Stefan Rahmstorf

»Climate Fiction« Wie wir uns die Klimazukunft besser vorstellen können

Stefan Rahmstorf
Ein Beitrag von Stefan Rahmstorf
Trotz genauester Klimaprognosen vermag die Wissenschaft kaum, die Lebenswelt der Zukunft zu imaginieren. Die Literatur kann da helfen. Drei Anregungen.
Es erstaunlich lange gedauert, bis Cli-Fi aus der Nische herausfand und sich die Literatur in nennenswertem Ausmaß mit dem Klimawandel beschäftigte

Es erstaunlich lange gedauert, bis Cli-Fi aus der Nische herausfand und sich die Literatur in nennenswertem Ausmaß mit dem Klimawandel beschäftigte

Foto: Andriy Onufriyenko / Getty Images

Nach dem Rekord-Dürresommer in Europa und den zahlreichen Wetterextremen auf anderen Kontinenten treibt immer mehr Menschen die Frage um: Wie wird sich mein Leben weiterentwickeln, wo stehe ich zwischen den sich zunehmenden Klimafolgen und den Konsequenzen aus sich verschärfender Klimapolitik? Gerade jetzt durchlebt die Menschheit eine Zeitenwende, wir sehen, wie die großen Flüsse Po, Loire und Rhein zu Rinnsalen schrumpfen – aber nur Wenige können sich wohl vorstellen, was diese neue Zeit langfristig für sie bedeutet.

Die Wissenschaft vermag zwar die weitere Klimaentwicklung bei gegebenen Emissionen im Großen vorherzusagen – nicht aber wann und wo eine verheerende Hitze-, Dürre- oder Flutkatastrophe zuschlagen wird, und schon gar nicht wie die Menschen und die Politik reagieren werden. Das ist vielmehr der Stoff für Romanautoren – und die nehmen sich zunehmend des Themas an. Das Genre ist seit einem guten Jahrzehnt als „Climate Fiction“ bekannt, in Anlehnung an „Science Fiction“.

Jüngstes deutsches Beispiel ist der neue Thriller Die Welt Kippt von Heiko von Tschischwitz, dem Gründer des Grünstrom-Unternehmens Lichtblick. Die Ereignisse des Romans spielen in den Jahren 2024 – 2028, und im Zentrum steht die spannungsgeladene Geschichte einer Freundschaft zwischen der jungen Klima-Aktivistin Tessa Hansen und der erfolgreichen Unternehmerin Shannon O‘Reilly, die Venture-Kapital in Startups im Bereich Klimaschutz investiert. Beide engagieren sich für dieselbe Sache, aber mit sehr verschiedenen Methoden. Zu den weiteren Figuren des Romans zählen ein grüner Bundeskanzler (man denkt dabei zwangsläufig an Robert Habeck), der US-Präsident und ein leitender chinesischer Technologie-Experte.

Übernutzung durch fossile Brennstoffe war in der Literatur schon 1933 ein Thema

Das Buch liest sich schnell und sehr spannend – perfekter Stoff für Leser, die einen süffigen Thriller lieben, einschließlich mehrerer Morde und einer Prise Erotik. En passent behandelt von Tschischwitz dabei aber realistisch und vielschichtig gesellschaftliche Debatten, etwa die Frage, inwieweit individuelle Menschenrechte dem kollektiven Nutzen untergeordnet werden sollten. Er drängt dabei keine Antworten auf, sondern überlässt es den Lesern, dazu eine eigene Haltung zu finden.

Schon 1933 schilderte der kanadische Autor Laurence Manning in seinem Roman The Man Who Awoke eine Zukunftswelt, in der das Klima durch die Übernutzung fossiler Brennstoffe ruiniert und die Wälder abgeholzt sind. (Ja, das Problem der Erderwärmung durch Kohlendioxid war 1933 längst Thema der Forschung.)

Dennoch hat es erstaunlich lange gedauert, bis zur Jahrtausendwende, bis Cli-Fi aus der Nische herausfand und sich die Literatur in nennenswertem Ausmaß mit dem Klimawandel beschäftigte – und zwar auch durch berühmte Autoren wie den Briten Ian McEwan in seinem Roman Solar (2010) . Vielleicht liegt es an der Scheu vieler Autoren, sich intensiver mit Naturwissenschaft zu befassen – eine Scheu, die man leider auch bei vielen Journalisten außerhalb der Wissenschaftsredaktionen beobachten kann. Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh diagnostizierte  2016 jedenfalls „ein breiteres Versagen von Imagination und Kultur im Herzen der Klimakrise“.

Hollywood war schneller als die Literatur

Das Hollywood-Kino hatte da weniger Berührungsängste, man denke nur an Roland Emmerichs Blockbuster The Day After Tomorrow von 2004. Das könnte an den spektakulären Kinobildern von Wirbelstürmen und Fluten liegen, die dieses Thema liefert. Wissenschaftliche Genauigkeit war da meist weniger wichtig .

Umso begrüßenswerter ist es, dass Autoren sich zunehmend ernsthaft mit der Klimakrise auseinandersetzen und auf Basis guter Recherche möglichst realistische Erzählungen entwickeln, die das Thema von der für viele Menschen immer noch abstrakten Bedrohung in den Bereich des konkret Vorstellbaren herunter holen.

In Die Welt Kippt betreibt China ein geheimnisvolles Großprojekt in Afrika, über dessen Sinn die westlichen Geheimdienste und Politiker rätseln. Zugleich liefert China einen extrem leistungsfähigen Quantencomputer nach Bologna für das große EU-Projekt Minerva, mit dem die künftige Klimaentwicklung mit nie gekannter Detailgenauigkeit und Zuverlässigkeit vorhergesagt werden soll. Ein solches EU-Projekt zur Schaffung eines „digitalen Zwillings“ der Erde gibt es tatsächlich, in der Realität heißt es Destination Earth oder kurz DestinE  – wobei in der Klimacommunity durchaus kontrovers diskutiert wird , ob das die beste Verwendung von (anfänglich) 150 Millionen Euro an Klimaforschungsmitteln ist.

Überhaupt hat von Tschischwitz gut recherchiert, er kennt sich aus. Sein Roman spielt absehbare Zukunftsentwicklungen durch und ähnelt dabei dem großen Roman Das Ministerium für die Zukunft des bekannten US-Autors Kim Stanley Robinson, der vor einem Jahr erschienen ist.

Eines dieser Themen sind Geoengineering-Maßnahmen – gezielte Eingriffe in das Erdsystem, um den Folgen des Klimawandels entgegenzuwirken. In beiden Romanen spielen Projekte eine Rolle, die den Meeresspiegelanstieg begrenzen sollen – denn bekanntlich wird der Meeresspiegel sonst Jahrhunderte weiter steigen, selbst nachdem die Welt Nullemissionen erreicht hat. Bei Robinson ist das ein Projekt, um künstlichen Schneefall auf der Antarktis zu erzeugen, wie es mein PIK-Kollege Anders Levermann vor einigen Jahren vorgeschlagen hat . Im Roman funktioniert das nicht, aber es wird eine Alternative auf Grönland entwickelt um den Gletscherfluss zu bremsen. Und es wird die spannende Frage behandelt, die auch Fachleute beschäftigt: was passiert, wenn ein einzelnes Land unilateral Aerosole in die Stratosphäre sprüht, um die Sonne zu dimmen?

Die Rolle Chinas und die Radikalisierung der Klimabewegung sind bestimmende Themen

Ein zweites Thema ist die Radikalisierung einiger der Betroffenen. Bei von Tschischwitz ist es die Klimaaktivistin Tessa, die sich zu Beginn des Buches mit hungerstreikenden Freunden an den Zaun des Kanzleramts kettet und dies im bewegenden Finale des Romans noch toppt (wie, soll hier nicht verraten werden). Bei Robinson ist es die indische Öko-Terrorgruppe Children of Kali, die nach einer Hitzeglocke mit Millionen Todesopfern in Indien darauf verfällt, gezielt die Privatjets (einfluss-)reicher Menschen mit Drohnen vom Himmel zu holen.

Beide Romane sind ähnlich gebaut, indem beide eine rasante fiktive Story auf mehreren Kontinenten vor einem realen Faktenhintergrund erzählen und dabei große Wertefragen behandeln, über die viele Leser noch länger nachdenken dürften. Sie erzählen die Zukunft aber nicht als Dystopie sondern machen Hoffnung, wie die nahende Klimakatastrophe noch abgewendet werden kann. Beide sind gut recherchiert und sachlich fundiert. Und beide sehen ganz unterschiedliche politische Entwicklungen vorher.

Bei Robinson gehört dazu eine im Pariser Klimavertrag angelegte neue Uno-Organisation für Klimaschutz mit dem Spitznamen Ministerium für die Zukunft, die im Zusammenspiel mit den Banken eine neue globale Währung namens Carboni entwickelt, in der durch Klimaschutz Geld geschöpft wird. Der Sitz dieses „Ministeriums“ ist Zürich, weshalb ein großer Teil des Romans dort spielt und dessen irische Chefin (sie erinnert mich an Christiana Figueres, eine treibende Kraft hinter dem Pariser Klimaabkommen) nach einer Morddrohung eine abenteuerliche Flucht zu Fuß durch die Alpen überstehen muss.

Bei von Tschischwitz spielt China eine entscheidende Rolle für die Klimawende. Als das Minerva-Projekt der EU erste Rechenergebnisse liefert, die einen raschen Zerfall des Antarktischen Eisschildes und den Anstieg des globalen Meeresspiegels um zwei Meter bis zum Jahr 2100 vorhersagen, gibt es einen Börsencrash und die Welt wacht endlich auf und beginnt die Klimakrise mit der überlebensnotwendigen Priorität zu behandeln.

An diesem Punkt habe ich allerdings doch Zweifel. Schon jetzt sagt der Weltklimarat IPCC in seinem aktuellen Bericht, dass zwei Meter bis 2100 nicht ausgeschlossen werden können. Ich fürchte, die Welt würde auch nicht wesentlich anders reagieren, wenn aus dieser Gefahr eine weitgehend sichere Vorhersage wird – zumal zwei Meter künftiger Anstieg auch heute schon fast sicher sind, nur eben nicht schon im Jahr 2100.

Der sehenswerte Spielfilm Don’t Look Up von Leonardo DiCaprio hat die heute ablaufenden gesellschaftlichen Verdrängungsmechanismen sehr anschaulich persifliert – am Beispiel der Reaktion auf einen Meteoriten, der auf die Erde zurast und sie mit großer Sicherheit weitgehend zerstören wird. Inzwischen kursieren im Netz diverse Filmclips  von echten TV-Interviews zur Klimakrise, die dem bizarren Interview mit zwei Forschern im Frühstücksfernsehen in Don’t Look Up erschreckend ähnlich sind.

Ich kann die genannten Romane jedem empfehlen. Solche Romane sind Fiktion, aber helfen eine andere Zukunft vorstellbar und mitfühlbar zu machen – sie leisten damit einen wichtigen Dienst dort, wo die nüchternen Datenkurven von uns Klimawissenschaftlern offenbar wenig bewirken.

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