Covid-19 weltweit Das Virus zieht weiter

Steigende Todeszahlen in Chile, zweite Welle in Israel: Covid-19 wütet auf der ganzen Welt. Doch einige Länder schlagen sich besser als andere. Der globale Überblick in Zahlen und Grafiken.
Machu Picchu in den Anden Perus

Machu Picchu in den Anden Perus

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Paolo Aguilar/ epa efe rex/ dpa

Die Restaurants haben geöffnet, die Geschäfte auch, und selbst vorsichtige Menschen trauen sich wieder zu gemeinsamen Treffen. In Deutschland scheint Corona zwar nicht überwunden, aber doch gezügelt. Dabei wütet das Virus global gesehen wohl schlimmer denn je. Täglich wird zurzeit bei fast 200.000 Menschen weltweit eine Neuinfektion festgestellt. Als die Pandemie in Deutschland Ende März ihren bisherigen Höhepunkt hatte, war diese Zahl nur rund ein Drittel so hoch.  

Rund 5000 Menschen sterben gerade weltweit täglich mit einer erkannten Coronavirus-Infektion. Dass die Zahl der täglichen Todesfälle nicht ebenso steigt wie die Infektionszahlen, kann verschiedene Gründe haben, die zu unterschiedlichen Bewertungen der Lage führen. 

Prinzipiell hinkt die Zahl der Todesfälle den Neuinfektionen hinterher. Der starke Anstieg der globalen Fallzahlen in den vergangenen Wochen findet also noch keinen Niederschlag in der Todesfallstatistik. Die Kurven laufen nicht parallel: Wird die Zahl der Tests stark erhöht, so kann eine steigende Zahl an Neuinfektionen auch schlicht bedeuten, dass das Infektionsgeschehen besser erkannt wird. 

Dagegen läuft, dass die Pandemie zuletzt vermehrt Entwicklungs- und Schwellenländer erreicht hat. Todesfälle dürften hier weniger präzise erfasst werden als in den Industrieländern. Es ist also möglich, dass die Zahl der täglichen Todesfälle aktuell stärker ansteigt, als es die offiziellen Zahlen zeigen. 

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Unzweifelhaft ist hingegen die Verlagerung des Infektionsgeschehens zwischen den verschiedenen Weltregionen: 

Waren bis Anfang März fast ausschließlich Fälle aus Asien bekannt, so verlagerte sich der Schwerpunkt anschließend mehrfach. Während es China im März gelang die Infektionszahlen stark zu reduzieren, wurde Europa zum neuen Hotspot der Pandemie. Über Norditalien, den Skitourismus und die Region Madrid verbreitete sich das Virus über den Kontinent. In den USA kam es im Nordosten des Landes Ende März, Anfang April zu einem verheerenden Ausbruch. Zuletzt stiegen schließlich in zahlreichen Ländern Mittel- und Südamerikas die Fallzahlen stark an. 

Welche Länder aktuell am stärksten betroffen sind 

Viele Darstellungen des pandemischen Geschehens arbeiten mit kumulierten, absoluten Zahlen. Dabei verdeckt diese Darstellung den Blick auf kleinere Länder und die aktuelle Dynamik. Große Länder sowie die Länder, die Corona zuerst erreicht hat, stehen dann in der Regel weit vorn in den Statistiken.

Steht die aktuelle Dynamik im Vordergrund, so ist eine Darstellung, die auf Durchschnittswerte der vergangenen sieben Tage beruht und die Todesfälle und Neuinfiziertenzahlen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt, besser geeignet. Doch auch solche Auswertungen können immer nur ein grobes Bild der wirklichen Entwicklung bieten und insbesondere Vergleiche zwischen Ländern sind mit Vorsicht zu interpretieren. Die Zahl der erkannten Neuinfektionen hängt stark mit dem Testregime zusammen und auch bei den prinzipiell verlässlicheren Todesfallstatistiken kommt es in vielen Ländern zu einer Untererfassung

Kaum ein Land steht für seinen Umgang mit der Corona-Pandemie international so sehr im Fokus wie die USA. Dabei überlagern sich innerhalb des Landes verschiedene Entwicklungen. Die fatale Infektionswelle, die im März und April hauptsächlich New York und den Nordosten des Landes traf, ist weitgehend überstanden. Durch eine frühzeitige Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen kam es seit Juni jedoch zu einem starken und bislang ungebremsten Anstieg der Fallzahlen in den restlichen Regionen des Landes. 

Doch auch in anderen Ländern steigen die Fallzahlen rasant. Insbesondere Südamerika hat sich in den vergangenen Wochen zum neuen Hotspot der Pandemie entwickelt, angeführt von BrasilienChile und Peru

In Brasilien infizierten sich zuletzt durchschnittlich knapp 40.000 Menschen pro Tag neu mit dem Coronavirus - mehr nachgewiesene tägliche Neuinfektionen gibt es bislang nur in den USA. Die Zahl der täglichen Todesfälle in dem Land liegt bei aktuell knapp 1000 und damit höher als in jedem anderen Land der Welt. Manche Epidemiologen vermuten, dass Ende Juli in Brasilien mehr Menschen an Corona gestorben sein werden als in den USA.

Chile und Peru haben schon früh in der Coronakrise drastische Einschränkungen für die Bevölkerung beschlossen. Betrachtet man Infektions- und Sterberaten im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße, sterben hier trotzdem die meisten Menschen – und sie infizieren sich auch weiterhin am meisten. Die Maßnahmen, die die Regierungen ergriffen haben, wirken nicht wie in Europa: Menschen aus den Armenvierteln können sich nicht ins sichere Homeoffice zurückziehen oder entscheiden, eine Weile nicht zu arbeiten. Zumindest die hohen Infektionszahlen rühren aber auch daher, dass die beiden Länder viel stärker testen als Brasilien. Dort kommen nur acht Tests auf 1000 Einwohner, in Chile und Peru rund 40.  

Indien gehört ebenfalls zu den am stärksten vom Virus betroffenen Ländern. Die Todeszahlen sind bislang auffällig niedrig, was verschiedene Ursachen haben kann. Zum einen kann gerade in ärmlichen und ländlichen Regionen kaum überblickt werden, wer an Corona stirbt – zu schlecht ist die medizinische Grundversorgung, zu groß die Angst der Inder, ins Krankenhaus zu gehen. Ein anderer Faktor: Die indische Bevölkerung ist extrem jung, der Altersdurchschnitt beträgt 28,4 Jahre. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 45,5 Jahre. Deshalb verlaufen viele Infektionen mild.

Südafrika befindet sich seit mehr als drei Monaten im Lockdown. Trotz steigender Zahlen gab es in den vergangenen Tagen neue Lockerungen. Restaurants oder Friseure dürfen wieder öffnen. Strände oder Parks bleiben jedoch weiterhin geschlossen. In seinen Beschränkungen geht das Land zum Teil noch deutlich weiter als viele andere Staaten – zum Beispiel ist dort der Verkauf von Zigaretten seit Monaten verboten, weil Raucher anfälliger für schwere Verläufe von Covid-19 sind. Trotz der harten Einschnitte in die Freiheiten der Bevölkerung steigt die Zahl der Infizierten weiter, die Spitze wird für Juli oder August erwartet.  

Wo es Anzeichen für eine zweite Welle gibt 

Während sich das Coronavirus in einem Land nach dem anderen ausbreitet, gingen manche Staaten, davon aus, das Schlimmste hinter sich zu haben - womöglich zu früh.  

Im Mai steckten sich in Israel täglich nur noch fünf Menschen mit dem Virus an. Als einer der ersten Staaten hatte Israel Grenzen und Schulen geschlossen, auch über das wichtige Pessachfest galt der Lockdown für die israelische Bevölkerung. Später öffnete Israel wieder Schulen und Bars, nun erreicht das Land neue Höchstwerte in den Infektionszahlen: über 1000 Neuinfektionen wurden binnen 24 Stunden gemeldet, so viele wie noch nie zuvor. Nun werden wieder einige Stadtviertel in Lod bei Tel Aviv und in der Hafenstadt Aschdod mit einem Lockdown belegt.

Auch in der Schweiz und Australien steigen die Infektionszahlen wieder, obwohl die zuvor schon fast bei null angelangt waren. Während in der Schweiz selbst Nachtklubs noch offen hatten und es keine Maskenpflicht gibt, müssen im australischen Bundesstaat Victoria nun 300.000 Menschen zurück in den Lockdown. Hier scheint der Ausbruch regional zu verlaufen, sodass die Regierung auch regional reagieren will.  

Fast coronafreie Länder 

Doch es gibt auch Staaten, bei denen die Pandemie für den Moment unter Kontrolle scheint. Island, Neuseeland oder Taiwan hatten von Beginn an nur wenige Infektionen, haben aber trotzdem mit frühen und strengen Maßnahmen reagiert. In Taiwan sind bislang nur sieben Menschen an dem Virus gestorben – auch, weil das Land schnell reagierte. Die Grenzen wurden geschlossen, Einreisende mit einer 14-tägigen Quarantäne belegt und die Bevölkerung flächendeckend getestet. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern erklärte ihr Land Anfang Juni für "coronafrei". Zwar gab es seitdem auch wieder positive Tests, jedoch nur bei Einreisenden.  

Was diese Länder richtig gemacht haben, lässt sich nur schwer verallgemeinern. Bemerkenswert ist jedoch, dass in allen drei Staaten die von der Regierung durchgesetzten Maßnahmen von der breiten Bevölkerung mitgetragen wurden. Widerstand wie in Deutschland regte sich kaum, vom neuseeländischen Chefvirologen Ashley Bloomfield kann man sogar Merchandise-Produkte erwerben.  

Ausblick 

Egal wie stark einzelne Länder oder Regionen bislang von der Pandemie betroffen waren, Studien zeigen, eine Herdenimmunität ist bislang noch nirgendwo erreicht, meist sogar in sehr weiter Ferne. Da es auch bei der Erforschung von Medikamenten oder Impfstoffen noch keine Durchbrüche gab, besteht weiterhin die Gefahr neuer Infektionswellen.

Akut betroffenen Ländern bleibt somit nur, strikte Maßnahmen zu ergreifen, um die exponentielle Verbreitung der Infektionen zu stoppen. Und auch anschließend bleibt es ein Balanceakt zwischen der Lockerung der Maßnahmen sowie dem Erkennen und Eindämmen weiterer Ausbrüche. Die Alternative: durch Abschottung gar nicht erst zuzulassen, dass die Infektionen wieder aufflammen, wie in Island, Taiwan oder Neuseeland.

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