Christian Stöcker

Deutsche Corona-»Strategie« Der schlimmste, ärgste, längste Fehler

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Nirgends haben Politik und RKI hierzulande mehr Fehler gemacht als beim Thema Masken. Sogar Impfstoffe waren schneller verfügbar als der einfachste wirksame Schutz für alle – ein historisches Versagen.
Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

In Asien war der Mundschutz in Grippezeiten spätestens nach der ersten Sars-Pandemie 2002/2003 ein normaler Bestandteil des Straßenbildes. Im Januar, als die Corona-Pandemie bereits begonnen hatte, kommentierte der Vizepräsident des Robert Koch-Institutes (RKI), Lars Schaade, diese in Europa gern belächelte Gewohnheit mit den Worten, es sei dort »in gewisser Weise ein Akt der Höflichkeit«, als Kranker einen Mundschutz zu tragen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündete: »Ein Mundschutz ist nicht notwendig, weil der Virus gar nicht über den Atem übertragbar ist.« Das war bekanntlich falsch.

Am 12. Februar hielt Spahn eine Rede im Bundestag  zur »Corona-Strategie der Regierung«. Merken Sie sich bitte das Wort »Strategie«. Es ist definiert als  »grundsätzliche, langfristige Verhaltensweise (…) zur Verwirklichung der langfristigen Ziele«.

Spahn sagte in der Rede, man könne »nicht ganz ausschließen«, dass sich gerade eine weltweite Pandemie entwickle. Zwölf Tage später erklärte er dann mit Blick auf die Entwicklung in Italien: »Corona ist als Epidemie in Europa angekommen.« Am. 26. Februar erklärte sein Ministerium, es sei »auf europäischer Ebene geplant, Schutzausrüstung für medizinisches Personal zu beschaffen«. Von Masken für die Bevölkerung: keine Rede.

Ich persönlich war zu diesem Zeitpunkt gerade damit beschäftigt, ein Buch über exponentielle Entwicklungen zu schreiben und fand die Ansteckungskurven aus China und Italien extrem besorgniserregend. Ich begann, im Internet nach Mund-Nasen-Schutzmasken zu suchen und stellte fest, dass die hochwertigeren FFP2- und FFP3-Masken überall vollständig ausverkauft waren. Andere hatten offenbar eine andere Haltung zum Thema entwickelt. Wussten sie etwas, was Minister und Robert Koch-Institut nicht wussten?

Masken an Verwandte verschickt

Ich bestellte einen völlig überteuerten Fünfzigerpack OP-Masken und ergatterte in einem Provinzbaumarkt ein paar letzte FFP3-Masken. Die verschickte ich anschließend mit genauen Instruktionen an ältere Verwandte. Denen geht es bis heute sehr gut, danke der Nachfrage.

RKI-Präsident Lothar Wieler erklärte unterdessen Ende Februar zum Thema Masken im Alltag: Es gebe »keinerlei Evidenz, dass das in irgendeiner Weise hilfreich ist«. 

Das war zu diesem Zeitpunkt längst erkennbar widersinnig: Wenn Masken medizinisches Personal schützen, warum schützen sie dann nicht im Alltag? Und warum tragen Ärztinnen und Pfleger im Operationssaal eigentlich OP-Masken? Vielleicht hat das doch etwas damit zu tun, dass Menschen unter Umständen Krankheitskeime ausatmen?

Gewundert, dass manche gar nichts mehr glauben wollen

Am 10. März traf Spahn sich mit Medizinprodukteherstellern. »Krankenhäuser und Arztpraxen« benötigten Schutzausrüstung, so das Ministerium. Von Masken für die Bevölkerung weiterhin keine Rede. Am 11. März sagte Spahn , ein OP-Mundschutz schütze »sehr überschaubar, um es so zu formulieren«.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Verlautbarungen von Bundesregierung und RKI zum Thema Maske längst nicht mehr von Fakten getrieben: Es ging darum, einen weiteren Masken-Run zu verhindern, damit das knappe Gut nicht denen weggekauft wurde, die es besonders dringend brauchten, dem medizinischen Personal. Das wurde aber nicht kommuniziert: Man verkaufte die Bevölkerung lieber für dumm. Später wunderte man sich dann, dass Teile der Bevölkerung lieber gar nichts mehr glauben wollten in Sachen Corona-Bekämpfung.

Am 22. März erschien im medizinischen Topjournal »The Lancet« eine Studie  mit diesem Satz: »Universeller Gebrauch von Gesichtsmasken sollte in Erwägung gezogen werden, wenn die Versorgung es erlaubt.« Ich habe mich schon damals furchtbar über das Herumgeeiere von Epidemiologen und Regierung in dieser Frage aufgeregt.

Spätestens jetzt hätte eine echte »Strategie« Masken umfasst

Es lag längst kein Erkenntnisproblem mehr vor, sondern ein Beschaffungsproblem. Es war völlig klar, dass einfache Masken zumindest andere, FFP2-Masken auch einen selbst vor Ansteckung schützen  können. Ersteres erkannte auch Christian Drosten im NDR-Podcast am 23. März  erstmals an.

Spätestens nach dem Erscheinen der »Lancet«-Studie hätte die Bundesregierung alles daransetzen müssen, hochwertige Masken in ausreichender Menge produzieren zu lassen, um die gesamte Bevölkerung damit versorgen zu können, und zwar möglichst schnell. Das wäre eine »Strategie« gewesen. Und das ist 10 Monate her.

Grotesk anmutende Ausreden

Stattdessen wurden weiterhin diverse, heute grotesk anmutende Ausreden angeboten. Masken verliehen denen, die sie tragen ein »falsches Gefühl der Sicherheit« zum Beispiel. Das kam sogar von der Weltgesundheitsorganisation.

Anfang April änderte das RKI dann seine Kommunikationsstrategie und empfahl Alltagsmasken. Am 17. April beschloss Sachsen als erstes Bundesland eine Maskenpflicht – die aber, wenn man sich die Infektionszahlen von heute ansieht, offenbar nicht zu einer wirksamen Verhaltensänderung in der gesamten Bevölkerung des Bundeslandes führte. Möglicherweise gibt es da einen Zusammenhang mit den dortigen Wahlergebnissen der AfD, der Partei der Maskenverweigerer.

Plage für Brillenträger

In den kommenden Monaten fielen dann aber auch diverse Spitzenpolitiker anderer Parteien durch Maskenschludrigkeit auf. Christian Lindner (FDP) wurde fotografiert, als er nach einem Restaurantbesuch einen weißrussischen Honorarkonsul umarmte, die Maske unterm Kinn. Friedrich Merz (CDU) spazierte ohne Maske  aus einem Hamburger Hotel, Armin Laschet (CDU) hatte mal die Nase aus der Maske hängen , mal saß er ganz ohne in einem Flugzeug. Markus Söder bekam im bayerischen Landtag Ärger, weil er vergaß, die Maske beim Verlassen des Rednerpultes wieder aufzusetzen .

Selbst bei dieser Szene, die sich Anfang November abspielte, trug Söder eine mit Bayern-Rautenmuster bedruckte »Alltagsmaske« aus Stoff. Diese Masken haben bekanntlich viele Nachteile: Sie sind nicht so dicht wie medizinische FFP2-Masken, schützen den Träger selbst also nur wenig. Sie sitzen oft schlecht und die Nase rutscht gern heraus, was zu Hunderttausenden von ärgerlichen Situationen und Konflikten in der Öffentlichkeit geführt hat. Und für Brillenträger sind sie, wenn kein biegsamer Nasenbügel eingenäht ist, eine Plage, weil die Brille dann permanent beschlägt.

Lockdown ja, Maskenstrategie nein

All diese Probleme gibt es mit FFP2-Masken nicht. Sie sitzen fest und bieten, wenn sie richtig getragen werden, was nun wahrlich kein Hexenwerk ist, einen akzeptablen Schutz für Träger und Umfeld. Sie sind auch nicht unangenehmer zu tragen als »Alltagsmasken«, im Gegenteil.

Zwischen Anfang April, als das RKI sich zur Maskenempfehlung durchrang, und Söders Rautenmasken-Auftritt lagen sieben volle Monate. Und die Maskenknappheit war da längst vorbei.

Das führt uns zur entscheidenden Frage: Wie kann es sein, dass die Hochtechnologie-Nation Deutschland es nicht geschafft hat, in mehr als einem halben Jahr die Bevölkerung flächendeckend mit dem billigsten, nachweislich wirksamen Mittel zur Eindämmung der Pandemie zu versorgen?

Wie kann es sein, dass Masken erst kurz vor Weihnachten kostenlos ausgegeben wurden, und auch dann nur an Risikogruppen? Lockdown ja, Maskenstrategie nein, weiterhin.

Das hat Menschenleben gekostet

Wie kann es sein, dass Bayern nun, ein volles Jahr nach Beginn der Pandemie, eine FFP2-Maskenpflicht ausruft, aber selbst von Obdachlosen und Hartz-IV-Empfängern erst einmal erwartet wird, dass sie dieses elementare Schutzgut selbst finanzieren? Wie kann es sein, dass diese Masken nicht überall kostenlos verfügbar sind, für alle die nicht bezahlen können?

Es wurden schneller Impfstoffe entwickelt und zugelassen als dieses einfache, erwiesenermaßen wirksame vergleichsweise spottbillige Mittel gegen das Virus flächendeckend und unbürokratisch zur Verfügung zu stellen. Und selbst heute, ein Jahr nach Beginn der Pandemie, gibt es weder eine einheitliche Versorgung noch eine bundesweit einheitliche Regelung zum Thema. Das hat, um es klar zu sagen, Menschenleben gekostet, wer weiß wie viele.

Dieser simple Umstand wird im Rückblick auf die Pandemie eines Tages vermutlich als das größte und folgenschwerste Versagen der deutschen Corona-Politik betrachtet werden.

Anmerkung der Redaktion: Jens Spahn hat die Rede im Bundestag zur »Corona-Strategie der Regierung« am 12. Februar gehalten, und nicht, wie zuvor angegeben, am 12. Januar. Den Fehler haben wir korrigiert.