Schrittweiser Corona-Exit Ist Deutschland bereit für die Lockerungen?

Die Ausgangsbeschränkungen werden gelockert. Aber sind wirklich alle Voraussetzungen dafür erfüllt? Gibt es genug Masken? Wie sieht es in den Schulen aus? Und was ist mit der App?
Einkaufsmeile in Potsdam: Was ist aus den Lockerungskriterien geworden?

Einkaufsmeile in Potsdam: Was ist aus den Lockerungskriterien geworden?

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Soeren Stache/ DPA

Jetzt kommen sie, die Lockdown-Lockerungen, auf die viele Menschen in Deutschland seit Wochen gehofft und gewartet haben. Über die Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft immer wieder gesprochen haben. Sie haben Wünsche geäußert, Vorschläge gemacht, Bedingungen gestellt, die erfüllt sein sollten, damit Deutschland die langsame Rückkehr in eine neue Normalität wagen kann.

Immer wieder ging es dabei um die Verdoppelungszeit, um Antikörpertests, Schutzmasken, eine App, Konzepte für Schulen sowie Maßnahmen für besonders schutzbedürftige Menschen. Was ist aus diesen Parametern geworden? Sind sie erfüllt? Eine Übersicht.

Hat sich die Verdoppelungszeit verlangsamt?

Anfang April bezeichnete die Bundeskanzlerin die sogenannte Verdoppelungszeit als einen entscheidenden Maßstab, um das Seuchengeschehen zu beurteilen. Diese Maßzahl beschreibt, nach wie vielen Tagen sich die Zahl der Sars-Cov-2-Infektionen verdoppelt hat, wenn die Dynamik so bleibt wie zum jetzigen Zeitpunkt. Es könne, so sagte die Kanzlerin damals, über Lockerungsmaßnahmen nachgedacht werden, wenn dieser Zeitraum mindestens 12 bis 14 Tage beträgt. Anfang April lag sie - je nach Rechenweg - bei etwa acht Tagen.

Ist diese Vorgabe erfüllt? Ja. Denn mit den rückläufigen Infektionszahlen liegt auch die Verdoppelungszeit in Deutschland derzeit weit über den geforderten 14 Tagen: Am 4. April meldete das Robert Koch-Institut 85.778 bestätigte Fälle. Erst am 6. Mai - also 32 Tage später - hat sich diese Zahl laut RKI auf 164.807 Sars-CoV-2-Infektionen fast verdoppelt.

Wurden genug Antikörpertests gemacht?

Antikörpertests gelten weiterhin als wichtiges Instrument im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Wenn die Regierung und die Epidemiologen wissen, wie viel Prozent der Deutschen eine Infektion mit Sars-CoV-2 bereits durchgemacht und voraussichtlich eine Immunität gegen das Virus aufgebaut haben, können die Maßnahmen besser gesteuert werden (Lesen Sie hier, was wir zur Immunität bei Covid-19 wissen).

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte Ende April sogar den Vorschlag eines "Immunitätspasses" für Menschen nach einer durchgemachten Corona-Infektion eingebracht - also einem Ausweis, der es Genesenen erlaubt, sich freier zu bewegen. Dieser wurde aber unter anderem von der WHO kritisiert, denn Antikörpertests sind nicht perfekt: Sie können falsch-positive Ergebnisse liefern (Lesen Sie hier mehr zum Für und Wider eines Immunitätspasses).

Anfang April sind mehrere bundesweite Antikörperstudien gestartet, die Erkenntnisse über die Durchseuchung in der Bevölkerung liefern sollen. Da Antikörper erst etwa ein bis zwei Wochen nach der Infektion zuverlässig nachgewiesen werden können, erfordert es noch etwas Geduld, bis solche Querschnittsstudien aussagekräftige Ergebnisse liefern können. In den kommenden Wochen und Monaten könnte es erste Erkenntnisse geben.

Einen ersten Eindruck, wie hoch die Dunkelziffer in besonders betroffenen Orten sein könnte, liefert die sogenannte Heinsberg-Studie: Demnach waren die Zahlen der Infizierten etwa fünfmal höher als die offiziellen Zahlen des Gesundheitsamtes. Die Ergebnisse sind zwar nicht repräsentativ für andere Regionen, dennoch lässt sich daran ablesen, dass die Gesamt-Dunkelziffer in Deutschland deutlich höher liegen könnte als die bekannte Zahl der bestätigten Fälle. Zur Begründung für die jetzigen Lockerungsmaßnahmen taugen diese ersten Zahlen aber nicht.

Sind genug Masken für alle verfügbar?

Eine Lockerung der strengen Verhaltensregeln, so lautet das mittlerweile einhellige Mantra der Fachleute, ist nur zu vertreten, wenn man Mund und Nase mit einer Maske bedeckt. Auch in der Politik ist das inzwischen angekommen: So sind die Masken in fast allen Bundesländern beim Einkaufen und in Öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht. Mangelware sind die Produkte aber teilweise immer noch. In den Filialen der großen Supermärkte sind die einfachen Vliesmasken nur in Ausnahmefällen zu finden.

Ebenso im medizinischen Fachhandel: Schon die Frage nach einer größeren Anzahl von Masken provoziert kritische Blicke. "Mehr als zwei Stück pro Kunde können wir nicht herausgeben", heißt es auf Anfrage gleich in mehreren Apotheken und Sanitätshäusern in Berlin. Im Internet scheint das Angebot nur auf den ersten Blick größer. Der Mangel offenbart sich auf den zweiten oder dritten Klick, der mit dem Hinweis "Derzeit nicht verfügbar" beantwortet wird.

Doch zumindest für die nähere Zukunft ist Besserung in Sicht: Gesundheitsminister Spahn (CDU) ist es gelungen, rund 121 Millionen Schutzmasken zu beschaffen und an die Länder und die Kassenärztlichen Vereinigungen ausliefern zu lassen. Zusammen mit weiteren Masken, die noch nicht ausgeliefert sind, hat sich der Bund nach Angaben eines Sprechers inzwischen mehr als 306 Millionen Schutzmasken gesichert. Die Lieferungen sollen über die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Länder an Arztpraxen, Kliniken und Pflegeheime verteilt werden. Reservierungen auf den wichtigen Frachtrouten von und nach China sollen den Nachschub sicherstellen.

Die privaten Verbraucher warten indes weiter darauf, dass sich das Angebot im Handel verbessert. Die Rewe-Gruppe etwa, zu der auch der Discounter Penny und die Baumärkte von Toom gehören, will den Verkauf schrittweise ausbauen. Nach Auskunft eines Sprechers kosten die Einweg-Masken 16,99 Euro für 25 Stück, das sei der Selbstkostenpreis. "Bis Ende Mai werden wir rund 30 Millionen Masken bundesweit in unseren Märkten haben." Weitere Lieferungen sind geordert. Auch der Discounter Lidl verspricht, sein Angebot auszubauen. In den nächsten Wochen seien auch Stoffmasken zur Mehrfachverwendung verfügbar, die in allen Lidl-Filialen angeboten werden sollen. Dagegen hat Drogerist Rossmann derzeit noch Mühe mit seinen Lieferanten. Man stehe im engen Austausch, heißt es dort. Genauere Angaben, wann die Versorgung flächendeckend gesichert sei, könne man derzeit leider nicht machen.

Zumindest die Produktion der mehrfach verwendbaren Baumwollmasken kommt allmählich in Schwung: Inzwischen produziere jedes zweite Textil- und Modeunternehmen in Deutschland Stoff- und Schutzmasken, heißt es beim Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. Pro Woche stelle die Industrie rund 22 Millionen Stück her.

Und wann kommt die App?

Die Idee war ein Hoffnungsschimmer im Lockdown: Ende März stellte eine Gemeinschaft von 130 Forschern die Idee für eine freiwillige, paneuropäische Corona-Tracing-App vor. Positiv getestete Infizierte sollten sich darüber melden und somit all diejenigen informieren, die ihnen zuletzt nahegekommen waren. Das wäre schneller und präziser als das bisherige System, bei dem Mitarbeiter von Gesundheitsämtern Infizierte nach ihren Kontakten befragen und diese dann anrufen.

Die App würde auf den Datenfunk Bluetooth setzen: Bei aktivierter App wäre der dauernd an und würde eine anonymisierte Liste aller Geräte anlegen, die dem Infizierten etwa zehn Minuten lang näher als zwei Meter kamen. Infektionsketten könnten so schnell und zuverlässig unterbrochen werden, so die Theorie. Nach Ostern sollte es ein erste Version der App geben.

Bis heute fehlt die deutsche Tracing-App. Das Entwicklerkonsortium zerlegte sich über die Frage, wie viele Daten erhoben und wo diese gespeichert werden sollten. Die ursprünglichen Protagonisten favorisierten ein zentrales Speichermodell, mit einem Server beim Robert Koch-Institut - um neben der reinen Warnfunktion für App-Nutzer auch möglichst viele epidemiologisch relevante Daten zur Pandemiebekämpfung zu gewinnen.

Eine andere Fraktion sah darin die Basis für ein neues Überwachungssystem. Sie favorisieren ein datensparsameres, dezentrales Modell. Dabei findet die Berechnung des Infektionsrisikos nicht auf einem Zentralserver des RKI sondern auf dem eigenen Handy statt.

Nach einem offenen Brief von mehr als 300 Wissenschaftlern und harscher Kritik von Digitalverbänden schwenkte die Bundesregierung Ende April radikal um - die Entwicklung der App, in die bis dahin mindestens 600.000 Euro geflossen waren, wurde abgebrochen. Als neue Projektverantwortliche verpflichtete die Regierung die Dax-Konzerne SAP und die Telekom-Tochter T-Systems, die nun eine App auf der Basis des dezentralen Ansatzes entwickeln. Einen genauen Zeitplan nannte die Bundesregierung bislang nicht.

Mittlerweile mehren sich die Zweifel, ob eine App überhaupt viel bringt. Dort wo sie bereits länger im Einsatz ist, wie in Singapur oder Österreich, haben nirgendwo mehr als 20 Prozent der Bevölkerung sie heruntergeladen. Epidemiologen zufolge wäre eine Beteiligung von 50 bis 60 Prozent aufwärts notwendig, um wirklich gute Ergebnisse zu erzielen.

Die Bluetooth-Technologie wurde zudem nicht für die Abstandsmessung konzipiert, Experten befürchten viele Fehlalarme, die die Betroffenen nervös machen könnten.

Manche Hoffnungen in die App wirken aus heutiger Sicht überzogen, ein Allheilmittel wird sie kaum werden – eher einer von mehreren Bausteinen für den Übergang in einen normaleren Alltag.

Funktioniert die Öffnung der Schulen?

Bis zum 29. April sollten die Kultusminister der Länder ein Konzept vorlegen - mit Regeln und Bedingungen, wie die Wiederaufnahme des Unterrichts bundesweit gelingen könnte. Lehrerverbände und Gewerkschaften hatten dieses Vorgehen scharf kritisiert. Schließlich hatten einzelne Bundesländer bereits nach den Osterferien die Schulen für einzelne Jahrgänge geöffnet und auch Abiturprüfungen abgehalten.

Das bisher unveröffentlichte Rahmenkonzept, das dem SPIEGEL vorliegt, bleibt zudem häufig im Ungefähren. Vor der Öffnung von Kindergärten, Schulen und Hochschulen sei "ein Vorlauf notwendig, damit vor Ort die notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen getroffen" werden können, heißt es darin. Präsenzunterricht sollte "gemäß Abstandsgebot in geteilten Klassen" stattfinden. Alle Personen sollten einen Abstand von 1,5 Metern zueinander einhalten.

Einzelne Länder hatten darüber hinaus eigene Regelungen festgelegt, die oft deutlich präziser ausfielen. Baden-Württemberg etwa möchte den Schulen "mindestens eine Woche" Vorlauf gewähren, um sich auf die Öffnung vorzubereiten. Mit Blick auf die Abiturprüfungen verfügte Schleswig-Holstein, dass "Laufwege" zu den Toiletten ausgewiesen werden müssten. Außerdem sollte es vor den Waschräumen "Wartezonen" geben. In Hessen sollen Lehrkräfte vor den Toiletten "Eingangskontrollen" durchführen. Außerdem sollten sich nie mehr als 15 Schüler in einem Raum befinden, heißt es im Hygieneplan, den das Kultusministerium in Wiesbaden am 22. April veröffentlichte. "Partner- und Gruppenarbeit sind nicht möglich."

Wie gut die Öffnung der Schulen bislang funktioniert, darüber sind sich Experten uneins. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sagt: Die langsam anlaufende Rückkehr der Schülerinnen und Schüler in die Klassen habe an den meisten Grundschulen bisher "sehr gut geklappt". Es habe sich gezeigt, "dass auch Zehnjährige sehr wohl in der Lage sind, solche Regeln einzuhalten, wenn sie von der Notwendigkeit überzeugt sind".

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) sagt: Wenn eine Schule nicht gewährleisten könne, dass die Hygienestandards eingehalten würden, dürfe sie nicht geöffnet werden. "Zudem brauchen Schulleitungen eine Ansprechperson, mit der sie diese Belange schnell klären können."

Dass alle Vorschriften flächendeckend erfüllt werden können, darf zumindest bezweifelt werden. Immer wieder berichten Schüler, Lehrkräfte und Eltern in den Sozialen Medien und in Leserbriefen von leeren Seifenspendern und fehlenden Papierhandtüchern, von Jugendlichen, die sich auf dem Schulhof zur Begrüßung umarmen oder gemeinsam im Auto zur Schule fahren, von Stiften, Scheren oder Arbeitsblättern, die von Hand zu Hand durch die Reihen gereicht werden.

Sind Besuche in Pflege- und Seniorenheimen sicher?

In Hessen dürfen Menschen schon seit diesem Montag wieder Angehörige in Alten- und Pflegeheimen besuchen, andere Länder wollen nachziehen. Der Bund hat sich an diesem Mittwoch mit ihnen darauf geeinigt, dass ein bestimmter Angehöriger einen Heimbewohner besuchen darf, solange es in der Einrichtung keine Covid-19-Fälle gibt.

Zuvor herrschte mehrere Wochen lang in den meisten Heimen in Deutschland ein striktes Besuchsverbot, dennoch infizierten sich zahlreiche Bewohner mit dem Coronavirus: So steckten sich in einer Einrichtung in Wuppertal von gut 100 Bewohnern mehr als 70 an, 20 Senioren starben. Eine Angehörige wirft Heimleitung und Behörden vor , die Menschen nicht schnell genug auf den Erreger getestet zu haben.

Die einzelnen Länder regeln die Besuchsrechte in Pflege- und Seniorenheimen selbst. Die Bundesregierung hatte sich aber dafür ausgesprochen, Besuche wieder zu ermöglichen, wenn Hygiene- und Schutzkonzepte vorliegen. Corona-Tests sollten auch für symptomfreie Bewohner ermöglicht werden.

Der Arbeitgeberverband Pflege moniert auf SPIEGEL-Anfrage, dass es bisher in keinem Bundesland eine verbindliche Hygieneverordnung für Besuche gebe. Präsident Thomas Greiner fürchtet deshalb, dass im Falle eines Corona-Ausbruchs die Heimleitungen haften könnten. Vielerorts fehle es außerdem weiterhin an Schutzkleidung und Masken. "Der Bevölkerung wird etwas vorgegaukelt", sagt Greiner.

Angehörige und Patientenschützer hingegen sind erleichtert. "810.000 Heimbewohner einzusperren, ist kein Konzept", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Es brauche für eine Wiederöffnung aber Rechtssicherheit für die Pflegeheime, Hygiene-Grundschutz und ein verbindliches Monitoring der Kontakte.

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