisamratte ist ein optimaler Wirt des Fuchsbandwurms, weil sie gern von Füchsen gefressen wird. In ihrer Heimat Amerika spielt sie diese Rolle nicht, weil der Bandwurm dort nur vereinzelt vorkommt. Als Tropenmediziner kenne ich eine Vielzahl ähnlich gelagerter Fälle.

Reichholf: Ich bestreite nicht, daß manche Arten wirtschaftliche Schäden verursachen oder auch gesundheitliche, indem sie die Ausbreitung von Parasiten begünstigen. Ich wende mich aber gegen eine zweigeteilte Ökologie. Die Bisamratte hat es aus historischen Gründen nicht geschafft, über die

* Mit einer Muschelkolonie.

Das Gespräch führten Alexandra Rigos und Johann Grolle.

Beringstraße von Nordamerika nach Eurasien einzuwandern - im Gegensatz zu einer großen Zahl anderer Tiere. In Nordamerika füllt sie eine ökologische Nische zwischen Schermaus und Biber, die in Europa frei blieb. Warum also sollte die Bisamratte auf der einen Seite des Atlantiks als notwendiger Teil des Ökosystems gelten, hier aber als unerwünschter Fremdling?

Disko: Es gibt Gründe dafür, daß bestimmte Arten sich an bestimmten Stellen entwickelt haben und anderswo nicht. Der Mensch bringt dieses räumliche und zeitliche Gefüge durcheinander. Und dieses Problem spitzt sich durch die Globalisierung immer weiter zu.

Reichholf: Die großen Umwälzungen sind doch in den letzten Jahrhunderten passiert, als die Europäer die Welt besiedelt haben. Damals haben sie die ganzen europäischen Arten nach Australien und Amerika eingeführt.

SPIEGEL: Die Verbreitung eingeschleppter Arten gilt nach der Zerstörung von Lebensräumen als zweitwichtigste Ursache für den weltweiten Artenschwund. Ist das für Sie nicht mehr aktuell?

Reichholf: Heute ist dieser Prozeß auf jeden Fall besser unter Kontrolle als in früheren Jahrhunderten. In Mitteleuropa spielt diese Frage überhaupt keine Rolle. Wenn wir die Problematik allerdings weltweit betrachten, ist Kontrolle in der Tat wichtig. Besonders anfällig sind Arten auf Inseln. Erstens, weil sie naturgemäß nur in sehr kleinen Beständen vorkommen; zweitens, weil auf Inseln meist weniger Arten leben als in vergleichbaren Lebensräumen auf dem Festland und deshalb der Konkurrenzdruck geringer ist. Eingeschleppte, konkurrenzstarke Arten wie Ratten, Ziegen oder auch die Agakröte im Pazifik können den Inselbewohnern schwer zu schaffen machen.

Disko: Auf dem Kontinent Australien stellt die Agakröte also keine Gefahr dar?

Reichholf: Nur in Zuckerrohrfeldern.

Disko: Sie irren sich. Die Agakröte breitet sich überall aus und bedroht auch den Kakadu-Nationalpark, wo es weit und breit kein Zuckerrohr gibt. Warum hängen denn an australischen Polizeistationen und Schulen Warnplakate? Warum muß man es den Behörden melden, wenn man eine Agakröte findet? Diese Kröten fressen alles kurz und klein.

Reichholf: Am schlimmsten war es in Zuckerrohrpflanzungen, wo der Mensch die Natur durch Bewirtschaftung massiv verändert hat. Daß dieser Druck von außen dann auch kleine Refugien der Natur gefährden kann, bestreite ich nicht. Das ist eine ähnliche Situation wie auf Inseln. Aber auf Inseln herrschen eben andere ökologische Gesetzmäßigkeiten als bei uns.

SPIEGEL: Droht also auf dem Festland von exotischen Arten keine Gefahr für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt?

Disko: Ganz im Gegenteil, wie die Hilferufe amerikanischer Ökologen zeigen. Erst kürzlich haben 150 hochkarätige US-Wissenschaftler einen Aufruf an Vizepräsident Al Gore gerichtet und gefordert, eine »task force« einzurichten, um eingeschleppte Arten unter Kontrolle zu bringen. Die amerikanische Naturschutzorganisation »The Nature Conservancy« prangerte die zwölf expansivsten fremden Arten als »The Dirty Dozen« an, das dreckige Dutzend. Und da geht es keineswegs um isolierte Inseln, sondern um Invasionen auf dem Kontinent.

Reichholf: Die Ausgangslage in Nordamerika ist anders als bei uns. Grund ist die Eiszeit, die in Westeuropa und im Kaukasusgebiet die Lebensräume sehr viel stärker schrumpfen ließ als in Ostasien oder Nordamerika. Folglich starben hier viel mehr Arten aus, die europäische Flora und Fauna verarmte. Wer das überlebte, hatte eine extreme natürliche Selektion durchlaufen und war besonders fit und konkurrenzstark. Wenn solche Tiere oder Pflanzen nun Nordamerika erreichen, breiten sie sich natürlich kräftig aus. Aber nicht jede fremde Art, die zu uns kommt, verhält sich wie die europäischen, die wir in alle Welt exportiert haben.

Disko: Es gibt Gegenbeispiele. Das amerikanische Grauhörnchen bringt in Großbritannien das europäische Eichhörnchen an den Rand der Ausrottung. Ich habe im Central Park in New York oftmals beobachtet, wie dreist sich diese Tiere verhalten: Sie sind einfach stärker, größer und frecher als unsere Eichhörnchen.

Reichholf: Ein Ausnahmefall.

Disko: Und der wildwuchernde asiatische Rhododendron in Großbritannien und Irland? Im ganzen Land geht man mit Bulldozern, Gift und Feuer gegen diese Plage an. Ist das auch eine Ausnahme?

Reichholf: Sehen Sie doch der Realität ins Auge. Wir haben auf 99 Prozent der Fläche Deutschlands keine natürliche Vegetation mehr. Alles ist vom Menschen verändert. Die Wälder sind gepflanzte Forste. Felder, Straßen und Städte haben mit Natur noch weniger zu tun. Das gilt auch für weite Teile Englands. Wo heute der Rhododendron wuchert, gedieh früher Heidekraut. Das war ebensowenig natürlich, sondern eine Folge von Waldvernichtung und Beweidung. Nur weil uns eine Heidelandschaft besser gefällt, ist doch die Art Rhododendron keine schlechte.

Disko: Es gibt keine schlechte Art. Sie ist nur am falschen Ort ein Übel.

Reichholf: Und wir legen fest, welcher Ort der richtige ist. Das ist überheblich. Versetzen wir uns doch 200 Jahre in die Vergangenheit. Nach Ihrer Ideologie müßten wir alle Arten, die inzwischen bei uns heimisch geworden sind, als fremd einstufen und ablehnen.

SPIEGEL: Sie sehen in der Diskussion auch ideologische Motive?

Reichholf: Die scharfe Trennung von heimisch und fremd ist die ideologische Fortsetzung der Denkweise im Dritten Reich. Herr Disko operiert mit Begriffen, die einem Jargon entstammen, den gerade wir Wissenschaftler unter allen Umständen vermeiden sollten. Es wäre fatal, unter dem Deckmantel der Ökologie Fremdenfeindlichkeit zu schüren. Als Deutsche sollten wir da besondere Sensibilität zeigen.

Disko: Da geht es doch um vollkommen verschiedene Dinge. Letztlich vertreten doch Sie eine bedenkliche Ideologie, nämlich das Recht des Stärkeren. Ihnen zufolge haben die Erfolgreichen der Evolution das Recht, die Schwächeren zu verdrängen. Ich hingegen bin der Meinung, wir sind verpflichtet, schwächere Arten vor aggressiven Allerweltsarten zu schützen.

SPIEGEL: Wie läßt sich denn verhindern, daß ein exotischer Einwanderer zum Artenkiller wird?

Reichholf: Gar nicht, weil man es schlicht nicht voraussehen kann. In unseren Städten wachsen Hunderte, vielleicht Tausende fremder Pflanzen wild. Trotzdem haben die meisten bis heute nicht das Umland erobert. Sollen wir alle Pflanzen und Tiere bekämpfen, die in den letzten 10, 50 oder 100 Jahren nach Mitteleuropa gekommen sind? Jede Festlegung wäre willkürlich. Ich meine, wenn eine fremde Art tatsächlich Schaden anrichtet, sollte derjenige haften, der sie absichtlich eingeführt hat.

Disko: Da kann ich ja nur lachen. Meist sind die Verursacher doch überhaupt nicht auszumachen. Und selbst wenn das einmal möglich ist: Wollen Sie die Familie Colloredo-Mannsfeld für alle Schäden zur Verantwortung ziehen, die durch die Bisamratten entstanden sind? Außerdem würde das auch nichts nützen. Was einmal hier ist, bekommen wir nicht mehr weg. Deshalb fordere ich Prophylaxe und Aufklärung. Zum Beispiel müßte man unterbinden, daß Leute exotische Tiere aus dem Urlaub mitbringen. Und damit Schiffe keine Meerestiere als blinde Passagiere befördern, sollten sie auf hoher See ihr Ballastwasser wechseln.

Reichholf: Die wahre Ursache der explosiven Vermehrung einiger fremder - und auch heimischer - Arten ist doch die Landwirtschaft. In Mitteleuropa werden gegenwärtig 100 Kilogramm Stickstoff pro Hektar zuviel ausgebracht. Das bereitet den Boden für die Massenentwicklung einiger konkurrenzstarker Arten. 70 bis 75 Prozent des Artenschwunds gehen auf das Konto der Landwirtschaft. Da finde ich es unmöglich, wenn Naturschützer ihre Kräfte auf Nebenkriegsschauplätzen verschleißen und der Öffentlichkeit weismachen, alles wäre in Ordnung, wenn es bloß diese verdammten fremden Arten hier nicht gäbe.

Disko: In puncto Landwirtschaft gebe ich Ihnen ja recht. Aber Sie können nicht alles auf den Stickstoff reduzieren. Gegen das eine zu sein, schließt den Kampf gegen das andere nicht aus.

SPIEGEL: Herr Professor Disko, Herr Professor Reichholf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit einer Muschelkolonie.Das Gespräch führten Alexandra Rigos und Johann Grolle.

Alexandra Rigos

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