Treffen von Scholz und Expertenrat Zum Hauptgang: Corona

Olaf Scholz lud die Corona-Expertinnen zum Abendessen ins Kanzleramt. Erstmals sahen sich die Gäste nicht nur auf dem Bildschirm – und berieten womöglich über die richtigen Maßnahmen für den Herbst.
Karl Lauterbach (Mitte) mit Christian Drosten (links) und Lothar Wieler

Karl Lauterbach (Mitte) mit Christian Drosten (links) und Lothar Wieler

Foto: Stefan Boness/Ipon / imago images/IPON

Mit dem Thema Corona will gerade eigentlich niemand so richtig etwas zu tun haben. Die Inzidenzen sinken, die Belastung der Intensivstationen ist geringer als erwartet und wer eine Maske trägt, wird mancherorts angestarrt, als hätte er die Sache mit der Freiheit nicht verstanden. Doch in diesen Tagen muss sich die Bundesregierung damit befassen, wie sie die Menschen durch den Herbst bringen will. Denn dann könnte die pandemische Lage nicht mehr ganz so rosig sein. Das Problem: Wie mächtig Corona dann zurückkommen wird, weiß eigentlich niemand so richtig. Auch Experten wagen kaum noch feste Prognosen.

Trotzdem hat Bundeskanzler Olaf Scholz den Corona-Expertenrat zu einem Abendessen eingeladen. Zum ersten Mal haben sich also die Aerosole der 19 Experten mit denen von Scholz und Lauterbach vermischt. Zu 18 Uhr lud Scholz ins Kanzleramt.

Es sollte eine gemütliche Runde werden, ohne Tagesordnung und anschließender Pressekonferenz. Ob neben dem Essen auch über Coronamaßnahmen gesprochen wurde, war im Vorfeld nicht bekannt. Dem Vernehmen nach sollen die Experten aber keine Stellungnahme vorbereitet haben. Sie wollen sich Zeit lassen mit ihren Vorschlägen für den Herbst.

Neue Virusvarianten im Herbst?

Aus ihren vergangenen Stellungnahmen geht allerdings hervor, was Gesprächsstoff gewesen sein könnte:

  • Viele Experten befürchten, dass neue Virusvarianten, so wie sie kürzlich wieder in Südafrika und New York aufgetaucht sind, in Kombination mit nachlassendem Impfschutz im Herbst zu einer neuen Welle führen werden.

  • Möglicherweise könnte nach der Durchseuchung mit Omikron auch die gefährlichere Delta-Variante zurückkehren oder eine Kombination aus Delta und Omikron entstehen, die hochansteckend und zugleich gefährlich ist.

  • Es könne »erneut zu einer erheblichen Zahl von Infektionen kommen«, schrieben die Experten in ihrer achten Stellungnahme Anfang März.

Dabei ist kaum vorhersagbar, wie virulent eine neue Virusvariante sein wird, ob sie also schwerere oder weniger schwere Krankheitsverläufe verursachen wird als die vorherige. Über die sogenannte Virulenz, sagt Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, »können wenige Mutationen entscheiden, sodass es immer auf und ab gehen kann damit«. Eine erneute hohe Belastung des Gesundheitssystems im kommenden Herbst und Winter, so der Expertenrat, sei jedenfalls »nicht auszuschließen«.

Entscheidend sei es deshalb, im Herbst und Winter, falls nötig, schnell reagieren zu können. »Vor diesem Hintergrund sollten für eine erfolgreiche Pandemiekontrolle Notfallstrategien ausgearbeitet und jederzeit implementierbar sein«, heißt es in der achten Stellungnahme.

»Elementar«, so der Expertenrat, sei die »frühzeitige Erfassung von deutlichen Änderungen der Infektionsdynamik«, etwa durch die Überwachung von Stichproben, wie dies auch bei Influenza geschieht. Nicht nur die altersabhängige Inzidenz sei zudem wichtig, um eine mögliche Überlastung des Gesundheitssystems frühzeitig zu erkennen. Auch die tagesaktuelle bundesweite Erfassung der altersbezogenen Hospitalisierung und Intensivbettenbelegung einschließlich des Immunitätsstatus der Patienten solle, um die Lage im Herbst und Winter präzise einschätzen zu können, nicht nur für Covid-19, sondern auch für Influenza und andere schwere Atemwegserkrankungen »bereits jetzt vorbereitet werden«.

Neuer Omikron-Impfstoff von Biontech

Masken in Innenräumen und regelmäßiges Testen, etwa in Seniorenheimen, schrieb der Expertenrat zudem schon Mitte Februar, würden im Herbst und Winter wahrscheinlich »erneut notwendig sein«.

Die Impfung bleibe jedoch »das entscheidende Instrument der Pandemiebekämfpung«. Es ginge darum, »eine möglichst lückenlose Immunität anzustreben«. Wie dies nach dem Scheitern der Impfpflicht jetzt noch gelingen soll, ist allerdings offen.

Mit Spannung dürften die Ergebnisse einer Studie des Impfstoffherstellers Biontech erwartet werden, in der an insgesamt über 2100 Teilnehmern die Wirksamkeit eines Omikron-Impfstoffs und eines Kombinationsimpfstoffs mit der Wirksamkeit der bisherigen Biontech-Vakzine verglichen werden. Sobald die Ergebnisse in den kommenden Wochen vorliegen, so das Unternehmen, sollen sie an die Zulassungsbehörden weitergereicht werden.

Scholz hatte sich beim Thema Corona zuletzt eher zurückgehalten. Er sprach sich zwar für eine Impfpflicht ab 18 aus, doch als diese nicht beschlossen wurde, zeigte er wenig Regung. Bei der Diskussion über die Fortsetzung von Schutzmaßnahmen gab er Lauterbach offensichtlich nicht die Rückendeckung, die nötig gewesen wäre, um sich gegen Justizminister Marco Buschmann von der FDP durchzusetzen. Am Ende stand eine schwache Regelung über die viele Bundesländer sehr unglücklich waren und die einige Experten für einen schlechten Scherz hielten.

Von den Mitgliedern des Expertenrats musste er sich möglicherweise heute beim Abendessen einige Kritik anhören. Vielleicht wird er danach Corona ja wirklich wieder zur Chefsache machen.