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AUTOMOBILE Container auf Rädern

Mit dem neuen Mehrzweckmobil Kangoo beschwört Renault die Tugenden des spartanischen R4. Gelingt die Renaissance der minimalistischen Blechgurke?
aus DER SPIEGEL 43/1997

Daniel Pottier, 48, Projektmanager bei Renault, glaubt derzeit, kommerzielle Kräfte zu spüren, vergleichbar dem Sog der Gezeiten. »Der Markt«, sagt Pottier, »zieht den neuen Kangoo förmlich an.«

Das Automobil, das solchen Strömungen folgend auf den Käufer zutreibt, ist ein sperriges Gebilde, eine eigenartige Kreuzung aus Familienkutsche und Kleintransporter. Und genau darin, meint Pottier, liege seine Stärke.

Der 1,82 Meter hohe Kangoo soll über seine Eignung zum gewerblich genutzten Lastenträger hinaus junge Familien erfreuen, die über begrenzte Mittel und unhandliches Freizeitgerät verfügen, gepaart mit einem Hang zur ostentativen Prunkverweigerung, Kunden mithin, denen es gut in den Kram paßt, das gleiche Auto zu fahren wie der örtliche Gemüsehändler. In diesem Sinne, sagt Pottier, folge der Kangoo »dem Geist des Renault 4«.

Dieser fahrende Container von spartanischem Zuschnitt, der Ente von Citroën nachempfunden, leistete in den Sechzigern einen veritablen Beitrag zur Mobilmachung der Apo-Generation. Dank Frontantrieb, vier Türen und großer Heckklappe ein Musterbeispiel an Raumnutzung, war er wesentlich praktischer als sein deutscher Rivale, der VW-Käfer. Auch sein Benzinverbrauch (rund sieben Liter auf 100 Kilometer) lag deutlich unter dem des Volkswagens. Die Fachzeitschrift »Mot« pries den R4 als »das vernünftigste Auto des europäischen Automobilmarktes«.

Rund acht Millionen Renault 4 wurden zwischen 1961 und 1992 hergestellt. Die meisten davon sind inzwischen restlos hinwegkorrodiert.

Als Hippie-Gefährt wurde der R4 zur rollenden Ikone automobiler Gewaltlosigkeit. Ihre Fahrer stehen noch heute in dem Ruf, lethargische Treibanker des Straßenverkehrs zu steuern. Sorglos in dem an Gartenmobiliar erinnernden Sitz dösend, gurken sie auf der Überholspur einher, umzuckt von Xenon-Blitzen drängelnder PS-Protze.

Der R4 zementierte das latent unsportliche Markenprofil von Renault, an dem auch das Formel-1-Engagement der Marke nicht viel änderte. Der etwas holprige Werbeslogan, demzufolge Renault »Autos zum Leben« baut, unterstreicht bis heute die pazifistische Grundgesinnung des französischen Industriekonzerns.

Kangoo, laut Firmensprecher Werner Röser ein aus »Cargo, Twingo und Känguruh« fusionierter Kunstbegriff, soll Assoziationen kindlicher Nettigkeit wecken. Das knuffige Design verleihe dem hochgewachsenen Wagen die Anmutung eines »sympathischen Tieres« (Röser).

Motorisiert wurde der bullige Freizeit-Transporter folgerichtig eher zurückhaltend. Mit dem kleinen 1,2-Liter-Benzinmotor (60 PS) schleppt sich der Kangoo auf 140 km/h. Für etwas anspruchsvollere Kunden wird ein stärkerer Vierzylinder mit 75 PS angeboten. Zwei Dieselaggregate (55 und 65 PS) runden das karge Motorenprogramm ab. Die vom Werk angegebenen Verbrauchswerte liegen zwischen 6,7 (55-PS-Diesel) und 7,5 Litern (75-PS-Benziner) auf 100 Kilometer.

Das Platzangebot übersteigt das des einstigen Raumwunders R4 bei weitem - schließlich ist auch der allgemeine Standard in dieser Hinsicht gestiegen. So wartet der Kangoo mit einem weit überdurchschnittlichen Kofferraumvolumen von 650 Litern auf. Zum Vergleich: Ein Golf verfügt über 330 Liter. Bei umgelegten Rücksitzen ist für 2,7 Kubikmeter Platz. Sperrige Gegenstände, etwa Leitern oder Surfbretter, lassen sich durch eine Dachklappe am Wagenende ins Freie schieben.

Um den gewonnenen Raum im oberen Drittel einfacher nutzbar zu machen, besannen sich die Renault-Konstrukteure auf Errungenschaften des Waggonbaus der Eisenbahn. Über die Windschutzscheibe schraubten sie eine Ablage mit dem Volumen von drei gewöhnlichen Handschuhfächern. Im hinteren Passagierabteil läßt sich ein Gepäcknetz über den Sitzen aufspannen, in dem allerdings keine schweren oder harten Gegenstände untergebracht werden sollten: Beim Crash könnten sie zu tödlichen Geschossen werden.

Zwar verstärkt der immense Hohlraum der Kangoo-Karosserie die Motor- und Fahrgeräusche beachtlich und erzeugt somit beim Insassen das Gefühl, in einem blechernen Riesenkontrabaß zu sitzen. Doch solche Einschränkungen des Komforts sind wohl mit dem urigen Grundkonzept des Wagens verträglich, ebenso wie die schlichte Inneneinrichtung, die vielerorts lackiertes Blech sichtbar werden läßt.

Immerhin tritt der Kangoo in einer Preisklasse unterhalb wesentlich kleinerer Autos, etwa des VW Golf, an. In Frankreich wird das Basismodell in einer dreimonatigen Sonderaktion zum Verkaufsstart für 69 000 Franc (20 500 Mark) angeboten. Danach soll der Grundpreis auf 73 000 Franc steigen.

Der deutsche Importeur strebt ein Preisniveau knapp unter dem der Franzosen an wie bei den meisten Renault-Modellen, denn östlich des Rheins ist die Reputation der Marke niedriger. Für Feinabstimmungen bleibt noch etwas Zeit, denn der Kangoo kommt erst im nächsten Frühjahr zum deutschen Händler.

Völlig ungewiß ist derzeit, wie gut sich das verspielte Großraumgefährt verkaufen wird. Den Vertriebsexperten fehlt jeder Maßstab, denn es gibt keinen unmittelbaren Vorgänger dieses Fahrzeugtyps. Vorerst wurde die Fabrik im nordfranzösischen Maubeuge an der Grenze zu Belgien für eine Jahresproduktion von etwa 140 000 Exemplaren pro Jahr ausgelegt. Sollte unvermittelt das große Kangoo-Fieber ausbrechen, läßt sich die Kapazität mit einer zusätzlichen Schicht um weitere 100 000 Fahrzeuge steigern.

An einen Boom, wie ihn der R4 einst erlebte, wagt bei Renault allerdings keiner zu glauben. Im Jahr 1970 setzte allein der deutsche Importeur 84 900 Exemplare der schlichten Blechkiste ab.

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