Corona-Variante B.1.1.7 Virologen sehen kurzes Zeitfenster, um Mutante im Keim zu ersticken

»Wir müssen jetzt was machen«: Der Virologe Christian Drosten hält es für möglich, die in Großbritannien entdeckte Corona-Mutation einzudämmen. Für entscheidend hält seine Kollegin Ulrike Protzer das Verhalten der Bürger.
Analyse von Virenproben an der Universität Aalborg in Dänemark

Analyse von Virenproben an der Universität Aalborg in Dänemark

Foto: HENNING BAGGER/EPA-EFE/Shutterstock

20 Fälle in sechs Bundesländern – so oft wurde die in Großbritannien entdeckte Corona-Variante B.1.1.7 laut Robert Koch-Institut (RKI) bisher in Deutschland nachgewiesen (Stand 17.1., 0 Uhr). Es handelt sich dabei unter anderem um eingeschleppte Fälle über die Weihnachtstage.

Die Zahlen sind wohl auch deswegen so niedrig, weil in Deutschland das komplette Erbgut des Sars-CoV-2-Erregers bislang nur selten entschlüsselt wird. Das soll sich, das ist der erklärte Wille der Politik, so schnell wie möglich ändern . Bis zu zehn Prozent aller Proben, die positiv auf das Coronavirus getestet worden waren, sollen künftig sequenziert werden.

Wie viele Fälle mit der Mutante B.1.1.7 es tatsächlich aktuell in Deutschland gibt, lässt sich nicht sagen. In Dänemark, wo bereits deutlich mehr Corona-Proben sequenziert werden, ist die besorgniserregende Variante aktuell in sieben Prozent der untersuchten Infektionsfälle nachgewiesen worden . Der Anteil steigt aber kontinuierlich, in der Vorwoche war B.1.1.7 nur in 3,9 Prozent der untersuchten Proben gefunden worden. Für Deutschland geht der Virologe Christian Drosten von der Charité nach eigenem Bekunden dagegen davon aus, dass die Mutante nur ungefähr ein Prozent oder weniger der aktuellen Fälle ausmacht.

»Wir müssen jetzt was machen«

Er sehe jetzt ein Zeitfenster, um die Ausbreitung hierzulande im Keim zu ersticken, sagte Drosten in seinem NDR-Podcast . »Wir müssen jetzt was machen, wenn wir speziell das Aufkeimen der Mutante in Deutschland noch beeinflussen wollen. Später kann man das nicht mehr gutmachen, dann ist es zu spät.« In Großbritannien hätten Lockdown-Maßnahmen bereits Effekte gezeigt. Tatsächlich sanken die Infektionszahlen dort in den vergangenen Tagen wieder, nachdem sie – nicht zuletzt durch das Vordringen von B.1.1.7 – zuvor massiv in die Höhe geschnellt waren.

In Deutschland habe man den Vorteil, »dass wir nicht erst von diesem hohen Gipfel wie in England runtermüssen«, so Drosten. Stattdessen habe man »mit den gängigen Maßnahmen« die Chance, einen Anstieg der Fälle mit der Mutante hierzulande zu verhindern, sagte Drosten.

Anhand nun vorliegender Daten  ist für den Virologen anzunehmen, dass die Variante tatsächlich ansteckender ist als frühere Formen. »Wir haben den Befund auf dem Tisch. Wir haben es mit einer Mutante zu tun, die sich schneller verbreitet. Das quantitative Ausmaß, das muss man tatsächlich noch mal diskutieren.« Die Variante ist nach Einschätzung Drostens um einen kleineren Prozentsatz ansteckender als zunächst angenommen – anfangs war von 50 bis 70 Prozent im Vergleich zu früheren Formen die Rede. Je nach Land scheinen die Befunde aktuell eher auf 40 bis 50 Prozent hinzudeuten.

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Maßnahmen bringen nur etwas, wenn Menschen sich daran halten

Bund und Länder hatten nach stundenlangen Beratungen am Dienstagabend die bestehenden Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie bis zum 14. Februar verlängert. Die oft genutzten Alltagsmasken aus Stoff reichen künftig vielerorts nicht mehr aus. In Bus und Bahn sowie beim Einkaufen müssen die besser schützenden FFP2-Masken oder OP-Masken getragen werden.

Wie die Menschen mit den Corona-Regeln umgehen, dürfte den Kampf gegen die Pandemie entscheidend beeinflussen: Die Münchner Virologin Ulrike Protzer sieht in der Nachlässigkeit beim Umsetzen der Maßnahmen tatsächlich eine größere Gefahr als durch die Mutante. »Die neue Variante birgt ein erhöhtes Risiko, sich im Eins-zu-eins-Kontakt anzustecken«, sagte die Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München und an der Technischen Universität München. »Aber: Der Eins-zu-eins-Kontakt muss überhaupt erst mal passieren. Und er muss so passieren, dass der Abstand nicht ausreichend gewahrt wird oder dass Masken nicht getragen werden.«

Nur dann könne es wirklich zu einer Übertragung kommen, so Protzer. Dann allerdings scheine das Ansteckungsrisiko mit der neuen Variante tatsächlich größer zu sein. Wichtig sei es daher, die Maske in entsprechenden Situationen aufzubehalten und nicht zwischendurch abzusetzen. Dass ein wirksamer Schutz möglich sei, zeigten Erfahrungen im Klinikum, sagte Protzer. Dort hätten sich Mitarbeiter am seltensten in dem Bereich angesteckt, in dem Corona-Patienten behandelt wurden.

chs/dpa
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