Corona-Statistik Wie viele Menschen sind wirklich schon an Covid-19 gestorben?

Die offiziell erfasste Zahl der weltweiten Corona-Todesfälle beträgt rund 184.000. Statistische Auswertungen legen nun jedoch nahe, dass die tatsächliche Opferzahl deutlich höher liegen könnte.

Die Corona-Statistiken fungieren derzeit als eine Art globales Fieberthermometer. Dass auch die offiziellen Todeszahlen nicht das vollständige Ausmaß der Krise abbilden, verdeutlicht ein Blick in die besonders schwer betroffene Lombardei rund um Mailand:

Für die letzte Februarwoche und den gesamten März hat die italienische Statistikbehörde Sterbedaten aus 622 Gemeinden veröffentlicht, auf die 72 Prozent der Gesamtbevölkerung der Lombardei entfallen. Laut der Statistik starben hier während sechs Wochen rund 21.300 Menschen - das sind 13.000 Tote mehr, als in den vergangenen Jahren durchschnittlich im selben Zeitraum gemeldet wurden. Doch nur etwa die Hälfte dieser zusätzlichen Todesfälle ist durch die Zahl der offiziell erfassten Corona-Toten abgedeckt (im Diagramm dunkelrot). Für die andere Hälfte (hellrot) bieten sich verschiedene Interpretationen an.  

So könnten etwa während der Pandemie vermiedene Krankenhausbesuche, etwa bei Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Symptomen, für zusätzliche Todesfälle gesorgt haben. Gleichzeitig dürfte der geringere Verkehr zu einer Verringerung der Unfalltoten geführt haben. Der gegenüber dem langjährigen Mittel enorme Anstieg der Todesfälle legt eine weitere Schlussfolgerung nahe: Hinter der offiziellen Erfassung der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen verbirgt sich eine bedeutende Dunkelziffer. Die täglich vermeldeten Zahlen der Gestorbenen zeichnen ein unvollständiges Bild der Lage. 

In Italien werden nur Todesfälle in der offiziellen Corona-Statistik erfasst, die in Krankenhäusern aufgetreten sind und bei denen auch ein positiver Test auf Covid-19 vorliegt. Fehlende Testkapazitäten haben so auch Auswirkungen auf die Todeszahlen. Und Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen oder auch zu Hause sterben, finden keinen Eingang in die Statistik. 

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Zur Abschätzung der wahren Zahl der Pandemie-Toten bietet sich deshalb die Betrachtung der sogenannten Übersterblichkeit an. Der sperrige Begriff beschreibt eine zeitweise erhöhte Sterblichkeit, bei der die Zahl der Gestorbenen für einen bestimmten Zeitraum über der üblicherweise zu dieser Jahreszeit zu erwartenden Todeszahl liegt. Mit der Übersterblichkeit wird beispielsweise die Zahl der jährlichen Grippetoten geschätzt: Sterben während der Influenzasaison mehr Menschen als sonst, so gibt die Zahl der zusätzlichen Todesfälle Hinweise darauf, wie viele Menschen der Grippe erlegen sind.

Am Diagramm für New York City lässt sich sowohl der jährliche Anstieg der Todeszahlen zum Jahresanfang, als auch die abweichend hohe Sterblichkeit während der Grippesaison 2018 ablesen. Bereits erkennbar wird auch, welch extreme Sondersituation die Sterbezahlen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie darstellen. Verwendet wurde die Übersterblichkeit in der Vergangenheit beispielsweise auch zur Abschätzung der Opferzahlen, nachdem der Hurrikan Maria 2017 über Puerto Rico hinwegfegte. Die offizielle Opferzahl von zuerst 64 wurde so nachträglich auf etwa 3000 korrigiert. Und eines Tages wird man mit der Übersterblichkeit auch die finale Bilanz der Corona-Pandemie ziehen. 

Schon jetzt zeigt sich auch in weiteren Ländern eine auffällige Übersterblichkeit. In Spanien liegt die Zahl der Todesfälle seit Mitte März weit über den statistisch zu erwartenden Werten. Sterben normalerweise landesweit zu dieser Zeit knapp über eintausend Menschen täglich, so waren es von Ende März bis Anfang April 2020 durchgehend mehr als doppelt so viele. Rund zwei Drittel der Übersterblichkeit lässt sich dabei durch die offiziell erfassten Covid-19-Todesfälle erklären. Die zusätzlichen Abweichungen vom langjährigen Mittel legen nahe, dass circa 8000 weitere Todesfälle im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stehen.

Bei der landesweiten Betrachtung gilt es allerdings zu bedenken, dass die Pandemie je nach Region stark unterschiedlich gewütet hat. In immerhin sechs der 19 spanischen Regionen, allesamt Küsten- oder Inselregionen, betrug die Übersterblichkeit seit Mitte März weniger als 25 Prozent. Am anderen Ende des Spektrums stehen vier Regionen mit einer um mindestens 100 Prozent erhöhten Sterblichkeit. Allen voran die Region Madrid, in der beinahe viermal so viele Menschen starben wie im selben Zeitraum eigentlich zu erwarten war, sowie das benachbarte Kastilien-La Mancha.

New York gilt als einer der globalen Hotspots der Corona-Pandemie. Anfang April meldete die Stadt mehrere Tage in Folge über 500 neue Todesfälle. Der Blick auf die Übersterblichkeit relativiert dieses Bild allerdings etwas. Anders als in Italien oder Spanien ist die bislang erfasste Übersterblichkeit in New York City nahezu komplett durch die offizielle Corona-Statistik abgedeckt:

Eine mögliche Erklärung: In den USA wird anders gezählt. In die offizielle Statistik fließen seit 14. April nicht nur positiv getestete Tote ein, sondern auch Fälle, bei denen eine Corona-Infektion als wahrscheinlich gilt. Die Behörden in New York City, wo die offizielle Statistik oft als unvollständig kritisiert wurde, weil viele Infizierte auch zu Hause sterben, sind dazu bereits eine Woche früher übergegangen.  

Der "Economist " hat die Situation in weiteren Ländern und Regionen untersucht.  

Vergleicht man die offiziell erfassten Todesfälle mit der Übersterblichkeit im selben Zeitraum, so ergibt sich, wie auch im obigen Beispiel, für New York City eine nahezu vollständige Übereinstimmung. In Spanien und der Lombardei können 35 beziehungsweise 52 Prozent der Übersterblichkeit nicht durch die offiziellen Zahlen der Corona-Todesfälle erklärt werden. Noch größer sind die Abweichungen vor allem in Istanbul und Jakarta.

Indonesien gehört zu den ersten Entwicklungsländern aus denen Angaben zur Übersterblichkeit vorliegen. Genau betrachtet handelt es sich hier nicht um offizielle Sterbezahlen, sondern um die Zahl der Beerdigungen in der Hauptstadt Jakarta. Diese umfassen rund drei Viertel aller Sterbefälle der Stadt und liegen relativ konstant bei monatlich knapp 3000. Dieses Jahr im März stieg die Zahl auf 4400, woraus sich eine Übersterblichkeit von grob 1500 Personen ableiten lässt.

Die offizielle Zahl der Corona-Todesfälle hingegen lag in Indonesien im März landesweit bei 84. Die Schwere der Corona-Pandemie wird durch die offizielle indonesische Statistik drastisch untererfasst. Erst die Betrachtung der Übersterblichkeit wird hier, wie auch in zahlreichen weiteren Ländern, die über geringe Testkapazitäten und/oder weniger verlässliche statistischen Erfassungsmethoden verfügen, eine Einschätzung der Schwere der Pandemie ermöglichen.  

Nicht zu unterschätzen ist unterdessen auch der zeitliche Verzug bis sich mittels der Zahl der Sterbefälle eine plausible Abschätzung der Corona-Toten ermitteln lässt. Der oben genannte Vergleich für England und Wales umfasst Daten, die bis zum 10. April bei der britischen nationalen Statistikbehörde eingegangen sind. Da die durchschnittliche Übermittlungszeit zwischen dem Todeszeitpunkt und dem Eingang in die Statistik vier Tage beträgt, dürfen aber insbesondere die Meldungen aus den letzten Tagen des Zeitraums unvollständig sein.

Die "Financial Times" nutzt deshalb die Todesfälle in Krankenhäusern (die bis inklusive 10. April mit recht großer Sicherheit erfasst sind) sowie das Verhältnis zwischen offiziellen Covid-19-Todesfällen und der sonstigen Übersterblichkeit um die gesamte Zahl der Todesfälle bis zum 21. April abzuschätzen.  Es ergibt sich so für Großbritannien eine geschätzte Zahl an Gestorbenen von rund 41.000. Die offizielle Statistik, die keine Angaben zu Todesfällen außerhalb der Kliniken enthält, erfasste zum gleichen Zeitpunkt 17.337 Corona-Tote. 

Für Deutschland sind ähnliche Auswertungen mangels zeitnah erhobener und veröffentlichter Daten bislang leider nicht möglich. Auf bundesweiter Ebene liegen lediglich Daten bis Mitte März  2020 vor. Mehrere statistische Landesämter teilten auf Anfrage des SPIEGEL mit, Daten könnten frühestens mit einem Monat Verzug veröffentlicht werden. Die Ursache: Die Todesfälle werden von den Standesämtern der Gemeinden erhoben, anschließend an die statistischen Landesämter gemeldet und dort plausibilisiert. Ähnlich wie auch bei der offiziellen Erhebung der Zahl der Infizierten werden auch bei den Todesfällen in Deutschland Daten somit später veröffentlicht als in anderen Ländern, dafür aber mit größerer Sicherheit. Frühere, ungefähre Abschätzungen werden so jedoch erschwert. Eine erste grobe Abschätzung der Übersterblichkeit für den Zeitraum bis Ende März wird sich voraussichtlich Ende kommender Woche treffen lassen.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels stand in der Legende der Diagramme zur Sterblichkeit in der Lombardei und in New York fälschlicherweise, es würde sich um tägliche Todesfälle handeln. Tatsächlich werden, wie auch im Text beschrieben, die wöchentlichen Todesfälle abgebildet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.