Corona-Maßnahmen Spanien führt Rauchverbot ein

In Spanien schnellen die Fallzahlen nach oben, die Regierung reagiert mit drastischen Maßnahmen: Rauchen im Freien ist nur noch stark eingeschränkt erlaubt. Manche Forscher wollen es ganz verbieten.
Raucher vor einer Bar in Pamplona

Raucher vor einer Bar in Pamplona

Foto: Alvaro Barrientos / DPA

Früher waren Raucher eine Macht in Spanien. Als 2011 der Staat die Nikotinjunkies mit einem neuen Nichtraucherschutzgesetz vor die Türen zwang, erschufen Zehntausende Gastronomen prompt "terrazas" für ihre konsumfreudigen Kunden: provisorische Terrassen aus Kneipentischen und Stühlen vor den Lokalen. Und zuletzt nach dem Corona-Lockdown, als die Bars wieder aufsperren durften, wurden manche "terrazas" gleich wieder in Tabakschwaden gehüllt.

Doch nun ist es vorbei mit dem Rauchen unter freiem Himmel. Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa kündigt an, im Kampf gegen die Pandemie jegliche Form der Inhalation von Tabak und nikotinhaltigen Flüssigkeiten im öffentlichen Raum zu verbieten - sofern die Konsumenten dabei nicht mindestens zwei Meter Abstand zu ihren Mitmenschen halten. Denn Raucher können Regierungsexperten zufolge ihre Nächsten mit dem neuartigen Coronavirus anstecken: über ihre Abgase.

Minister Illa folgt dem Rat der "Kommission für öffentliche Gesundheit" seines eigenen Ministeriums. Diese warnt vor der erhöhten Ansteckungsgefahr. Beim Exhalieren - also dem Ausatmen des Rauchs aus der Lunge oder Mundhöhle - könnten viele Mikrotröpfchen mit dem Virus freigesetzt werden, "die hochinfektiös sind", schrieben die Experten Anfang Juli in einem Gutachten. Daher "sollte der Konsum in gemeinschaftlichen Umfeldern vermieden werden."

Rauchverbot auch in Deutschland?

Nun, da die Infektionszahlen in Spanien wieder hochschnellen, führt der Staat tatsächlich das bedingte Rauchverbot ein. Müssen sich auch Deutschlands Raucher und Dampfer auf derlei Einschränkungen einstellen? Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung warnt auf ihrer Website: "Weil eine Tröpfcheninfektion der Hauptübertragungsweg von Covid-19 ist, sollten Raucherinnen und Raucher nicht mit anderen Personen zusammenstehen und rauchen."

Carlos Jiménez war Vorkämpfer des neuen spanischen Rauchverbots. "Wenn ein Raucher exhaliert, gelangen viel mehr Tröpfchen in die Umwelt, als wenn ein Mensch normal ausatmet", sagt der Präsident der spanischen Gesellschaft für Lungenheilkunde und Thoraxchirurgie im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Und: die Raucher tragen dabei keine Maske." Anders als in Deutschland muss in Spanien auch draußen im öffentlichen Raum fast überall ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden.

Für die Nikotinabhängigen selbst sei die Infektionsgefahr noch weitaus größer, erklärt der Lungenarzt Jiménez. "Manche führen 300 mal pro Tag ihre Finger an den Mund: jedes Mal, wenn sie einen Zug nehmen." Auch beim ständigen Ab- und Wiederhochstreifen der Maske könnten sie sich kontaminieren.

Jährlich sterben 1,2 Millionen Passivraucher

Jiménez' Organisation machte sich als eine der ersten stark für ein weitgehendes Rauchverbot unter freiem Himmel. In den vergangenen Wochen haben sich eine Reihe von Wissenschaftsverbänden angeschlossen bis hin zu Spaniens epidemiologischer Gesellschaft. Letztere verlangte sogar, das Rauchen auf allen "terrazas", auf Stränden und an Bushaltestellen zu untersagen, unabhängig von Mindestabständen. Gesundheitsschützer fordern seit Langem umfassende Rauchverbote. Denn laut der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich rund 1,2 Millionen Nichtraucher am Passivrauchen - das sind mehr Tote als Covid-19 bislang gefordert hat.

So weit gehen Spaniens Politiker nicht. Aber jetzt erlauben sie Rauchen nur noch auf Distanz. Den Anfang machte am vergangenen Mittwoch die Regierung der Region Galizien im Nordwesten. Tags darauf folgten die Kanaren - und am Freitag schließlich die nationale Regierung.

Die Tabakindustrie zeigt sich entsetzt. "Entscheidungen mit so großen Folgen müssen auf soliden wissenschaftlichen Grundlagen basieren", erklärte der Industrieverband Mesa del Tabaco in einem Kommuniqué. "Bis zum heutigen Tag existieren keine schlüssigen wissenschaftlichen Studien, die diese Art Maßnahmen rechtfertigen." In der Tat mangelt es bislang an wissenschaftliche Untersuchungen, die ein erhöhtes Corona-Ansteckungsrisiko durch ausgeatmeten Zigarettenrauch oder E-Zigarettendampf eindeutig nachweisen.

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Gerichte könnten ein direktes Verbot schnell kippen

Auch deutsche Gesundheitsexperten haben Zweifel. Zwar würden beim Exhalieren "viele Tröpfchen in die Umgebung geblasen, die das Virus übertragen können", sagt der Virologe Jonas Schmidt vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut dem SPIEGEL. Aber: "Ich glaube nicht, dass das Verbot in Spanien entscheidend sein wird, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen." Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach will dem spanischen Beispiel nicht folgen: "Es gibt bislang keine Studien, die eine besondere Infektionsgefahr durch Zigaretten untermauern."

Eben deshalb wird die Madrider Regierung wohl kein direktes Rauchverbot verhängen - zu groß wäre die Gefahr, dass die Gerichte diese neue Norm kippen. Stattdessen sollen Raucher und Dampfer nur noch dann "von der Pflicht zum Gebrauch der Maske im öffentlichen Raum ausgenommen werden", heißt es in einer Erklärung des Gesundheitsministeriums, wenn sie beim In- und Exhalieren "einen Abstand zu anderen Personen von mindestens zwei Metern" garantieren können.

In Deutschland gibt es draußen bisher fast nirgends eine Maskenpflicht. Auch deshalb werden die hiesigen Raucher und Dampfer wohl weiterhin ihrer Leidenschaft frönen dürfen: unter freiem Himmel und hoffentlich mit reichlich Abstand zu den Mitmenschen.

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