Gelockerte Maßnahmen Das Ende von »Null Covid« in China – und was es bedeutet

Die Regierung in Peking lockert die Coronamaßnahmen, angeblich aus rein wissenschaftlichen Motiven. Das Virus könnte in China gar einen anderen Namen bekommen. Was steht dem Land nun bevor?
Teststation in Shanghai: Nur 60 Prozent der Menschen in China sind dreifach geimpft – und die Booster liegen oft Monate zurück

Teststation in Shanghai: Nur 60 Prozent der Menschen in China sind dreifach geimpft – und die Booster liegen oft Monate zurück

Foto: Aly Song / REUTERS

Tagelang hatte es sich angekündigt, nun steht die Entscheidung: China lockert die Coronamaßnahmen und verlässt damit den Pfad der Null-Covid-Strategie. Infizierte Menschen dürfen nun auch zu Hause in Quarantäne und müssen nicht mehr in eigens dafür eingerichteten Unterkünften verharren. Künftig sollen auch nicht mehr ganze Stadtgebiete abgeriegelt werden.

Im Vergleich zu den Maßnahmen in Deutschland, wo teilweise nicht mal mehr in Bus und Bahn die Maskenpflicht gilt und Infizierte nicht mehr zu Hause bleiben müssen, bleiben die Einschränkungen in China streng. So soll es etwa weiterhin möglich sein, ganze Wohngebäude unter Quarantäne zu stellen.

Xi persönlich soll auf Null-Covid-Linie bestanden haben

Der Versuch, das Virus komplett zu unterdrücken, ist gescheitert. Schon länger waren sich selbst chinesische Pandemieexperten einig, dass die Strategie nicht aufgeht. Staatschef Xi Jinping aber soll persönlich darauf bestanden haben, die Null-Covid-Linie weiter durchzuziehen. (Mehr dazu lesen Sie hier .) Woher kommt nun der Umschwung?

Die Realität hat offenbar auch Xi eingeholt. Seit ein paar Wochen wird China von der größten Coronawelle seit Beginn der Pandemie heimgesucht. Die Gesundheitskommission berichtete am Mittwoch von rund 25.000 Neuinfektionen an einem Tag. Auch wenn die Zahlen seit Tagen rückläufig sind: Das Virus wird sich kaum noch aufhalten lassen.

Offiziell bemüht die chinesische Regierung wissenschaftliche Erklärungen für die Lockerungen. Das Virus habe sich verändert, hieß es. Mehr als 95 Prozent der Fälle in China seien asymptomatisch und verliefen mild, die Sterblichkeitsrate sei gering. Ein Festhalten an der Einordnung des Virus entspreche nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen, zitiert die chinesische Nachrichtenagentur Yicai einen Experten für Infektionskrankheiten – wer genau das gesagt hat, bleibt ein Geheimnis. Der Experte wird unter »Wahrung der Anonymität« zitiert.

Covid-19 hat sich »dramatisch verändert«

Tatsächlich führen die Omikron-Linien des Coronavirus in der Tendenz zu weniger schwerwiegenden Verläufen, das zeigte erst jüngst eine Analyse  aus Südafrika. Das Sterberisiko ist demnach deutlich gesunken. »Covid-19 begleitet uns noch immer«, schrieb Paul Sax, Infektiologe an der Harvard Medical School, über die Analyse bei Twitter. »Aber die Krankheit hat sich dramatisch verändert.«

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Handelt China also nur konsequent? An dieser Lesart gibt es Zweifel, aus zwei Gründen: Omikron ist nicht erst seit gestern in China unterwegs und das Land befindet sich in einer außergewöhnlichen Lage in der Pandemie. Ob unter diesen Umständen Omikron tatsächlich so harmlos sein wird wie erhofft, erscheint mindestens zweifelhaft.

»Hebt den Lockdown auf«

Schon lange ist bekannt, dass Omikron in der Tendenz zu weniger schwerwiegenden Verläufen führt. Peking hätte die Entscheidung für weniger strenge Maßnahmen also schon früher treffen können. Neu sind dagegen die landesweiten Proteste , die sich auch gegen die harten Covid-Maßnahmen richten. »Hebt den Lockdown auf« und »Wir wollen keine PCR-Tests, wir wollen Freiheit«, forderten Menschen im Land bei den ersten größeren Protesten nach Jahrzehnten.

Und: Die Lockdowns würgen die chinesische Wirtschaft ab. Sie betrafen zuletzt einige Hundert Millionen Menschen, das wirtschaftliche Wachstum kam im November praktisch zum Stillstand. Der Außenhandel erlebte den stärksten Einbruch seit Beginn der Pandemie. Und die ständigen Tests und Kontrollen sind teuer. Mit den Lockerungen könnte die chinesische Regierung die Proteste befrieden und gleichzeitig das wirtschaftliche Wachstum sichern. Doch was bedeutet das für die Pandemie?

Covid in China

Booster liegen schon Monate zurück

China steckt in einer schwierigen Lage: Nur 60 Prozent der Bevölkerung sind dreimal gegen das Virus geimpft. Und bei vielen liegt auch die dritte Impfung schon Monate zurück. Dabei ist bekannt, dass die in China zugelassenen Impfstoffe am besten vor schweren Krankheitsverläufen schützen, wenn sie dreimal verabreicht worden sind. Und selbst dann wirken sie laut Studien weniger zuverlässig als mRNA-Impfstoffe, die aber bisher noch nicht für die einheimische Bevölkerung in China zugelassen sind.

Gleichzeitig haben sich bisher nur wenige Menschen in China mit dem Virus infiziert, der Immunschutz in der allgemeinen Bevölkerung ist gering. Was dann passieren kann, zeigte der Ausbruch in Hongkong Anfang des Jahres. Laut Schätzungen soll sich fast die Hälfte der Bevölkerung infiziert haben, 9000 Menschen starben, berichtet »The Atlantic« .

»Die Lage in China ist vergleichbar mit der in Europa im Frühjahr 2021, als ein Großteil der Bevölkerungen noch nicht geimpft war«, sagte Björn Meyer, Leiter der Arbeitsgruppe Virusevolution vom Universitätsklinikum Magdeburg, am Mittwoch der dpa. »Man testet vorsichtig aus, inwieweit man sich Lockerungen erlauben kann, und nimmt Maßnahmen langsam und möglichst kontrolliert zurück.«

Wird das Virus umbenannt?

Die große Frage sei jetzt, wie gut die Immunität in China wirklich ist. »Wir wissen kaum, wie es in kleineren Städten und Dörfern aussieht und ob es dort nicht unter dem Radar doch schon mehr Infektionen gegeben hat.« Sehr strenge Lockdowns seien schließlich geografisch begrenzt gewesen, außerhalb von Ausbrüchen scheine das Leben oft recht normal weitergelaufen zu sein. Auch die Verbreitung anderer Krankheitserreger sei nicht in ganz China komplett erstickt worden.

China könnte derweil versuchen, die Covid-Geschichte umzuschreiben. Gu Xiaohong von der chinesischen Vereinigung für Chinesische Medizin hat vorgeschlagen, den chinesischen Namen des Coronavirus zu ändern, der ihn als Erreger einer Lungenkrankheit ausweist. Stattdessen könne es schlicht als infektiöses Virus bezeichnet werden, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters .

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Doch längst nicht alle Wissenschaftler wollen in den Entwarnungskanon einstimmen. Wenn China öffnet, bevor die Impfquote steigt, müsse sich das Land auf Infektionen als Booster verlassen, warnte der bekannte Gesundheitsexperte Yanzhong Huang vom Council on Foreign Relations in Washington. 60 Prozent der Bevölkerung könnten sich infizieren. Erst vergangene Woche sagte er dem SPIEGEL , China sei mit einer »Verliererstrategie all-in gegangen«.

Auch Siddharth Sridhar, Virologe an der Hongkong Universität, zweifelt, dass Omikron gänzlich ungefährlich für China ist. Selbst wenn 95 Prozent der Fälle asymptomatisch seien, reichten bei einem massiven Anstieg der Infektionen die übrigen fünf Prozent, um das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenze zu bringen.

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Fraglich ist zudem, ob sich womöglich neue Varianten ausbreiten werden, wenn das Virus in China nun auf Millionen Menschen ohne ausreichenden Immunschutz trifft. »Das Virus kann sich immer dann besonders gut entwickeln, wenn es sehr viele Infektionen gibt«, sagte Christian Drosten mit Blick auf China im Interview mit der »Zeit« .

Durch die Lockerungen drohe jetzt eine Infektionswelle, sagte auch ein europäischer Gesundheitsexperte in Peking laut dpa. Es gehe darum, die Kurve der Infektionen »flach zu halten«. Der Experte sprach von »einem Rennen zwischen dem Virus und den Impfungen – mit etwas unbekanntem Ausgang in Bezug auf die Zahl der Toten«.

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Mit Material von dpa

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