»Eine echte Notfallsituation« Drosten warnt vor 100.000 weiteren Coronatoten in Deutschland

Noch immer gibt es zu viele Ungeimpfte in Deutschland. Ohne härtere Coronamaßnahmen drohen nach Ansicht des Virologen Christian Drosten viele Opfer. Tests allein könnten die vierte Welle nicht brechen, nur neue Kontaktbeschränkungen.
Christian Drosten (Archivbild)

Christian Drosten (Archivbild)

Foto: Michael Kappeler / dpa

Der Virologe Christian Drosten hat vor einer Eskalation der Coronalage gewarnt. Würde jetzt nicht mit härteren Maßnahmen reagiert, sehe er angesichts der Erfahrungen in England mit einer ähnlich hohen Impfquote, aber deutlich mehr natürlichen Ansteckungen und Toten auch auf Deutschland bis zu 100.000 weitere Todesfälle zukommen, sagte Drosten in seinem Podcast auf NDR Info.  »Das ist eine konservative Schätzung.«

Drosten sprach sich dafür aus, neue Kontaktbeschränkungen zu erwägen. Man müsse die Infektionstätigkeit wieder kontrollieren. Allein durch Testen werden man die Lage nicht unter Kontrolle bekommen. »Die Tests werden als Notbremse hingestellt, um die Welle zu brechen. Aber das werden sie in keinem Fall sein«.

Die bisherigen Wellen hätten gezeigt, dass eine Verhaltensänderung der Gesamtbevölkerung zum Sinken der Inzidenz beiträgt. »Wenn die Leute ihr Verhalten ändern und die Bedrohung ernster nehmen, hat das einen Effekt.« Deswegen sei klare Kommunikation essenziell. »Wir haben eine echte Notfallsituation«, sagte Drosten.

Situation schlimmer als vor einem Jahr

Nach Drostens Ansicht ist die Situation schlimmer als vor einem Jahr. Die Delta-Variante mache auch Geimpfte schnell zu Überträgern. Gleichzeitig bewegten sich diese Menschen relativ frei in der Gesellschaft. »Das Virus kommt so zu den Ungeimpften, und die fallen auf als schwere Fälle«.

Booster-Impfungen für alle in Deutschland seien notwendig. »Der Impfstoff war nicht gezielt für die Delta-Variante gemacht, sondern für ein Virus, das heute gar nicht mehr zirkuliert.« Schaffe man es, die Hälfte der Bevölkerung zu boostern, dann würde das die Übertragungsrate deutlich senken.

Mittel- und langfristig sei der Ausweg aus der Pandemie klar: »Wir müssen die Impflücken schließen.« Auf eine dreifach geimpfte Bevölkerung könne man angesichts volllaufender Intensivstationen aber nicht warten, sagte Drosten. Er erwarte einen sehr anstrengenden Winter »mit neuen, sagen wir ruhig: Shutdown-Maßnahmen«. Maßnahmen wie 3G oder selbst 2G reichten vermutlich nicht aus, um angesichts der Delta-Variante die Zahl der Infektionen genug zu senken.

sol/dpa
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